Ein Kommentar zum Kultur-Interview mit Ministerin Streichert-Clivot
Ausgerechnet Corona hat der freien Szene im Saarland Aufschwung verliehen. Saar-Kultur-Ministerin Christine Streichert-Clivot stand anfangs vor der Aufgabe, überhaupt zu verifizieren: Wer und wo sind die freien professionellen Künstler im Saarland? Wer außerhalb einer staatlichen Institution arbeitet, war existenziell bedroht. Freilich nicht jeder, denn materielle Grundlagen sind auch in Künstlerkreisen unterschiedlich verteilt. Und nicht jeder lebt von freier Kunst allein, mancher ermöglicht die freie Kunst durch einen Lehrauftrag oder eine andere Tätigkeit oder lebt im ererbten Haus. Tatsache ist, Ministerin Streichert-Clivot hat sich ernsthaft gekümmert. Bei den Interviews geht es zwar sachlich zu, aber dennoch bleibt Raum für eine Tonalität, der ich mehr als das Gesagte entnehmen kann.
Die freie Szene Saar existiert nicht als Gruppe, vielmehr handelt es sich beim Verein Netzwerk Freie Szene Saar um einzelne freischaffende Künstler, die für Produktionen zusammenfinden und Anträge selbstständig stellen. Die Vereins-Website bietet folgerichtig Links zu den Förderanträgen von Stadt und Land. Dass die Ministerin, wie dem Interview zu entnehmen ist, denkt, die Geschäftsstelle administriere Fördergelder, verwundert demnach. Den Wunsch des Netzwerks Freie Szene Saar nach einer Geschäftsstelle hat die Ministerin erfüllt und finanziert die Personalisierung weiter. Die Ziele gibt der Verein unter anderem mit „Interessenvertretung“, „Erfahrungsaustausch“ wie auch „Information der Öffentlichkeit“ an.
Ministerin Streichert-Clivot ist sozusagen die Mutter des Freistil-Festivals. Sie hat durch den initiierten Kulturgipfel nachdrücklich die freie Szene und Kulturinstitutionen zur Vernetzung sowie Kooperation aufgerufen. Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte wurde zum Veranstaltungsort für Freistil erkoren und bereichert das Kulturleben. Die nächste Ausgabe findet im kommenden Jahr statt.
Eine Mutter gibt viel und erwartet nichts? Wie anders wäre zu erklären, dass der ausdrückliche Wunsch, die ländlichen Regionen zu bereichern, von der Freien Szene Saar nicht aufgegriffen wird? Wir erinnern uns: Ende der Achtzigerjahre hat eine SPD-Regierung das Saarländische Landestheater geschlossen. Der Kulturauftrag der Bühne war, dass auch ländliche Regionen mit hochwertiger Theaterkunst versorgt werden. Längst schon hätte die Lücke geschlossen werden können. Formal hat die Ministerin freilich recht, wenn sie im Interview darauf hinweist, dass es ihr nicht zukommt, zu bestimmen, wo freischaffende Künstler auftreten. Eine Mutter ist und muss nicht objektiv sein, deshalb lobt die Ministerin „ihr Kind“ im Superlativ. Schließlich war sie Schutzheilige, pardon, Schirmherrin, beim Freistil-Festival.
„Wir haben im Bereich der freien Szene Mindesthonorare etabliert“, sagte die Ministerin im Vorjahres-Interview –
das ist unzweifelhaft von elementarer Bedeutung und das Wichtigste, was sie bisher für Freischaffende erreicht hat. Wieso sollte ein an einer künstlerischen Hochschule Ausgebildeter eine angemessene Gage an einer Bühne erhalten, sobald er jedoch als selbstständiger Künstler auftritt, mit Existenznot kämpfen?
„Lauter geworden“ sei die freie Szene, bemerkt Ministerin Streichert-Clivot. Der Verein Netzwerk Freie Szene Saar lud zur Diskussion „Braucht das Saarland einen Rat der Künste?“ und bot damit gleichzeitig auch der Ministerin ein Podium. Glaubt man der „Saarbrücker Zeitung“, zeigte sich Streichert-Clivot „sehr offen“ für die Idee. Dient das Lautwerden dem Selbstzweck Einzelner oder wird dadurch künstlerische Produktivität gefördert?
Weder ein weiteres Gremium noch eine administrative Stelle noch ein Produktionshaus sorgen für ein Mehr an Kreativität – so viel prophezeie ich. Dafür müsste das Budget der Haushalts- und Sondermittel zur Förderung der Freien Szene Saar weiter ansteigen. Bemerkt werden muss, dass, plus der städtischen Förderung, durchaus bemerkenswerte Summen für einzelne Produktionen zur Verfügung gestellt werden und dass das Theater im Viertel institutionelle Förderung erhält, um als Spielstätte der freien Szene zur Verfügung zu stehen.
Die Frage nach Qualität lasse ich momentan außen vor – ein weites Feld, unabhängig von freischaffend oder institutionell arbeitenden Künstlern – ebenso die Frage nach der Auswahl und den Kriterien der Jury, die Anträge befürwortet oder ablehnt.