Der deutsche Bestseller-Autor Frank Schätzing hat ein Buch geschrieben, in dem er sein Leben mit dem des Weltstars David Bowie verknüpft. Es begann mit: „Ground Control to Major Tom“.
Vor knapp zehn Jahren, am 10. Januar 2016, endete die Reise zweier Männer, die gemeinsam in einem Raumschiff unterwegs waren, ohne dass einer der beiden davon etwas wusste. An diesem Tag starb der eine, David Bowie, in New York. Der andere, Frank Schätzing, hat nun ein Buch geschrieben. „Spaceboy – Über David Bowie. Über mich.“ hat er es genannt. „Mit 69 an Leberkrebs zu sterben? War das der Plan?“, fragt sich der Autor am Ende des Werks, in dem er seine und Bowies Biografien miteinander verknüpft. Bowie sei „ganz banal alt geworden“ – zumindest für einen Rockstar.
Frank Schätzing ist kein Rockstar, aber einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren seiner Generation. Er wurde zehn Jahre nach Bowie 1957 in Köln geboren. „Jeden Geburtstag feiere ich mit Begeisterung. Nicht, dass ich älter werde, sondern dass ich schon so lange auf der Party sein darf“, erzählt er. Wobei die ersten Jahre der Party nicht wirklich berauschend waren für den kleinen Frank. Er stand da eher in der Ecke, während die anderen feierten und sich wichtig machten. Die coolen Jungs zeigten ihm die kalte Schulter, denn im Gegensatz zu ihnen hatte er von nichts eine Ahnung – schon gar nicht von Musik.
Nicht mal in Sachen Mondlandung konnte er mitreden. Dabei hatte ihn die fasziniert, als er bei seiner Oma saß und die Übertragung der Landung im Fernsehen mitverfolgen durfte. „Ich musste auch zum Mond. Der Weltraum rief nach mir, wollte mich, rief mich mit der Stimme Tamara Jagellovsks, der schönen Eva Pflug, deren Karriere gerade im All verlorenging“, erinnert es sich. Leutnant Tamara Jagellovsk war die strenge Sicherheitsoffizierin an Bord der Raumpatrouille, die unter der Leitung von Dietmar Schönherr als Major Cliff Allister McLane, dem Kommandanten des „Schnellen Raumkreuzers Orion“, die Menschheit ab Ende 1966 vor dem Schlimmsten bewahrte.
David Bowie öffnete eine neue Welt
Trotz all des so erworbenen Wissens über das All hatte Frank Schätzig keine Chance, ernst genommen zu werden von den Jungs, zu deren Gruppe er gern gehört hätte. Mondlandung? Na ja, die Amis seien eben Imperialisten. Frank wurde wieder in die „Keine-Ahnung-Ecke“ gestellt. Dennoch: „Im Verzaubertsein fand ich Schutz und Geborgenheit“, erzählt er.
Dann kam dieser Tag im Jahr 1969. Frank Schätzing war zwölf Jahre alt und immer noch „nicht gerade der Experte für Coolness auf dem Schulhof eines Kölner Gymnasiums“, wie er schreibt. Er kann zwar den „Herrn der Ringe“ auswendig, aber von Popmusik hatte er so wenig Ahnung wie von Fußball – und geraucht hat er auch nicht. Doch dann legte ein neuer Musiklehrer mit langen Haaren und lässigen Klamotten im Unterricht eine Schallplatte auf: David Bowies „Space Oddity“.
„Ground Control to Major Tom, take your protein pills and put your helmet on“ – ab da sei „alles anders – eigentlich bis heute“, sagt Frank Schätzing. Ein Leben lang habe David Bowie, dieser Jahrhundertkünstler, ihn auf seinem Lebensweg begleitet, ihn bereichert und immer wieder auf eigenartige Weise „gespiegelt und durchquert“. David Bowie, dieses sich unter anderem 1976 bis 1978 in Berlin selbst ständig neu erfindende Gesamtkunstwerk aus Sänger, Songwriter, Tänzer, Schauspieler, Regisseur und Geschichtenerzähler, wurde für Frank Schätzing zur Inspirationsquelle seines eigenen Wegs als Kreativer – als Zeichner, Musiker, Performer, als Autor erfolgreicher Thriller und populärer Sachbücher. Hatte der Jugendliche Frank zuvor noch gestaunt, „wie bereitwillig meine Klassenkameraden sich den Feenstaub aus den Klamotten schüttelten, um etwas Vernünftiges fürs Leben zu lernen. Magie schien einem ordentlichen Broterwerb nicht zuträglich. Fantasie galt als Spinnerei“, erinnert er sich. Doch dann war da plötzlich „Space Oddity“, Major Tom im All – und „Träumen war rehabilitiert“. Gegen die coolen Jungs auf dem Schulhof hatte er es dennoch erst mal weiter schwer. „Der beste Song, der je geschrieben wurde“, erklärte er ihnen. Sie wollten das erst verstehen, als ihm der Musiklehrer beisprang und prophezeite, dass dieser Song Musikgeschichte schreiben werde, weil er der Anfang von etwas ganz Neuem sei.
Weltweiter Erfolg mit „der Schwarm“
„Brauchen wir Idole? Es scheint so“, schreibt Schätzing und liest es auch in der Hörbuchfassung von „Spaceboy“ selbst so vor. Mit Idolen sei das aber so: „Versuch nie, ihm oder ihr hinterherzulaufen.“ Und mit den großen Stars sei es schließlich so: „Sie übernehmen so wenig Verantwortung für uns, wie die Sonne Verantwortung für Sonnenbrand übernimmt.“
Das klingt aus heutiger Sicht abgeklärt und vernünftig. Aber ein Zwölfjähriger schätzt das anders ein, wenn er hört, sein Lieblingsfilm – „2001: Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1968 – habe seinen Lieblingsmusiker zu seinem Lieblingslied inspiriert. Das musste „Fügung“ sein. „Ich erkannte mich in Bowie. Träfen wir uns, würde er sich in mir erkennen“, war sich der junge Schätzing sicher.
Rund 56 Jahre später sieht der Autor das nüchterner: Ein einziger Song änderte nichts „am Grundübel des Erwachsenwerdens. Aber so viel wusste ich: Da draußen war ein Seelenverwandter. Ich fühlte mich nicht mehr ganz so einsam.“ Und wie durch ein Wunder half ihm David Bowie, seine eigene Kreativität zu entwickeln und das, was schon immer in ihm war, zu „befreien“. Klar, es musste die Musik sein. Schätzing wagte sich als Jugendlicher mit einer eigenen Band auf die Bühne – und er schminkte sich wie David Bowie.
„Im Grunde genommen war das ein sozialer Suizid, wenn man schon zu schüchtern ist, als man selbst auf die Bühne zu gehen und dann auch in so einem Outfit. Aber ich dachte, jetzt setzt du alles auf eine Karte“, sagt er heute. „Als ich dann so geschminkt war, habe ich mich das erste Mal gefühlt wie ich selbst. Das war verblüffend, und dann ging ich mit einem für mich unbekannten Selbstbewusstsein auf die Bühne und es funktionierte. Ich glaube, da habe ich ihn verstanden, warum er das machte.“ Während Bowie im Erfolg fast zugrunde und der Welt verloren ging und nach Berlin kam, um sich wieder zu finden, führte das Leben den anderen „Spaceboy“ weg von der Musik. Frank Schätzing studierte Kommunikationswissenschaft, war eine ganze Weile erfolgreich in der Werbebranche unterwegs. Anfang der 90er-Jahre fing er an, Satiren und Novellen zu veröffentlichen. Breitere Aufmerksamkeit erregte er mit seinem historischen Kriminalroman „Tod und Teufel“. Fünf Köln-Krimis hat Schätzing geschrieben, bevor er 2004 mit „Der Schwarm“ international bekannt wurde. Eine hochintelligente Lebensform aus dem Meer greift zusammen mit den Meeresbewohnern die Menschheit an – das war plötzlich ganz großer Stoff.
Es folgten unter anderem Romane, in denen es um Rohstoffabbau auf dem Mond, um Parallelwelten und Künstliche Intelligenz ging. Aber immer war da auch noch David Bowie in seinem Leben. Er hat seine Musik gehört, sein Leben verfolgt, war bei Konzerten. Er hat Bowie gesehen, nie hat Bowie ihn gesehen. Aber: „Ihm zuzuschauen und zuzuhören war, als reise man an der Seite eines Forschers in unerschlossene Gegenden. Eine ähnliche Reiselust führt dazu, dass ich mit jedem meiner Bücher radikale Themenwechsel vollziehe.“ Und noch etwas verbindet ihn mit David Bowie, schreibt Schätzing: „Beide gingen wir Risiken ein, übernahmen uns, zahlten den Preis dafür.“
Schätzing hat viel recherchiert für dieses Buch. Er habe „so ziemlich jedes Interview und jeden Artikel aus fast 60 Jahren“ gelesen, schreibt er in seiner Danksagung. David Bowie hat die vermeintlich gemeinsame Umlaufbahn vor zehn Jahren verlassen. Frank Schätzing bleibt auf Kurs: „Weiterhin werde ich das Geschenk des Universums feiern, leben zu dürfen“, schreibt er. Und: „Der Sinn des Lebens ist das Leben – miteinander, füreinander, umso mehr. Weil es endet.“ Oder wie es David Bowie formuliert hat: „Es ist ein schwindelerregender Gegensatz zwischen der Lust am Leben und der Endgültigkeit von allem.“