Die aufgeflammte „Stadtbild-Debatte“ ist deutschlandzentriert. Dabei diskutiert ganz Europa das Problem sich verändernder Lebensräume. Stadtbilder zwischen Banlieue und Bahnhofsviertel.
Die Nebensatz-Bemerkung von Bundeskanzler Friedrich Merz, im Zusammenhang mit Migration sei „im Stadtbild noch dieses Problem“ vorhanden, hat in der deutschen Öffentlichkeit eine heftige Debatte ausgelöst. Die einen loben, es sei gut, Missstände in Zentren anzusprechen. Das andere Lager meint, Merz stigmatisiere pauschal Menschen mit Migrationsgeschichte – „das spaltet und zerstört Vertrauen“, findet SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf.
Außerhalb der Bundesrepublik wird die hitzige Diskussion als „sehr deutsch“ wahrgenommen. In vielen europäischen Ländern ist die sichtbare Auswirkung von Migration schon seit Jahren ein Thema. So regt man sich in Frankreich schon immer über die „Banlieues“ auf – Vorstädte, in denen soziale Kontrolle fehlt. In Italien spricht man über die „Quartieri“ – Viertel mit viel Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Migranten. In Schweden sorgen „Problemområden“ für Zündstoff – Gegenden, die Einheimische lieber meiden. Die Briten beklagen den „inner-city decline“ – den Verfall der Innenstädte.
Eine Studie der Alliance of Democracies Foundation (AoD) unter fast 63 000 Menschen hat ergeben: Im Jahr 2024 hat für die meisten Europäer erstmals Einwanderungsbegrenzung „eine höhere Priorität als die Bekämpfung des Klimawandels“. Die vom einstigen Nato-Generalsekretär und Ex-Ministerpräsidenten Dänemarks, Anders Fogh Rasmussen, gegründete Denkfabrik sieht Deutschland mit 44 Prozent europaweit an der Spitze derjenigen Völker, bei denen Mi-grationsreduzierung das Topthema ist.
„Banlieues“ und „Quartieri“
Wissenschaftler erklären die deutsche Fixierung auf das Aussehen ihrer Städte mit der Historie. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau (Stichwort „Trümmerfrauen“) sei das äußere Erscheinungsbild als Symbol der Ordnung ein Teil des kulturellen Selbstverständnisses geworden. Das „Stadtbild“ sei in der Volksseele sozial-moralisch aufgeladen –
zumindest bei Älteren. Dieser Bewahrungswille hat sich bei Jüngeren abgeschliffen, zeigen die Anti-Merz-Proteste wie die der 26-jährigen bisherigen Klimaaktivistin Luisa Neubauer.
Vergleichbare Debatten über „das Stadtbild“ gibt es überall in der Europäischen Union – nur: Sie verlaufen anders. In Frankreich dreht sich der Streit um die „Banlieues“ weniger um die Anmutung von Straßen und Plätzen, sondern eher um soziale Segregation, die Abkopplung ganzer Stadtviertel und die Frage, wie viel Teilhabe der öffentliche Raum ermöglicht. „Ur-Franzosen“ thematisieren nicht die gepflegte Innenstadt, sondern die soziale oder sicherheitspolitische Nutzung von Park, Bus oder Straße.
In Italien wiederum beklagt man beim Zusammenspiel von Migration, Stadt und Öffentlichkeit eher die entstandene Schattenwirtschaft in Städten wie Turin oder Neapel (wissenschaftlich: „informelle Ökonomie“). Besonders im Fokus: der Drogenhandel, kontrolliert von Afrikanern. Italiens Schattenwirtschaft hat mittlerweile einen signifikanten Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Folge: geringere Steuereinnahmen und Fehlen sozialer Abgaben. Vielerorts gehören Migrantinnen und Migranten zum Stadtbild, etwa als Straßenreiniger, Müllwerker oder beim Bau. Das ist auch eine Folge von Projekten wie in Turin, bei denen Einwanderer in der Stadt öffentliche Flächen instand halten – so wird Teilhabe sichtbar.
Extreme Stadtbildveränderungen erlebt Großbritannien – mit nationalem Politiksprengstoff. In Großstädten wie London macht der Zuwandereranteil in einzelnen Bezirken, Boroughs, bis zu 45 Prozent aus. Dieser massive Zulauf löst Ängste aus, speziell in ohnehin abgehängten Gegenden. Denn er ist im Alltag spürbar: Knapper Wohnraum – der Wohnungsmarkt wird noch stärker überlastet. Nachbarschaften – sie verändern sich. Schulen, Einzelhandel, Gastronomie – überall agieren anders geprägte Personen, Schilder zeigen fremde Schriften. Die reale Erfahrung, Fremder im eigenen Stadtbild zu werden – „I feel like a stranger in my own town“ –, erzeugt Frustration bis hin zum Hass. Davon profitiert die Reform UK, die rechtspopulistische Partei des EU-Hassers Nigel Farage. Sie verzeichnet hohe Zustimmung in einstigen Labour-Stammbezirken mit hoher Kinderarmut und Frustration über etablierte Parteien.
Farage predigt landauf, landab in jedes sich bietende Mikrofon, Migration habe „die Lebensqualität für alle verschlechtert“. In den vielen traditionsreichen Orten, in denen sich das Stadtbild deutlich sichtbar geändert hat, hört man das gerne. Dass viele seiner vorgeschlagenen Maßnahmen kaum umsetzbar sind, interessiert die Wähler nicht.
Inzwischen bekommt der strategische, medienaffine Unterhaus-Populist Farage scharfe Konkurrenz von noch weiter rechts – in persona Tommy Robinson. Der mehrfach Verurteilte ist ein Agitator des rohen, außerparlamentarischen Wut-Nationalismus. Er inszeniert sich als Sprecher einer „unterdrückten weißen Arbeiterklasse“ – bedroht von Eliten und Muslimen. Seine Anhänger kommen aus einem subkulturellen, teils gewaltbereiten Umfeld: Fußball-Hooligans, ultranationalistische Gruppen, Verschwörungsgläubige.
Scheinbar friedlich ging es beim Thema Migration und Stadtbild-Veränderungen lange in Schweden zu. Dort sah man jahrzehntelang eher aus sozialwissenschaftlicher Perspektive auf den urbanen Raum. Es ging zentral um die Frage, Zugewanderten möglichst gut entgegenzukommen. Entfremdung der eigenen Bevölkerung im Alltag wurde im fast durchweg sozialdemokratischen Schweden eher akademisch betrachtet.
Seit einiger Zeit denkt das skandinavische Königreich um. Die konservative Regierung in Stockholm hat das Mi-grationsrecht verschärft, setzt auf Rückführung statt Integration und baut den Flüchtlingsschutz ab. Damit reagiert sie unter anderem auf zunehmende Gewalt brutaler Drogenbanden, die das Stadtbild stellenweise in No-go-Areas wandeln.
Europaweit ändern sich „Stadtbilder“
Bemerkenswert: Auch die derzeit oppositionellen Sozialdemokraten (SAP) sind auf ihrem Sommer-Parteitag umgeschwenkt – sie fordern jetzt die Zwangsumsiedlung von Migranten in besser gestellte Viertel. Denn dass Asylbewerber bislang selbst den Wohnort wählen durften, führte zur Ghettobildung. „Es tut mir leid, dass wir das zugelassen haben“, sagt Jonas Attenius, SAP-Chef der Hafenstadt Göteborg und Vorsitzender des Stadtrats. „Wir müssen die Bevölkerung auf lange Sicht mischen – in einer Generation.“
Solche Positionen kommen an. Der einstige UN-Blauhelmsoldat Attenius konnte das SAP-Ergebnis bei der vorigen Wahl in der zweitgrößten Stadt Schwedens signifikant steigern. Kritik, die Freiheit der Bürger werde eingeschränkt, verhallt. Andererseits: Den aufstrebenden rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) geht das Doktern am Stadtbild nicht weit genug. Richard Jomshof, Ex-Popmusiker und Chef des Justizausschusses im Stockholmer Nationalparlament: „Wir brauchen geschlossene Grenzen und eine echte Rückführungspolitik.“ Die SD will bei der Wahl 2026 mit einem totalen Migrationsstopp punkten.
Ob Marseille, Neapel, London oder Göteborg – bei alteingesessenen Bewohnern löst der Blick auf ihr Stadtbild oftmals diffuse Ängste aus. Das ist nicht anders in Berlin. Dort haben sich „T-Online“-Reporterin Annika Leister Überwachungsbilder vom sogenannten U-Bahn-Treter „tief in die Hirnwindungen“ eingegraben. Der hatte eine junge Frau hinterrücks eine Bahnhofstreppe herabgeschubst. Seitdem hat Leister ihr Verhalten geändert: „Eines tue ich nicht mehr: Am Ende von Treppen stehen bleiben – oder gar nah am Gleis auf die Bahn warten. Vor allem nicht, wenn junge Männer mit mir warten.“
Die europaweiten Debatten offenbaren Ängste, Erfahrungen und gesellschaftliche Spannungen. Solche Diskussionen werden mitentscheiden, welche Stadtbilder sich künftig in Europa he-rausbilden werden.