Eine ganze Generation gilt als arbeitsscheu und nicht belastbar. Dabei hat die Gen Z – junge Menschen zwischen 15 und 30 Jahren – eine andere Ausgangslage, um ins Berufsleben zu starten, als noch ihre Eltern oder Großeltern. Sozialforscher Dr. Kilian Hampel ordnet die Situation ein.
Ende des letzten Monats veröffentlichte Influencer und „Germany’s Next Topmodel“-Teilnehmer Julian Kamps ein Video. Es zeigt ihn auf dem Nachhauseweg von seiner kürzlich angetretenen Arbeitsstelle:
„Wir haben jetzt 18.41 Uhr, ich habe das Haus um 7.30 Uhr verlassen. Ich bin jetzt gerade kurz vor meiner Haustür … Ihr wollt mir doch nicht sagen, dass das Leben ist! Ich hätte jetzt legit dreieinhalb Stunden, um zu leben, damit ich morgen wieder fit auf die Arbeit gehen kann.“
Das Video hat mittlerweile knapp 13.000 Kommentare und mehr als 200.000 Aufrufe. Wenig überraschend hat die Kritik des 24-Jährigen am klassischen Nine-to-five-Arbeitstag in den Medien – nicht nur in den sozialen, sondern auch in den klassischen – Wellen geschlagen und für Kritik einerseits, aber auch Zuspruch andererseits gesorgt.
Dass die Reaktionen auf beiden Seiten emotional ausfallen, ist kein Wunder. Die Debatte über die Belastbarkeit junger Erwachsener wird derzeit stark moralisch aufgeladen geführt. Die junge Generation sei realitätsfern, sagen die einen. Endlich stellt sich jemand gegen ein veraltetes System, sagen die anderen.
Sozialforscher Dr. Kilian Hampel fasst die Diskussion zusammen: „Jungen Menschen wird oft vorgeworfen, nicht mehr belastbar und weniger leistungsbereit zu sein und gleichzeitig unrealistische Ansprüche zu haben. Die Gen Z wiederum kritisiert bei den Älteren oft fehlende Empathie, veraltete Arbeitsmodelle und die Hinterlassenschaft ungelöster Krisen.“
Aufgeladene Debatte
Kamps’ Video ist nicht das erste, in dem junge Menschen sich von einem klassischen Acht-Stunden-Tag überfordert zeigen und Unverständnis dafür äußern. Die Videos werden häufig als Gejammer einer arbeitsunwilligen und nicht belastbaren Generation interpretiert. Wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen jedoch ein komplexeres Bild. Zu diesem Ergebnis kommt auch Hampel, der Co-Autor der „Trendstudie Jugend in Deutschland 2025“ ist.
Die Studie, bei der über 6.000 Menschen im Alter von 14 bis 69 Jahren befragt wurden, zeigt in ihren Ergebnissen eine junge Generation, die nicht grundsätzlich überfordert oder arbeitsscheu ist, aber in völlig anderen Rahmenbedingungen agieren muss als noch ihre Eltern, so Hampel.
Zukunftsängste haben alle Generationen gleichermaßen. Die größeren Pessimisten, sagt Hampel, seien allerdings laut Studie nicht die jungen, sondern die älteren Generationen. Den Vorwurf der Schwarzmalerei kann man der Gen Z also nicht machen. „Sie spiegelt also eher die allgemeine Stimmung, statt sie allein zu verursachen“, sagt Kilian Hampel.
Dass die momentane Stimmung in der Gesellschaft also generationsübergreifend nicht gerade optimistisch ist, ist kein Geheimnis. Entscheidend für den Umgang mit Pandemie, Kriegen oder Wirtschaftskrisen ist aber vor allem auch, an welchem Punkt der individuellen Biografie ein Mensch damit konfrontiert wird. Während ältere Generationen sich bereits im Leben etablieren konnten, haben junge Menschen für den Start in ein eigenständiges Leben gerade eine schwierige Ausgangslage.
Kurz gesagt: Ein wirklich stabiles Fundament kennt die Gen Z in Bezug auf Wirtschaft und Politik gar nicht erst. Stattdessen finden sie sich in einer Zeit von globalen Krisen und nationaler Anspannung wieder, in der Vollzeiterwerbsarbeit immer seltener soziale Stabilität garantiert oder gar Aufstiegsmöglichkeiten bietet. Auch das fehlende Vertrauen in die Politik sorgt für Unsicherheit. Auf der anderen Seite gibt es einen stärkeren Fokus der jungen Generation auf mentale Gesundheit, während ihre Vorgängergenerationen womöglich in diesem Bereich noch gelernt haben, viele belastende Situationen als gegeben hinzunehmen oder eben auf Kosten der eigenen psychischen Gesundheit auszuhalten.
Die psychischen Belastungen nehmen also durchaus zu, fasst Hampel zusammen. Anstatt sich in ihr Schicksal zu ergeben, suchen viele junge Leute nach einer Möglichkeit, dennoch irgendwie klarzukommen – und dabei auch für sich selbst und die eigene Gesundheit einzustehen. „Leistungsfähigkeit ist das eine, aber ständige Überstunden und Selbstausbeutung sind etwas anderes. Die Gen Z ist bereit zu leisten – aber nur zu fairen Bedingungen“, sagt Hampel. Viele junge Menschen würden deshalb ihre vorhandenen Ressourcen überdenken, auch wenn sie grundsätzlich leistungswillig seien. Seiner Meinung nach zu Recht, fügt Hampel hinzu.
Empirische Jugendforschung in Deutschland, darunter auch die Trendstudie, zeigt also: Das Gefühl der übermäßigen Belastung vieler Jugendlicher lässt sich nicht allein durch fehlende persönliche Resilienz oder Lustlosigkeit erklären, sondern nur in Verbindung mit den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten.
Dauerstress und Reizüberflutung
Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die Digitalisierung und das gleichzeitige Existieren in der digitalen und der analogen Welt. Dass junge Menschen, wie oft angemerkt wird, schon in simplen Alltagssituationen nicht mehr zurechtkommen, Angst vor dem Telefonieren haben, grundlegende Höflichkeitsregeln nicht mehr befolgen oder beim Gespräch keinen Blickkontakt mehr herstellen können, sieht Hampel als Symptome, die nicht aus Bequemlichkeit oder Unhöflichkeit entstehen, sondern „aus Dauerstress, Reizüberflutung und digital geprägten Kommunikationsmustern“. Viele junge Menschen hätten beispielsweise gelernt, im virtuellen Raum präsenter zu sein als im direkten Sozialkontakt – und seien entsprechend unsicher.
Für die heutige junge Generation ist das digitale Leben ein fester Bestandteil ihres Alltags – als Digital Natives kennen sie es nicht anders. Kommunikation, Lernen, Unterhaltung und Selbstdarstellung finden zunehmend online statt. Damit gehen jedoch auch vielfältige Herausforderungen einher, die weder die Eltern- noch die Großelterngeneration so erfahren hat. Das hat vor allem mit der enormen Beschleunigung der Kommunikation und der sich immer weiter steigernden Gleichzeitigkeit mehrerer Handlungen zu tun. Digitale Reizüberflutung und dauerhafte Erreichbarkeit beeinträchtigen die Konzentration und Regeneration. Der ständige Zugang zu sozialen Medien und digitaler Kommunikation führt außerdem zu einem erhöhten Druck, sich permanent zu präsentieren und sich mit anderen zu vergleichen.
Zudem sind junge Menschen verstärkt mit Cybermobbing, Desinformation und problematischen Online-Inhalten konfrontiert. Krisen, Konflikte und gesellschaftliche Probleme erleben sie über soziale Medien viel unmittelbarer und dauerhafter als frühere Generationen. Das verlangt nicht nur Medienkompetenz, sondern auch emotionale Resilienz und damit eben auch Fähigkeiten, die oft erst erlernt werden müssen und zusätzlichen Raum in der persönlichen Entwicklung fordern.
Auch die Corona-Zeit hat ihren Teil dazu beigetragen, das Erlernen eines normalen analogen Alltags zu erschweren, erklärt Hempel: „Die Pandemie hatte hier sicherlich einen großen Anteil: Sie hat zentrale Entwicklungsphasen unterbrochen – soziale Kontakte, Bildungswege, Berufsorientierung. Das führte zu mehr psychischen Belastungen, Unsicherheit und geringerer sozialer Routine.“
Verantwortung lernen
Die junge Generation hat Jahre erlebt, in denen wesentliche soziale Lernprozesse nur eingeschränkt stattfinden konnten. Das betrifft schulische Kommunikationsgewohnheiten ebenso wie die Ausbildung von Routinen zur Stressbewältigung. Aktuelle Forschung legt nahe, dass dieser fehlende Erfahrungsraum langfristige Auswirkungen auf Stressregulation und das Abschätzen von alltäglichen Abläufen hat.
Die Frage in der – auf beiden Seiten häufig von Stereotypen und Vorurteilen geprägten – Debatte um Gen Z auf der einen und Boomer auf der anderen Seite lautet deshalb weniger, wer „recht“ hat, sondern: Nach welchen Bewertungsmaßstäben sollten Leistung, Belastbarkeit oder Normalität im Jahr 2025 überhaupt noch definiert werden?
Die These, die Gen Z sei einfach überbehütet und nicht belastbar, greift deshalb zu kurz. „Der Vorwurf ist nicht völlig falsch, aber unvollständig“, sagt Kilian Hampel auf die Frage, ob junge Menschen heute zu oft von ihren Eltern in Schutz genommen werden und deshalb keine Frustrationserfahrungen mehr machen. Stattdessen weist er auf eine gewisse Ambivalenz hin: „Viele junge Menschen erleben gleichzeitig Überforderung durch Krisen und Unterforderung in echten Verantwortungsräumen.“
Kurz gesagt: Es mangelt an Gelegenheiten, den eigenen Umgang mit Herausforderungen und auch Misserfolgen in einem angemessenen Rahmen zu erlernen und auszubauen. Große globale Krisen oder Kriege sind dabei sicherlich keine Herausforderungen, an denen man als Jugendlicher wachsen kann – ganz im Gegenteil, sie führen eher zu Ohnmachtserfahrungen und dem Gefühl, ja doch nichts bewirken zu können. Das Elternhaus und auch das schulische Umfeld spielen hier eine Rolle und können die Resilienz einer Person beeinflussen, sagt Hampel. Statt alle Verantwortung von Kindern fernzuhalten, können Eltern und Erziehungspersonen Räume bieten, „in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen, Fehler machen und Selbstwirksamkeit erleben können.“ Und er fügt hinzu: „Belastbarkeit entsteht nicht durch Druck, sondern durch konstruktive Herausforderungen.“
„Dialog ist die Voraussetzung“
Besonders der letzte Satz sollte aufhorchen lassen, wenn es um eine konstruktive Herangehensweise geht. Es fehlt also nicht nur, wie oft von Kritikern formuliert, an Frustration, so Hampel, sondern vor allem an sinnvoll gestalteten Herausforderungen, in denen junge Menschen Belastbarkeit entwickeln können, ohne dabei auszubrennen.
Dass der Generationenkonflikt teilweise recht verbissen geführt wird, ist derweil nicht neu. Kilian Hampel rät dazu, sich davon nicht in Panik versetzen zu lassen: „Die Vorwürfe bestehen seit Jahrhunderten. Schon Sokrates klagte über angeblich faule junge Menschen, während die Jungen sich über die Alten beschwerten. Das zeigt: Viele Generationenvorwürfe sind weniger Fakten als langlebige Stereotype – und sollten deshalb auch nicht überbewertet werden.“
Vielmehr ist eine objektive Frage dahinter wichtiger, bei der es nicht nur um Vorhaltungen geht, sondern um Lösungen: Welche psychischen und sozialen Voraussetzungen braucht eine junge Generation, um unter Bedingungen dauerhafter Unsicherheit stabil erwachsen zu werden – und damit auch Fuß im Arbeitsleben zu fassen?
Kilian Hampel sieht hier auch die Politik in der Verantwortung: „Unser Bundeskanzler sagt: ‚Wir können uns die Diskussion um eine Work-Life-Balance nicht leisten, wenn wir unseren Wohlstand bewahren wollen.‘ Ich sehe das genau andersherum: Ohne diese Diskussion haben wir gar keine Chance, Wohlstand langfristig zu sichern. Widerstandsfähigkeit entsteht nicht durch immer mehr Arbeit, sondern durch gesunde Bedingungen, unter denen Leistung überhaupt dauerhaft möglich bleibt.“
Er findet, das Bewusstsein der jungen Generation sollte gestärkt werden, dass sie durchaus auch Handlungsoptionen hat: Selbstwirksamkeit entsteht nicht durch moralische Ermahnung, sondern durch reale Gestaltungsmöglichkeiten.
Wie politische Maßnahmen in Deutschland aussehen können, ist eine Frage, die natürlich nicht einfach zu beantworten ist – aber auf keinen Fall ignoriert oder unterschätzt werden sollte. Als wichtigen Ansatzpunkt sieht Hampel den Dialog und das gegenseitige Zuhören: „Der erste Schritt wäre, überhaupt wieder gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Das klingt banal, ist aber zentral – viele Debatten laufen heute in digitalen Blasen, ohne echtes Verständnis füreinander. Wenn Politik, Wirtschaft und junge Menschen nicht miteinander reden, sondern übereinander, entstehen nur Vorwürfe statt Lösungen. Dialog ist die Voraussetzung dafür, dass sowohl Erwartungen als auch Verantwortung fair verteilt werden können.“
Und ganz so aussichtslos scheint es tatsächlich nicht zu sein. Die Studie „Jugend in Deutschland 2025“ kam zu dem Ergebnis, dass die junge Generation durchaus hoffnungsvoll bleibt. Vor allem ihr eigener Gestaltungswille motiviere sie. „Junge Menschen wollen etwas anpacken und arbeiten – aber für eine Zukunft, die Sinn ergibt und nicht auf unendliche Kosten ihrer Gesundheit geht“, sagt Kilian Hampel. „Hoffnung entsteht dort, wo sie das Gefühl haben, dass Engagement auch Wirkung zeigen kann.“