Dezenter Donner grollt in Richtung einer Legende: Der einstige Wimbledon-Sieger Boris Becker hat die Familien-Trainer-Bande von Alexander Zverev kritisiert. Hoffnung macht allerdings der deutsche Nachwuchs.
das Junioren-Doppel von Wimbledon - Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS
Vierzig Jahre nach dem Überraschungssieg von „Bum Bum Boris“ im legendären Londoner Vorort-Club ist wieder ein 17-jähriger deutscher Tennisspieler Grand-Slam-Sieger geworden: allerdings in Paris, nicht in Wimbledon. Und bei den Junioren, nicht bei den „Erwachsenen“, gelang dem Schweriner Niels McDonald der Griff nach einer der vier wichtigsten Trophäen im Tennis-Zirkus.
Das Kuriose und unterm Eiffelturm bislang Einmalige: Gegen einen weiteren Deutschen, nämlich den 18-jährigen Max Schönhaus, spielte der im walisischen Cardiff geborene Niels im Finale von Roland Garros. Gegen jenen Schönhaus, der vergangenes Jahr dann doch als 17-Jähriger aus Wimbledon einen Grand-Slam-Titel mitbrachte: den eines Junioren-Siegers im Doppel.
Vom 30. Juni bis zum 18. Juli ist wieder Wimbledon-Zeit, mit ganz klassischem Tennis auf „heiligem“, grünem Rasen. Mit Top-Spielerinnen in rein weißen Gewändern und roten Erdbeeren mit Sahne in den Händen eines noblen, teils königlichen Publikums, das aufmerksam klatscht und – nun, ja – auch tratscht, ob alles gut bestellt sei, in der Tenniswelt.
Nur zwei Männer und zwei Frauen
Die Junioren Niels und Max sollen im Londoner Vorort dabei sein. Vielleicht gar auf dem Centre Court, den Boris Becker am 7. Juli 1985 zu seinem Wohnzimmer erkor. An jenem Tag, in dessen Folge das deutsche Tennis zum zweitbeliebtesten Zuschauersport aufstieg. Weil der damalige Juniorenweltmeister aus Leimen seine Tenniskarriere gerade mal 17-jährig mit dem Sieg über Kevin Curren im Finale der Wimbledon Championships krönte: Als bis heute jüngster männlicher Spieler wurde Becker zum Gemälde in der Galerie der Wimbledon-Gewinner. Über den 40. Erfolgsjahrestag des Boris Becker aus Leimen, dem zu Ehren ein Leimener Bäckermeister ein „Bobele“ in Gebäckform schuf, wird dieses Jahr zu reden sein in den Boxen der auffällig behüteten Damen und Herren. In dem Land, das Becker auch weniger rühmliche Nachrichten bescherte, indem ihn ein Londoner Gericht zu einer Haftstrafe verurteilte. Ladies und Gentlemen werden auch darüber räsonieren, dass es im ausgereiften Tennissport der Gegenwart unmöglich wäre, als Heranwachsender mit nur 17 Jahren einen Grand-Slam-Titel zu holen.
Trotz Qualität und Quantität kritisiert jener Herr Becker, der bis 2020 vier Jahre als „Head“ das deutsche Spitzentennis anleitete, die deutschen Hoffnungsträger. Leidenschaft wünscht sich der 57-Jährige von ihnen: „Willst du der Beste der Welt sein? Das will ich sehen, aber auch spüren.“
Kurz vor dem Start von Wimbledon stehen gerade mal zwei Männer – Alexander Zverev und Daniel Altmaier – und zwei Damen – Eva Lys und Tatjana Maria – in den Top 100 der Tenniswelt und somit auch ohne Qualifikationsrunden selbstverständlich in den zwei Hauptwochen der Grand Slams. Die 37-jährige Maria brillierte jüngst im WTA-Vorbereitungsturnier in London.
Der 28-jährige „Sascha“ Zverev, Nummer drei der Welt, hat fast alles erreicht – bis auf Grand-Slam-Titel. Jüngst schied der Hamburger gegen Novak Djokovic im Viertelfinale der French Open aus. Prompt kritisierte Becker, dass der Olympiasieger zu wenig „brenne“ und gegen die Top-Spieler stets „im selben Trott“ spiele. Der 57-Jährige improvisierte gar eine fiktive Motivationsrede von Sascha an Sascha: „Junge, ich bin 28. Ich will es noch mal wissen. Ich versuche noch mal, alles auf den Kopf zu stellen.“
Mit „auf den Kopf stellen“ meint der ehemalige Wimbledon-Champion, einmal mehr einen Coach von außen zu holen. Einen weiteren Spitzentrainer, der vielleicht nicht mehr in einer „Konstellation“ zwischen Vater und Bruder eingebettet sei. Um doch noch einen Grand-Slam-Titel zu erringen. Becker: „Irgendwann brauchst du neue Geräusche und ein neues Umfeld. Im Fußball ist das auch so, da bleibt der Trainer im Normalfall auch nicht zehn Jahre bei einem Verein.“ DTB-Ex-Chef-Coachin Barbara Rittner empfand zudem Zverev und seine Box im French-Open-Match gegen den „Djoker“ als zu ruhig. Sie ließ auch seine Entschuldigung wegen kühler werdender Temperaturen nicht gelten.
Deutschlands derzeit Bester ging erst mal golfen. Entspannt vom Rasen, sagte Alexander Zverev in Stuttgart: „Ich glaube, wenn es bei mir gut läuft, dann mache ich immer alles richtig. Und wenn es bei mir schlecht läuft, dann sind alle immer sehr, sehr schlau. Da gehört Boris leider dazu.“
Gerade mal noch in den Top 200
Eva Lys stellt sich mit einer Autoimmunkrankheit und Alexander Zverev trotz Diabetes auf den Courts der Welt einer konditionell optimierten, internationalen Konkurrenz. Auch bei widrigen Bedingungen. Das sollte man nicht vergessen. Dennoch: Nach Lys, Position 60, und Zverev, ATP 3, Altmaier und Maria gähnt eine weite Lücke hin zu weiteren deutschen Spielern in der Weltrangliste, die in wichtigen Turnieren auftrumpfen können. Die als neue goldene Generation für die Gegenwart während der 2010er-Jahre aufgebaut worden wären. Spanien – mit vielen Top-Leuten außer dem 21-jährigen Titelverteidiger Carlos Alcaraz – Frankreich – aktuell auch mit der Durchstarterin Louise Boisson – oder England – derzeit etwa mit dem Spitzenstürmer Jack Draper – plagen solche Sorgen nicht.
Laura Siegemund, Ella Seidel, Jule Niemeier, Tamara Korpatsch und Mona Barthel rutschen kurz nach den French Open zwischen Platz 100 und 200 herum. Jan-Lennard Struff stürzte von Platz 21 im Jahr 2023 jüngst dramatisch auf Platz 103 ab. Auch Yannick Hanfmann ist nur noch in den Top 200.
In den Top 300 immerhin tummelt sich mit Justin Engel und Max Hans Rehberg hoffnungsfroher, junger Nachwuchs. Gehen wir also zurück in die Zukunft: Junioren-French-Open-Finalist Schönhaus soll als Kind von der Mutter von Tennisprofi Jan-Lennard Struff, Martina Struff, die selbst Tennistrainerin ist, als Talent entdeckt und gefördert worden sein. Wie der Weltranglisten-Erste, der Italiener Jannik Sinner, musste auch Max für seine Tennis-Träume früh von seinen Eltern weg. Mit 14 Jahren nach Hannover ins Tennis-Internat des Bundesstützpunktes, mit 16 Jahren an die berühmte IMG-Akademie in Florida, die 1978 Nick Bollettieri gründete. Der legendäre Coach von Boris Becker, Tommy Haas und auch Serena Williams.
Der 18-jährige Sauerländer Schönhaus will offenbar schon in jungen Jahren an die Spitze: Für Wimbledon ist er erstmals im Hauptfeld des Junioren-Grand-Slams gesetzt. Ist für den Jungen aus Niederense, das an der Pforte zum Sauerland liegt, damit die Tür offen, Junioren-Champion in Wimbledon zu werden? Oder wird es doch der French-Open-Junioren-Sieger Max McDonald, der im walisischen Cardiff zur Welt kam, das ähnlich grün ist wie der Rasen von Wimbledon?
So’n kleines Wunder, 40 Jahre, nachdem der damals 17-jährige Leimener Boris Becker den Pokal des berühmtesten Tennisturniers der Welt in die Luft reckte, wäre mindestens so fein wie die Erdbeeren mit Sahne fürs Publikum in England. Ein weiterer Sieg in der Juniorinnen-Doppelkonkurrenz würde die Feierlaune noch steigern: Eva Bennemann aus einer Kaderschmiede, in der Rittner mitwirkt, und Porsche-Talent-Team-Spielerin Sonja Zhenikhova holten sich den Doppeltitel der jungen Damen in Paris und könnten daran in Wimbledon anknüpfen. „Eva und Sonja haben ein fantastisches Turnier gespielt und gezeigt, dass sie zur Weltspitze gehören“, betonte DTB-Vorständin Veronika Rücker.
Fürs Wimbledon-Hauptfeld der Juniorinnen ist im Einzel neben Zhenikohva auch Julia Stusek gesetzt. Der Deutsche Tennisbund freut sich deshalb jetzt erst mal, was ist und was kommt – auch wenn aktuell nur zwei deutsche Männer und zwei deutsche Frauen unter den Top-100-Tennisstars der Welt rangieren. „Wir sind sehr stolz, dass wir nach elf Jahren wieder einen deutschen Grand-Slam-Sieger im Junioren-Einzel haben, und gratulieren Niels zu diesem Titel. Gleichzeitig gratulieren wir auch Max zum Finaleinzug und einer herausragenden Leistung in Paris. Ein rein deutsches Finale auf einem Grand-Slam-Turnier ist ein historischer Moment für den deutschen Tennissport“, ließ Rücker vermelden.
Wohingegen im Eurosport-Studio Boris Becker und Barbara Rittner als Kommentatoren die Nachwuchsarbeit des Verbands mit Fragezeichen versahen. Die beiden ehemaligen DTB-Chefcoaches vermissen einen Plan für die gesteckten Ziele des deutschen Verbands: Nach dem „Leistungssportkonzept“ genannten Tennis-Businessplan sollen 2027 jeweils fünf DTB-Spielerinnen und -Spieler in den Top 100 der Tenniswelt zuhause sein.
Auf dem Weg nach oben seien finanzielle Förderung, Einbindung etwa in Davis- und Billie-Jean-King-Cup, unterstützende Begleitung sowie gesellschaftliche Anerkennung nötig. Rittner fragte, ob dieses „Wunschkonzert“ mit realistischen Zahlen operiere: „Wir haben Jugendliche, wir haben hoffnungsvolle Jugendliche, auch tolle Jugendliche, die auch hier in Paris gespielt haben […] Aber wer hat denn wirklich das Potenzial, den Willen, das Umfeld?“
Erfolgreiche Junior-Finals
DTB-Vorständin Rückert hingegen sieht nach den erfolgreichen French-Open-Junioren-Finals den großen deutschen Verband bestärkt: „Max und Niels haben eindrucksvoll gezeigt, wie stark unser Nachwuchs aktuell aufgestellt ist. Beide haben trotz aller Konkurrenz mit großem Teamgeist und herausragender sportlicher Klasse agiert – ein echtes Ausrufezeichen“.
Vielleicht müsste Sauerländer und Kanzler Friedrich Merz mal Sauerländer Max Schönhaus oder Manuela Schwesig den Schweriner Niels McDonald einladen? „Wir haben hier sehr gute Spieler, aber man muss sie respektieren“, beklagt Boris Becker die Stellung der Tennis-Profis und des Nachwuchses in Deutschland gegenüber den durch die Decke gehenden, starken Italienerinnen und Italienern. „In Italien werden die Profisportler wirklich gefördert, die werden respektiert, das sind Persönlichkeiten, und dann kommen auch die Leistungen.“
Auch bei den jungen Deutschen gibt es klangvolle Namen, die auch jetzt schon mit beachtlichen Leistungen im Duell mit internationalen Tennisgrößen und -talenten von sich reden machen: darunter vor allem Eva Lys und Ella Seidel. Oder Noma Noha Akugue, Julia Stusek, Victoria Pohle und Mariella Thamm. Oder bei den Männern aus dem Nachwuchskader Justin Engel und Diego Dedura-Palomero, die in München bei den BMW Open mit Riesenspaß trainierten.
Große Leidenschaft, auch gegen höher eingeschätzte Gegnerinnen alles zu geben, ist auch 40 Jahre nach Beckers Wimbledon-Paukenschlag bei deutschen Spielerinnen und Spielern, die um die 17 Jahre jung sind, da: Man muss nur genau hinschauen.