Merzig und Losheim haben sich im Sommer entschieden: Der Stadtrat, die Bürgermeister wollen keinen Schienennahverkehr. Doch die Museumsbahnbetreiber aus Losheim lassen nicht locker: Sie könnten die Strecke für einen Euro kaufen.
Ein Paukenschlag im Sommer: Die Bahnreaktivierungsinitiative der saarländischen SPD-Landesregierung wird von Oberbürgermeister Marcus Hoffeld und einer Koalition aus CDU, FDP und AfD ausgebremst. Merzig will keine öffentliche Nahverkehrsbahn auf der Trasse zwischen Merzig und Losheim. Lange Gesichter und Unverständnis bei den Befürwortern, die extra zur Stadtratssitzung angereist waren: Werner Ried vom Verkehrsclub Deutschland, selbst bei der Deutschen Bahn tätig, hatte extra symbolisch ein ICE-Modell auf dem „Silbertablett“ serviert. Denn die Reaktivierung der Strecke wäre zu 90 Prozent vom Bund und zu zehn Prozent vom Land bezahlt worden.
Anwohner haben sich an die Ruhe gewöhnt
Aber es gäbe zu viele Unwägbarkeiten, sagt Oberbürgermeister Marcus Hoffeld gegenüber FORUM. Alles entlang der Strecke, Haltepunkte, Park-&-Ride-Parkplätze, Radabstellanlagen und einige Grundstücke, um diese überhaupt bauen zu können, müssten von der Stadt bezahlt werden. Eine gut genutzte Buslinie, die R1, wäre im Falle einer Bahnreaktivierung nach Aussagen des saarländischen Verkehrsministeriums weggefallen. „Die R1 aber verbindet mehrere Neubaugebiete und ist stark frequentiert. Zu Fuß zu einem Haltepunkt zu laufen ist für Menschen, die dort wohnen, schlicht zu weit“, so Hoffeld. Die Linie wird derzeit vom Land bezahlt. Dritter Knackpunkt: das ehemalige Fliesenwerk von Villeroy & Boch direkt an der Bahnlinie. Da die Stadt noch nicht genau weiß, was mit dem Gelände geschieht, sei es verfrüht, hier Tatsachen zu schaffen. „Wir hätten einen Bahnübergang neu gebaut – das geht von Rechts wegen jedoch nicht – oder verlegt, was wiederum rechtlich nur ein paar Hundert Meter weit möglich ist.“ Viertens hätten sich Anwohner der Strecke mittlerweile daran gewöhnt, dass auf der Strecke, die seit einigen Jahren wegen Sicherheitsbedenken gesperrt ist, nun keine Bahn mehr fährt, und wollten, dass dies so bleibt.
Dass die Stadt Merzig vor allem wegen finanzieller Sorgen dagegen gestimmt hat, ist kein Geheimnis. Der Haushalt der Kommune, im Februar verabschiedet, ist noch immer nicht von der Kommunalaufsicht genehmigt. Die Rettung des Merziger Krankenhauses, die der Landkreis übernommen hat, wird von den Kommunen bezahlt – die Kreisumlage ist also gestiegen. „Klar gibt es Förderungen, auch für Anlagen rund um die Bahn. Aber die werden eben auch nur zu X Prozent gefördert“, wendet Hoffeld ein. „Solange ich keinen genehmigten Haushalt vorweisen kann, kann ich nicht für ein Projekt stimmen, dessen Kostensteigerungen in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht seriös vorhergesagt werden können.“
Vorteile für Firmen an der Merziger Strecke
Die Opposition im Stadtrat, die Grünen und die SPD, hätten für das Projekt gestimmt. Arndt Oehm, Fraktionsvorsitzender der SPD im Merziger Stadtrat, sagte zu den Argumenten des Oberbürgermeisters: „Wir sehen in der Anbindung des Geländes an die Bahnstrecke einen Vorteil für die Entwicklung des V&B-Geländes, eher eine Aufwertung und einen Standortvorteil. Lärmschutz hat für uns auch eine hohe Priorität, deshalb wollten wir die Lärmbelästigung durch verlässliche Gutachten feststellen lassen. Aber dazu kam es nicht, da mit dem Nein durch die Mehrheit im Stadtrat keine weiteren Planungen durchgeführt werden konnten.“ Im Verlauf der ersten Planungen wäre es erst zu solchen Gutachten über mögliche Auswirkungen gekommen, deren Fazit auch einen negativen Einfluss auf die Bahnpläne hätte haben können.
„Klar ist aber, dass die Bahnlinie eine wichtige Ergänzung des ÖPNV gewesen wäre. Busse stehen auch im Stau. Die Anbindung des Hochwaldes an die Bahn hätte dazu geführt, dass der Durchgangsverkehr durch Merzig mit Sicherheit abgenommen hätte“, so Oehm. „Merzig ist dabei nicht der Endpunkt der Bahn: Vom Merziger Bahnhof hätte man Verbindungen bis nach Saarbrücken und Trier gehabt, mit der Perspektive einer späteren Anbindung nach Luxemburg. Auch touristisch wäre dies ein Vorteil für den Landkreis gewesen.“ Und notwendige Investitionen in eine noch aufzubauende Infrastruktur rund um die Bahnlinie durch die Stadt „wären mit mindestens 75 Prozent durch das Land förderbar gewesen. Auch da wären Gutachten sinnvoll gewesen“, ergänzt der Fraktionsvorsitzende. „Alle jene Bedenken hätten durch Gutachten überprüft werden können. Dafür hätte man aber mit Ja stimmen müssen. Wenn die Gutachten vorgelegen hätten, hätte man immer noch dagegen stimmen können. So hat sich die CDU mit anderen Parteien für ein Nein entschieden, bevor die Fakten auf dem Tisch lagen.“
Wenige Kilometer weiter, in Losheim, eine ähnliche Entscheidung. Die Strecke, für die die Gemeinde Losheim als Betreiberin der Infrastruktur zu einem Teil verantwortlich ist, will man dort loswerden: Ihr Erhalt sei für die Gemeindekasse schlicht zu teuer, hieß es in einem Bericht des Saarländischen Rundfunks im Sommer.
Nun, einige Monate später, könnten die Karten neu gemischt werden. Bevor eine Bahnstrecke endgültig stillgelegt werden kann, muss vorher eine Ausschreibung stattfinden, um mögliche Betreiber zu identifizieren, die die Strecke doch noch übernehmen und betreiben wollen. Eine solche Ausschreibung hat die Gemeinde Losheim im August gestartet. Im Zuge der Recherchen zu diesem Text mochte sich die Losheimer Verwaltung mit Verweis auf dieses laufende Verfahren nicht zum Thema äußern.
Mitte November endet die Frist für die Abgabe eines Angebotes für die Übernahme der Merzig-Büschfelder Strecke bis zur Dellborner Mühle. Sie steht unter Denkmalschutz, ist 15 Kilometer lang, darf derzeit nicht befahren werden und kostet laut Gemeinde zirka 80.000 bis 100.000 Euro im Betrieb pro Jahr. Teile der Strecke müssten zudem von der Stadt Merzig gepachtet werden. Pacht und Kaufpreis: lediglich jeweils ein Euro, weil die Strecke seit Jahren keinen Gewinn mehr abwirft. Der Museumsbahnclub Losheim hat daraufhin zusammen mit dem Unternehmer Bernd Heinrichsmeyer ein Angebot abgegeben – keine Seltenheit in Deutschland, dass Museumsbahnen Teil von Betreibergesellschaften sind. Heinrichsmeyer stammt aus Merzig, die Rede ist davon, dort ein Bahninstandsetzungswerk zu errichten. Gemeinsam könnte man eine GmbH gründen, unter deren Dach dann auch die Museumsbahn tätig sein könnte.
Denn der Museumsclub will wieder die alten Dampfloks aus dem Schuppen holen, ankoppeln und Touristen in den sanierten, teils 100 Jahre alten Waggons durch das Nordsaarland fahren. So wie seit fast 44 Jahren, bis 2022, als die Strecke wegen Sicherheitsbedenken von der Landesaufsicht des Eisenbahn-Bundesamtes gesperrt wurde. Die Gemeinde setzte sie nicht wieder instand – aus bekannten finanziellen Gründen. Seither versucht sich der Verein mit Festen und Veranstaltungen in der Eisenbahnhalle, mit Zuschüssen vom Land, Mitgliedsbeiträgen und Spenden über Wasser zu halten. Vorher kamen in den Sommern 10.000 bis 15.000 Fahrgäste, die pro Fahrgast zuletzt etwa zwölf Euro in die Vereinskassen spülten. Daraus finanzierte sich der Erhalt des verkehrshistorischen Museums, der Loks und Waggons. Pro Jahr kosten alleine der Betrieb und die Pacht des Losheimer Bahnhofsgeländes den Verein etwa 14.000 Euro – ohne die Kosten, die die Reparatur der Fahrzeuge verschlingt. Vieles können die Clubmitglieder selbst bauen, drehen, zerspanen oder schmieden, für anderes aber braucht es Ersatzteile oder Neubauten von Fremdfirmen.
Markus Meyer ist erst seit einem Jahr Vorsitzender der Eisenbahnenthusiasten, die jedes freie Wochenende an den Waggons und den beiden rotschwarzen Dampfrössern werkeln. „In erster Linie wollen wir die Strecke sanieren, instand setzen, auch mit eigenen Mitteln, damit wir endlich wieder mit der Museumsbahn unsere Fahrgäste fahren können.“ Wie weit die Bahn fahren würde, kommt nun auf den Ausgang der Ausschreibung und eine mögliche Teilsanierung der Strecke an, sofern man sich mit der Gemeinde einigen kann. Dort wurde dem Club ein faires Verfahren zugesichert und Meyer hofft sehr, sich mit der Gemeinde einvernehmlich einigen zu können.
Darüber hinaus gäbe es weitere Interessenten, für die sich der Güterverkehr per Bahn über diese Strecke lohnen könnte. Meiser Solar in Niederlosheim erhält täglich aus dem Stammwerk in Schmelz/Limbach zahlreiche Stahlcoils. Auch das Losheimer Werk des MDF-Plattenherstellers Homanit würde von einer sanierten Verbindung profitieren. Es besitzt eine Bahnanbindung bis aufs Werksgelände, in Verlängerung der Museumsbahnstrecke um wenige Hundert Meter bis hinter die Dellborner Mühle.
Die Merzig-Losheimer Strecke hatte in dem Reaktivierungsgutachten, das die Landesregierung in Auftrag gab, entsprechend eine sehr gute Kosten-Nutzen-Bewertung erhalten. Diese Bewertung misst, vereinfacht gesagt, wie viel Geld die Strecke pro investiertem Euro abwerfen wird. Im Falle der Merziger Strecke wären dies 1,87 Euro pro investiertem Euro, sofern der ÖPNV im Halbstundentakt verkehren würde. Das Ergebnis lag damit landesweit auf Platz zwei hinter der Primstalbahn und noch vor demjenigen der Strecke Homburg-Zweibrücken (1,24 Euro pro investiertem Euro), an deren Reaktivierung in diesen Tagen bereits gearbeitet wird. Die Primstalbahn-Strecke wird bereits von der Meiser GmbH für den Güterverkehr gepachtet und könnte für den ÖPNV-Betrieb aufgerüstet werden. Die Merziger Strecke jedoch müsste komplett saniert werden: Freischnitt, neue Gleise, neue Schienen, Signale, Weichen, Digitalisierung. Einiges davon würden die Clubmitglieder aus Losheim sogar selbst übernehmen: das Wechseln der Gleisschwellen, den Transport von Material, das Freischneiden der Strecke zum Beispiel.
Landkreis mit den meisten Autos
Dass Merzig und Losheim keinen schienenbasierten ÖPNV haben wollen, bedauert Meyer. „Wir sind der autoreichste Landkreis im Saarland. Jeden Tag gibt es zig Staus zu den Stoßzeiten.“ Dies bestätigt auch die aktuelle Mobilitätsstudie des Landes. „Eine solche Bahn hätte den Straßenverkehr hier entlastet, zumal die heutigen modernen Bahnen und Waggons extrem leise sind.“
Die ländliche Struktur, die weit verstreuten Stadtteile Merzigs seien die Ursache dafür, sagt der Oberbürgermeister. „Warum leisten wir uns 15 Löschbezirke, so viele Schulen, Kitas und Friedhöfe? Weil die Abstände zwischen den einzelnen Stadtteilen und Orten im Kreis so groß sind.“ Deshalb sei ein idealer ÖPNV im Kreis schwierig, der Individualverkehr führend.
„Ich würde mir auch einen funktionierenden Bahnverkehr wünschen, aber das ist in unserer Situation, finanziell wie geografisch, nicht machbar.“ Stattdessen sähe er lieber einen Radweg anstelle der Schienentrasse von Merzig nach Losheim. So könne man den Radtourismus, der im Land ohne Frage boomt, von der Saar bis in den Hochwald verbinden.
Wie die Stadt Merzig reagiert, wenn Losheim nun die Strecke an die Museumsbahnbetreiber und Unternehmer Heinrichsmeyer verkauft, ist unklar. Denn dann könnte trotz Bedenken wieder eine Bahn fahren, möglicherweise auch Güterverkehr. „Wir wissen noch nicht, wie sich Losheim entscheiden wird“, sagt Hoffeld. Erst dann werde man sich positionieren.
Für einen schienenbasierten Nahverkehr gibt es in den kommenden Jahrzehnten in Merzig und Umgebung keine Zukunft. Dieser Zug ist abgefahren. Statt eines modernen elektrischen Triebwagens aber könnte bald ein anderer fahren – 90 Jahre alt, mit Dampfkraft.