Wie gelingt es, aus einer Pflegeeinrichtung ein Zuhause zu machen? Zum zehnjährigen Bestehen der Residenz Losheim am See spricht Residenzleiter Thorsten Sprengart über Wachstum, Gemeinschaft, Pflege und seine Pläne für die Zukunft.
Herr Sprengart, die Residenz Losheim am See hat kürzlich ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert. Wenn Sie auf dieses Jahrzehnt zurückblicken: Was macht Sie persönlich heute besonders stolz?
Besonders stolz macht mich, dass wir hier vor Ort etwas geschaffen haben, das es in dieser Form zumindest in der Region und, wie ich glaube, auch im Saarland bislang nicht gegeben hat. Die Residenz ist über die Jahre kontinuierlich gewachsen, und vor allem erfüllt es mich mit Freude, zu sehen, dass sich die Menschen hier wohlfühlen.
Wir bieten viele Veranstaltungen und gemeinsame Aktivitäten an, die den Bewohnerinnen und Bewohnern ein aktives und erfülltes Leben ermöglichen. Vieles davon entspricht auch genau meiner persönlichen Vorstellung davon, wie ein gutes Leben im Alter aussehen sollte.
Wie hat sich die Residenz seit ihrer Eröffnung entwickelt, sowohl im Hinblick auf die Einrichtung selbst als auch auf das Miteinander innerhalb des Hauses?
Gestartet sind wir damals in deutlich kleinerem Rahmen mit etwa der Hälfte der heutigen Größe, einem kleinen Pflegebereich mit 44 Plätzen, 56 Apartments und einigen Urlaubsapartments. Dadurch herrschte von Anfang an eine sehr familiäre Atmosphäre.
Seit 2022 hat sich die Einrichtung nahezu verdoppelt. Hinzugekommen sind unter anderem ein größerer Bereich für Servicewohnen sowie weitere Apartments. Trotz dieses Wachstums ist das familiäre Miteinander bis heute weitgehend erhalten geblieben.
Das schätzen sowohl die Bewohnerinnen und Bewohner als auch unsere Mitarbeiter sehr. Man kennt sich untereinander, spricht sich mit Namen an und begegnet sich auf Augenhöhe. Im Grunde ist es wie in einer großen Familie. Natürlich gibt es unterschiedliche Charaktere und auch mal kleinere Reibungen, aber genau das gehört letztlich zu einem normalen Zusammenleben dazu.
Ein wichtiger Bestandteil Ihres Konzepts scheint auch das vielfältige Freizeit- und Veranstaltungsangebot zu sein. Welche Rolle spielen diese Angebote im Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner?
Die vielfältigen Angebote gehören tatsächlich seit Beginn zu unserem Konzept und prägen die Einrichtung bis heute. Dazu zählen Ausflüge mit Bewohnerinnen und Bewohnern aus dem Pflegebereich ebenso wie gemeinsame Einkaufsfahrten oder tägliche Beschäftigungsprogramme am Vor- und Nachmittag, und das an sieben Tagen in der Woche.
Darüber hinaus bieten wir bewusst auch Abendveranstaltungen für diejenigen an, die den Tag gerne aktiv ausklingen lassen möchten. Dazu gehören Nachtcafés mit Programm, Konzertabende oder besondere Ausflüge außerhalb der Einrichtung. Einmal im Jahr besuchen wir beispielsweise gemeinsam ein Musical.
Auch kulturelle Angebote spielen eine wichtige Rolle. Wir besuchen „Klassik am See“, fahren mit Bewohnern ins Alexander Kunz Theatre oder organisieren gemeinsame Shoppingtouren nach Merzig oder Trier. Gerade für die Apartmentbewohner sind diese regelmäßigen Highlights über das gesamte Jahr hinweg ein wichtiger Bestandteil des sozialen Lebens.
Die besondere Lage direkt am Losheimer See macht die Residenz zusätzlich attraktiv. Welche Bedeutung hat dieser Standort für die Lebensqualität Ihrer Bewohnerinnen und Bewohner?
Der Standort hat eine enorme Bedeutung, insbesondere für unsere Apartmentbewohner, die noch mobil sind. Viele können den See selbstständig mit dem Rollator oder anderen Gehhilfen erreichen. Sie können spazieren gehen, im Seebistro sitzen oder auch einmal ins Brauhaus gehen.
Dass all das fußläufig erreichbar ist, trägt enorm zur Lebensqualität bei. Die Menschen bleiben aktiv, nehmen weiterhin am öffentlichen Leben teil und genießen gleichzeitig die besondere Atmosphäre rund um den See.
Sie haben das familiäre Miteinander bereits angesprochen. Gerade in Senioreneinrichtungen entstehen oft sehr besondere Begegnungen und emotionale Geschichten. Gibt es Momente aus den vergangenen zehn Jahren, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Eine Geschichte wird mir wahrscheinlich mein Leben lang in Erinnerung bleiben. Ein verwitweter Bewohner lernte hier die Tochter einer anderen Bewohnerin kennen. Die beiden waren etwa im gleichen Alter, kamen ins Gespräch und verliebten sich schließlich ineinander.
Irgendwann haben die beiden tatsächlich geheiratet. Mein Mann und ich waren sogar zur Hochzeit eingeladen. Das war ohne Zweifel eines der emotionalsten und schönsten Erlebnisse der vergangenen zehn Jahre. Entstanden ist alles durch zufällige Begegnungen hier im Haus, etwa auf dem Flur oder bei gemeinsamen Aktivitäten.
Solche Geschichten zeigen letztlich auch, dass die Residenz für viele Menschen weit mehr ist als nur ein Ort zum Wohnen oder zur Pflege. Es ist ein Ort des Zusammenlebens.
Mit dem familiären Miteinander verbindet sich natürlich auch die Frage, wie es gelingt, ein starkes Team aufzubauen. Die Pflegebranche steht seit Jahren vor großen Herausforderungen, insbesondere beim Thema Fachkräftemangel. Wie schaffen Sie es, Mitarbeitende langfristig an die Residenz zu binden?
Ich glaube, entscheidend sind vor allem die enge Verbundenheit innerhalb des Hauses und die Präsenz vor Ort. Natürlich gibt es verschiedene Mitarbeiterangebote wie gemeinsame Frühstücke, Feiern oder kleinere Aufmerksamkeiten im Alltag.
Viel wichtiger ist für mich jedoch, dass die Leitungsebene wirklich präsent ist. Es gibt praktisch keinen Tag, an dem nicht jemand aus dem Leitungsteam in den Wohnbereichen unterwegs ist. Dadurch bekommt man Stimmungen sehr früh mit, sowohl positive als auch schwierige Situationen, und kann direkt reagieren.
Dieses unmittelbare Miteinander ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Faktoren für ein funktionierendes und langfristig stabiles Team.
Umso wichtiger ist es vermutlich auch, Mitarbeitenden Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Welchen Stellenwert haben Fort- und Weiterbildungen in Ihrem Haus?
Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten haben bei uns einen hohen Stellenwert. Wir bieten unseren Mitarbeitenden regelmäßig entsprechende Möglichkeiten an. Natürlich gibt es auch erfahrene Fachkräfte, die sagen, dass sie keine weiteren Qualifikationen mehr anstreben möchten. Das ist vollkommen in Ordnung.
Gerade jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen diese Angebote jedoch intensiv. Eine Kollegin hat beispielsweise erst im vergangenen Oktober ihr Examen abgeschlossen und befindet sich bereits jetzt in der Weiterbildung zur Palliativfachkraft.
Das zeigt auch, wie stark Themen wie Palliativversorgung inzwischen an Bedeutung gewinnen. Viele Bewohner kommen heute deutlich später in Pflegeeinrichtungen, wodurch die Begleitung am Lebensende eine immer wichtigere Rolle spielt.
Welche Eigenschaften und Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht heute besonders wichtig für Menschen, die in der Pflege arbeiten?
An erster Stelle steht für mich ganz klar Empathie. Gleichzeitig braucht es heute aber ebenso Professionalität und ein hohes Maß an Flexibilität. Das sind Eigenschaften, die in der modernen Pflege unverzichtbar geworden sind.
Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit an einer Krankenpflegeschule. Damals wurde Altenpflege teilweise unterschätzt. Manche sagten über Prüfungskandidaten: „Für die Krankenpflege reicht es vielleicht nicht, dann geht man eben in die Altenpflege.“ Heute sehe ich das vollkommen anders.
Die Anforderungen an Pflegekräfte in der Altenpflege sind enorm hoch, teilweise sogar höher als in anderen Bereichen, weil dort sehr viel eigenständiger gearbeitet werden muss. Pflegekräfte treffen täglich Entscheidungen, arbeiten eng mit Ärzten und der Leitung zusammen und müssen häufig selbstständig handeln und mitdenken. Genau diese Verantwortung wird oft unterschätzt.
In der öffentlichen Diskussion fällt häufig das Stichwort „Wertschätzung“ gegenüber Pflegekräften. Was bedeutet echte Anerkennung für Sie persönlich?
Wertschätzung ist heute ein Begriff, der sehr häufig verwendet wird. Für mich ist allerdings entscheidend, dass sie ehrlich und persönlich gemeint ist.
Ein Obstkorb für alle Mitarbeitenden mag nett gemeint sein, ist für mich aber noch keine echte Anerkennung. Viel wichtiger finde ich persönliche Gesten, etwa eine handgeschriebene Geburtstagskarte oder ein bewusst ausgesprochenes Lob, wenn jemand etwas Besonderes geleistet hat.
Wertschätzung bedeutet für mich, Menschen wirklich wahrzunehmen und ihre Arbeit individuell anzuerkennen. Alles andere wird zwar oft so genannt, fühlt sich aber nicht immer nach echter Wertschätzung an.
Die vergangenen Jahre, insbesondere die Corona-Pandemie, haben Pflegeeinrichtungen stark gefordert. Welche Herausforderungen haben Sie als Hausleitung besonders geprägt?
Wenn ich an die vergangenen zehn Jahre zurückdenke, dann begann die erste große Herausforderung eigentlich schon ganz am Anfang. Als ich hier angefangen habe, war das Gebäude noch ein Rohbau. Innerhalb von nur drei Monaten wurde die gesamte Einrichtung fertiggestellt. Für mich persönlich war das eine völlig neue Erfahrung, weil ich zuvor mit bautechnischen Themen kaum Berührungspunkte hatte.
Natürlich gab es gerade in der Anfangszeit typische Herausforderungen eines Neubaus. Gleichzeitig war der Aufbau des Teams ein großes Thema. Mitarbeitende kamen und gingen, bis sich schließlich ein stabiles Kernteam entwickelt hat. Die wohl prägendste Zeit war jedoch ohne Frage die Corona-Pandemie. Für alle Menschen, die in der Pflege Verantwortung tragen, war das eine enorme Belastung. Gleichzeitig hat diese Zeit aber auch einen außergewöhnlichen Zusammenhalt geschaffen.
Viele Mitarbeitende haben damals abteilungsübergreifend gearbeitet, weil personell zeitweise nur ein Minimum möglich war. Rückblickend ist genau dieser Zusammenhalt etwas, das mir besonders positiv in Erinnerung geblieben ist.
Die Ansprüche an modernes Wohnen und Leben im Alter verändern sich stetig. Wie wichtig sind Ihnen moderne Ausstattung, Komfort und zeitgemäße Pflegekonzepte in der Residenz Losheim am See?
Ausstattung und Komfort haben selbstverständlich einen hohen Stellenwert. Der erste Eindruck spielt immer eine wichtige Rolle, sowohl für Bewohnerinnen und Bewohner als auch für Angehörige. Unsere Eingangshalle erinnert eher an ein Hotel als an eine klassische Pflegeeinrichtung, und genau das überrascht viele Menschen zunächst positiv.
Trotzdem sage ich immer, dass schöne Möbel allein nicht ausreichen. Entscheidend ist, dass ein Haus mit Leben gefüllt wird. Die Menschen müssen sich wohlfühlen. Das hängt nicht nur von der Ausstattung oder dem Komfort ab, sondern vor allem von den Menschen, die hier arbeiten und dem Haus jeden Tag Leben geben.
Was schätzen Bewohnerinnen und Bewohner sowie deren Angehörige Ihrer Erfahrung nach besonders an der Residenz Losheim?
Viele schätzen vor allem die familiäre Atmosphäre und die Mischung aus Eigenständigkeit und Sicherheit. Gerade Apartmentbewohner genießen ein hohes Maß an Selbstbestimmung und wissen gleichzeitig, dass Unterstützung jederzeit möglich ist, wenn sie benötigt wird. Ein großer Vorteil ist außerdem, dass viele Bewohner ihre gewohnte Umgebung langfristig behalten können. Wenn der Pflegebedarf im Laufe der Zeit steigt, besteht die Möglichkeit, innerhalb der Einrichtung in den Pflegebereich zu wechseln oder weiterhin im Apartment versorgt zu werden.
Genau diese Sicherheit und Kontinuität sind für viele Menschen enorm wichtig. Deshalb empfehle ich Interessierten auch häufig, möglichst früh zu kommen, damit sie sich in Ruhe einleben und die Gemeinschaft von Anfang an kennenlernen können.
Wenn Sie den Blick nach vorne richten: Welche Wünsche und Visionen haben Sie für die Zukunft der Residenz Losheim am See, aber auch für die Pflege insgesamt?
Ich wünsche mir vor allem, dass sich das Leben und Arbeiten in der Pflege weiterhin positiv entwickeln kann, sowohl innerhalb unserer Einrichtung als auch gesellschaftlich insgesamt.
Außerdem wünsche ich mir mehr Wertschätzung und einen respektvolleren Umgang mit Pflegekräften, sei es von politischer Seite, von Angehörigen oder allgemein in der Öffentlichkeit. Pflege verdient einen deutlich höheren Stellenwert, als sie häufig noch bekommt.
Zum Abschluss vielleicht noch ein Blick in die Zukunft: Gibt es konkrete Projekte oder Entwicklungen, auf die Sie sich derzeit besonders freuen?
Ja, definitiv. Wir beschäftigen uns aktuell intensiv mit dem Einsatz moderner, KI-gestützter Technologien, die unsere Mitarbeitenden im Alltag sinnvoll unterstützen und gleichzeitig die Lebensqualität unserer Bewohnerinnen und Bewohner verbessern sollen. Dabei geht es vor allem um intelligente Assistenzsysteme und digitale Lösungen, die Betreuungs- und Beschäftigungsangebote ergänzen können, beispielsweise durch interaktive Gesprächsangebote, aktivierendes Gedächtnistraining oder moderne Formen der Unterhaltung und Kommunikation.