„… macht mich taub und stumm“, sang Annette Humpe 1980 in dem Ideal-Song „Blaue Augen“. Rund 45 Jahre später ist der Stress, an Kohle zu kommen, so hoch, dass das Rumoren hinter den Schreibtischen wie eine stille Epidemie wirkt.
Ein Blick in die Büros deutscher Unternehmen bietet ein Bild, das sich von den Stockfotos einschlägiger Downloadportale erheblich unterscheidet. Anstatt entspannter, gut gelaunter Menschen, die begeistert auf den Bildschirm eines Laptops schauen, findet man verwaist wirkende Arbeitsplätze. Alternativ dazu sind andere Kolleginnen und Kollegen umrahmt von mehreren Screens, deren Rahmen mit Post-its übersät sind. Deren Mienen wirken angestrengt und zeugen von einer Gereiztheit, die allerdings im Rahmen einer Hustle-Culture (Betriebsamkeits-Kultur, frei übersetzt) keinen Platz hat. Das Zeitgeist-Phänomen kommt aus dem US-amerikanischen Kulturraum und ist dort einfach nur der Ethos, um sich den sogenannten „Amerikanischen Traum“ zu erfüllen. Der Begriff beschreibt eine Lebens- und Arbeitsweise, die von einem intensiven, unermüdlichen Streben nach beruflichem Erfolg und persönlichem Wachstum geprägt ist. Der dabei vermittelte Eindruck, dass sozialer Aufstieg nur vom Willen und der eigenen Härte, lange Stunden zu arbeiten, abhängt, verursacht selbstverständlich seelischen Druck.
Wollen und Können
Wegen Job-Plattformen wie Linkedin hat man den Vergleich zu seinen Kolleginnen und Kollegen vervielfacht und bekommt auch per Daumen hoch ein direktes Feedback von seinen Netzwerk-Cheerleadern. Die Campus-Zeitschrift „New University“ der University of California, Irvine, schreibt, dass sich Linkedin „von einer Rekrutier- und Arbeitsmarkt-Börse zu einer Arena des Self-Branding (Selbstdarstellung als Eigenmarke, Anm. d. Red.) entwickelt hat“. Per Angeberei von besonders fleißigen Influencern wird ein Image transportiert, dass Selbstausbeutung sexy sei. Natürlich arbeiten diese emsigen Bienchen der „Aufmerksamkeitsindustrie“ an Traumstränden immer weiter an einem Bild, das aussagt: „Das könntest Du auch haben, wenn Du härter dafür arbeiten würdest.“ Für Menschen, die völlig in ihrem Beruf aufgehen, sind viele Arbeitsstunden kein Stress. Die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiten aber, um laufende Rechnungen bezahlen zu können, nicht, um sich selbst zu verwirklichen. Gute Aufstiegschancen auf dem und Einstiegschancen in den Arbeitsmarkt sind nachweislich einer schwindenden Mittelschicht vorbehalten. Der Stress, der mit dem Dahinschmelzen dieser sozialen Gruppe einhergeht, wächst auch in Deutschland. Die größte Herausforderung für diese Einkommensgruppe, die laut Definition 75 bis 100 Prozent ihres Gehalts zur Verfügung hat, ist im Vergleich zu anderen europäischen Staaten vor allem die hohe Steuer- und Abgabenlast. „Mehrarbeit und mehr Leistung zahlen sich daher in der Mittelschicht netto nur sehr begrenzt aus“, sagt Andreas Peichl, Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen. Menschen mit mittleren Einkommen befänden sich am Rande ihrer Belastungsfähigkeit.
Mehr für wenige, Weniger für viele
Da sich der Arbeitsmarkt mit Künstlicher Intelligenz gerade in Richtung „Verdichtung für wenige, Wegfall für viele“ entwickelt, haben wir das anfangs skizzierte Büro-Bild von krassen Gegensätzen. Die Tatsache, dass für das erste Quartal 2026 insgesamt 4.573 Insolvenzen erfasst wurden – ein Niveau, das zuletzt im dritten Quartal 2005 übertroffen wurde –,
könnte ein Hinweis darauf sein, dass wir uns am Beginn einer Transformation befinden (Quelle: Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle IWH). 2005 wurden wegen der hohen Arbeitslosenzahl die sogenannten Hartz-IV-Gesetze beschlossen, ein Wandel, der gesamtgesellschaftlich nachhallt. Heute muss man sich fragen, ob man wegen seiner Berufswahl früher oder später von KI ersetzt wird. Vor dieser Kulisse kann man entweder den Kopf in den Sand stecken oder ihn verlieren. Oder sich dank einer Flexibilität, die von Verhaltenstherapeuten in sogenannten „Berufsproblem-Gruppen“ gefordert wird, anpassen und jedes Szenario „als Chance“ sehen. Noch mehr gesamtgesellschaftlicher Druck existiert seit den Hartz-IV-Gesetzen auch deshalb, da sich die Tarifspirale nach unten dreht und ein Job unter Umständen gar nicht mehr ausreicht, um laufende Kosten zu bedienen. Von 1994 bis 2024 stieg die Zahl der Menschen, die neben einem Hauptberuf noch einer Nebenbeschäftigung nachgehen, von 1,9 auf knapp fünf Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt). Mit dem jetzt drohenden Wegfall der Minijobs auf Empfehlung der Rentenkommission entstehen neue Unsicherheiten. Wie sich ein so großer Wandel mit unzähligen Unbekannten auf die Psyche der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auswirkt, ist zu erahnen. Die öffentliche Diskussion über die durch die Rentenlücke bedingte Notwendigkeit, länger und mehr zu arbeiten, hat mit Merz Äußerungen zur deutschen Faulheit längst begonnen.
Die kognitive Dissonanz bei der Arbeitnehmerschaft in arbeitsintensiven Branchen muss nach diesen Vorwürfen enorm hoch sein – genau wie der längerfristige Krankenstand wegen chronischer Überlastung.
Die „Hitliste“ langer Ausfälle
Im Mittel der Monate Januar bis Dezember 2025 lag der Anteil krankengeldberechtigter Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung, die krankgeschrieben waren, bei 5,7 Prozent. Zwischen 2016 und 2021 lag der Krankenstand im Jahresschnitt noch zwischen 4,2 und 4,3 Prozent. Die Anzahl der krankheitsbedingten Fehltage hat sich seit der Jahrtausendwende fast verdreifacht. In den Top Ten der Erkrankungen mit den meisten Ausfallzeiten liegen psychische Leiden mit 323 Fehltagen – hinter Krankheiten des Atmungs- (382 Fehltage je 100 Versicherte) und des Muskel-Skelett-Systems (350) – auf Rang drei. Am weitesten verbreitet sind affektive Störungen wie Depressionen sowie neurotische Belastungs-, Angst- und Anpassungsstörungen, die zusammengenommen für rund 91 Prozent der Ausfälle verantwortlich sind. „Die hohe Zahl psychischer Erkrankungen ist für die betroffenen Beschäftigten und ihre Arbeitgeber oft mit langen Fehlzeiten und einer Stigmatisierung verbunden“, so DAK-Vorstandschef Andreas Storm. Laut Statistischem Bundesamt beliefen sich im Rekordjahr 2023 die Kosten für die gesetzlichen Krankenkassen aufgrund psychischer Leiden auf 12,9 Prozent oder 63,3 Milliarden Euro. Auch für den Arbeitgeber sind die Kosten für krankheitsbedingte Ausfalltage extrem gestiegen. Neben Neueinstellungen haben hohe Krankenstände die Aufwendungen der Arbeitgeber für erkrankte Beschäftigte 2025 auf rund 82 Milliarden Euro steigen lassen. Binnen drei Jahren seien die Kosten so um zehn Milliarden Euro gestiegen, ermittelte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft 2025.
Büros als Kriegsgebiete
Neben der eingangs erwähnten Verdichtung von Aufgaben für wenige und dem Wegfall von Arbeit für viele sind sowohl die Rhetorik der ständigen Bedrohung um eine wirtschaftliche Rezession als auch der dargestellte Wegfall von einstmals als sicher betrachteten Stellen (VW streicht 100.000 Arbeitsplätze) ein permanenter Stressfaktor. Im Unterbewussten verhakt sich die in Firmen oft benutzte Kriegsrhetorik, die wenig motivierend ist. Ein Artikel des Bildungswerks (bnw.de) zeichnet ein eindrucksvolles Bild, wie negative Metaphern, die dem Militärglossar entlehnt sind, Dauerstress und Druck erzeugen. Begriffe wie „Märkte erobern“, „um Kunden kämpfen“ oder „Marktanteile verteidigen“ werden genau wie „Deadlines“ mehr als Bedrohung denn als Herausforderung empfunden. Weil Härte und Disziplin gegen wertvolle Softskills und diplomatische Sprache ausgespielt werden, verspielt man betrieblich gesehen wertvolle Ressourcen, denn Sprache fördert nachweislich positive wie negative Denkweisen. Auf einem hochkompetitiven Markt wird von der Geschäftsführung erwartet, dass es im Unternehmen oder im Betrieb geräuschlos läuft. Fallen Märkte weg, steht das Unternehmen unter Druck und die Schuldsuche ist ein Reflex, der zwar menschlich betrachtet nachvollziehbar, aber unter Annahme einer sich im Wandel befindlichen Arbeitswelt nicht an Personen und deren Versagen festzumachen ist.
Die emotionale Falle, in der sich Menschen befinden, wenn alte Erwartungen mit neuen Realitäten kollidieren, hat schon lange zugeschnappt, nicht erst, seit wir über Industrie 4.0 im Zuge der Digitalisierung des Arbeitsmarktes sprechen. Ohnmacht erzeugt eben seelischen Druck, und Vorausschauen ist zwar möglich, das Hinausschieben von Weichenumstellung aber eher wahrscheinlich. Eine positiv besetzte Sprachbenutzung innerhalb von Unternehmen wäre ein guter Anfang, den Stresslevel auf einfache Weise zu senken.