Lange Motorhauben sind ein wichtiger Aspekt klassischer Schönheit von Autos. Der Morgan Plus Four hat davon viel zu bieten und ist ein echtes Liebhaberstück, das Sympathien weckt und Bekanntschaften verschafft. Wir haben ihn getestet – aus der Sicht des Beifahrers.
Mit großer Vorfreude erreichen wir den Morganpark in Barsbüttel bei Hamburg, um „unseren“ Morgan Plus Four in Empfang zu nehmen. Er steht direkt hinter der Eingangstür und wartet nur darauf, auf den Hof gefahren zu werden. Das übernimmt Lutz Leberfinger für uns, der vor Jahrzehnten den Morganpark Barsbüttel gegründet hat. Stolz und voller Enthusiasmus erzählt er von seiner eigenen Morgan-Geschichte. Davon, dass er und seine Mitarbeiter über Jahrzehnte die ohnehin schon individuellen und ausgefallenen Autos immer wieder weiter individualisiert haben. Was es nicht gab, haben sie versucht zu entwickeln. So entstanden viele individuelle Autos, die ausschließlich von Menschen gefahren werden, die ein ausgeprägtes Faible für klassisch schöne Fahrzeuge haben.
Wir können diese Begeisterung nachvollziehen. Am Morgan Plus Four ist einfach alles schön: die lange Motorhaube, die geschwungenen Kotflügel, das elegant abfallende Heck, das ein Ersatzrad mit Speichenfelge trägt. Wobei Speichenfelge Speichen meint, die auch Speichen eines stabilen Fahrrads sein könnten.
Ein Schaltknauf wie ein Holzlolli
Zum Glück ist das Wetter herrlich und wir können offen fahren. Wir sind beide große Menschen und müssen uns schon ein wenig in den Fahrgastraum „einfädeln“. Nachdem wir es geschafft haben, sitzen wir auf gut ausgeformten Sitzen bequem und mit genügend Beinfreiheit. Unser Gepäck findet hinter den Sitzen Platz. Wobei es etwas verwegen ist, von „Gepäck“ zu sprechen, denn es handelt sich lediglich um eine Fototasche und einen Rucksack – keinen Wanderrucksack. Die niedrige Windschutzscheibe halten drei Scheibenwischer bei Regen frei. Sie sind verchromt und passen zum chromglänzenden Rahmen ebendieser. Das Armaturenbrett ist auf das Nötigste reduziert, was einen ganz eigenen Reiz bietet. Die Mittelkonsole und der untere Rand des Armaturenbretts sind aus Holz. Der Schaltknauf passt nicht so ganz zum Interieur, ist er doch einer von BMW – er wirkt zu modern. Hierfür schafft der Morganpark aber Abhilfe, denn es gibt auch einen Schaltknauf aus einer runden Holzkugel, die auf einem „Stiel“ steckt, der aussieht wie ein dicker Lollistiel. Das passt sehr viel besser zu diesem Auto.
Nach einer kurzen Einweisung starten wir ins pure automobile Vergnügen. Unser erstes Ziel sind die Hamburger Hafencity und die Speicherstadt. Hier finden wir schöne Kulissen für Fotos unseres „Oldtimers“. Wie nicht anders zu erwarten, gefällt unser Testwagen auch anderen Leuten. Wir werden ständig gefilmt und fotografiert. Für ein Leben inkognito ist dieses Auto nicht geeignet. Einen Höhepunkt der Aufmerksamkeit finden wir, als zwei Stadtrundfahrten ihre Tour unterbrechen, um unser Auto und uns fotografieren zu können.
Eine „Bimmelbahn“, die auch durch die Speicherstadt fährt, hält an, um den Fahrgästen zu ermöglichen, den Morgan Plus Four vor einem alten Speicher zu fotografieren, wie wir es auch gerade machen. Als sie schließlich weiterfährt, tut sie das mit weniger als Schrittgeschwindigkeit. Die uns zugewandte Seite lässt keine Gesichter mehr erkennen, weil alle Passagiere ihre Smartphones vor der Nase haben. Ebenso fährt ein schwarzer VIP-Kleinbus ganz langsam auf uns zu, hält an und die Fahrerin spricht uns auf das Auto an. Unsere Antwort übersetzt sie ins Amerikanische – für ihre Fahrgäste. Das führt dazu, dass die „Besatzung“ des VIP-Busses vollständig aussteigt, darum bittet, den Motorsound hören, sich den Motor angucken und – vor allem – Fotos machen zu dürfen. Ob dieses Auto eine Replik sei, wollen sie wissen. Nein, das ist es nicht. Dieses Auto wurde immer so gebaut. Ob es auch andere Modelle gäbe. Ja, die gibt es. Einige – ebenso schön wie dieses. Nach geraumer Zeit verabschieden sie sich von uns mit Schulterklopfen und glücklichen Gesichtern. Die Reise nach Hamburg hat sich wirklich gelohnt! Einige Meter weiter fahren wir an einer Familie mit Hund vorbei. Der Vater sagt staunend zum kleinen Sohn: „Guck mal, was für ein cooles Auto!“ Der etwa dreijährige Knirps staunt nur mit offenem Mund.
Das Kopfsteinpflaster der Speicherstadt ist alt – und sehr holprig. Nicht das Ideale für die harte Federung des Morgans. Wir haben bei der langsamen Fahrt jeden Stein gespürt. Das macht aber nichts, denn dieses Auto macht trotzdem einfach nur Spaß! Es ist aber auch anders gar nicht möglich, denn der Morgan Plus Four ist nur 125 Zentimeter hoch. Er geht mir bei geschlossenem Verdeck also nur bis zur Hüfte.
Solange das Verdeck offen ist, ist der Einstieg ein Kinderspiel. Nachdem ich kurz über dem Straßenniveau den Türknopf gedrückt und die Tür geöffnet habe, lehne ich meinen Po an das obere Ende des Sitzes und lasse mich an der Rückenlehne – erstaunlich tief – auf den Sitz gleiten. Die Füße sollte man jedoch vorher in den Wagen stellen, denn alle, die nicht ausgesprochen gelenkig sind, müssen sonst eine kleine Turnübung vollführen, um auch die Beine ins Auto zu bekommen. Nach ein wenig Übung ist sogar der Ausstieg gar nicht so schwierig. Elegant sieht es nicht aus, wenn wir über 60-Jährigen uns aus dem Auto schälen, aber letztlich kein Problem.
Ein- und aussteigen will geübt sein
Am Nachmittag fängt es an zu regnen. Das verändert die Situation: Wir müssen das Verdeck schließen – und das ist gar nicht so einfach. Man kann nicht einen Knopf drücken, der alles automatisch erledigt. Beim Morgan ist Handarbeit gefragt. Das lernen wir bereits vor dem Start unserer Tour. Sowohl zum Öffnen als auch zum Schließen des Verdecks muss der Beifahrer neben seinem Sitz einen Hebel bedienen, der die Arretierung des Gestänges hinter den Sitzen löst. Jetzt ist die Spannung auf das Verdeck so weit gelockert, dass es ein Leichtes ist, die Verriegelung an der Windschutzscheibe zu lösen. Wir können das Verdeck nach hinten klappen. Aber Vorsicht ist geboten. Es liegt nahe, den Stoff des Daches einfach nach innen zu falten. Das allerdings ist fatal falsch, erklärt Lutz Leberfinger. Macht man dies, kann das Dach beschädigt werden. Daher müssen wir darauf achten, den Stoff des Daches erst nach hinten zu ziehen, bevor wir das Gestänge zusammenfalten. Danach ist der Rest ein Kinderspiel. Der Stoff wird unter das Heckfenster geführt, und die Arretierung hinter den Sitzen drücken wir wieder leicht nach unten, bis sie einrastet. Dann steht einem offenen Fahrvergnügen nichts mehr im Weg. Damit nichts flattert, müssen nur noch die beiden Dachenden mit Knöpfen an der Seite der Karosserie festgeknöpft werden.
Da es jetzt allerdings regnet, müssen wir das ganze Prozedere in umgekehrter Reihenfolge durchführen. Es braucht etwas Zeit, ist aber prinzipiell alles kein Problem. Mit wenigen Handgriffen ist das Dach geschlossen und unser „Sport-Oldtimer“ absolut wetterfest.
Was nicht mehr ganz so problemlos ist, ist jetzt der Einstieg mit geschlossenem Verdeck. Die Technik mit dem Po an der Rückenlehne funktioniert so nicht mehr. Jetzt ist eine neue Methode gefragt, um einzusteigen. Die sieht so aus, dass ich erst den linken Fuß ins Innere schiebe, dabei bereits gebückt bin und anschließend in der Manier eines „Klappmessers“ den Oberkörper zusammenfalte. Danach kann ich meinen Allerwertesten nach innen hieven. Fast geschafft! Fehlt nur noch der rechte Fuß, um starten zu können. Das ist dann mit etwas „Handarbeit“ auch möglich. Ich muss mein Bein ein wenig mit der Hand nachziehen – geschafft. Jetzt steht dem Vergnügen, unsere Spritztour mit dem Morgan Plus Four fortzusetzen, nichts mehr im Wege.