Zum 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke erscheint eine neue Biografie. Die Verfasserin, Germanistin und Literaturwissenschaftlerin Professor Dr. Sandra Richter, eröffnet damit eine neue Sicht auf den Dichter.
Frau Professor Dr. Richter, das Deutsche Literaturarchiv Marbach, dessen Direktorin Sie sind, erwarb 2022 den Nachlass des Dichters. War das der Anlass, die Biografie vorzulegen?
Eigentlich wollte ich nie eine Biografie schreiben, ich bezweifelte, dass ich daraus viel lernen würde, zumal Biografien immer unvollständig sind, schließlich kann man nie das ganze Leben abbilden. Aber als ich den Nachlass Rilkes zum ersten Mal sah, stand der Autor plötzlich wie verändert vor mir: die Briefe an seine Frau und an seine Tochter, die vielen, schon im Schriftbild sprechenden Manuskripte, seine vielen Zeichnungen – das wollte ich unbedingt näher erkunden. Und plötzlich fand ich es reizvoll und spannend, Rilkes Lebensgeschichte zu schreiben, auch, um daraus Neues über sein Werk zu lernen.
Konnten Sie durch Auswertung der Dokumente der bisherigen Rilke-Rezeption Neues oder Unbekanntes hinzufügen?
Tatsächlich kann ich sagen, dass das so ist, und ich möchte nur einige Aspekte nennen: Bislang wusste man nur wenig über Rilkes Kindheit und Jugend. Der Fund seiner frühen Briefe an die Mutter und den Vater erhellt jedoch, wie nah er der Mutter stand und wie er in den Militärschulen litt. Sie zeigen ihn als frühreifen jungen Dichter, der schon im Alter von 15 Jahren wusste, was er werden wollte. Er erscheint dabei so gar nicht als der Einsamkeitsfanatiker, der er später wurde, sondern als geselliger und ehrgeiziger junger Autor, der sich Gleichgesinnte und Unterstützer sucht, sich mit dem literarischen, künstlerischen, mäzenatischen und verlegerischen Europa bekannt macht. In seiner Geburtsstadt Prag – auch das ist neu – machte er sich zunächst in tschechischen Autorenkreisen bekannt und ging von dort nach Süden, Westen, Osten, Norden, wurde zum europäischen Autor, der immer auch die Grenzen dieses Kulturraums testete, kulturell und politisch bewusst.
Ist es wichtig, Rilkes Leben zu kennen, um sein Werk zu verstehen?
Rilke hat sein Leben, so scheint es oft, zugunsten seiner Kunst vernachlässigt. Diese Sichtweise ist nicht falsch, aber seine Kunst wäre ohne sein Leben, ohne die Eindrücke, die er offen und mit allen Sinnen aufnahm, ohne seine Lieben, seine Reisen, seine Lektüren und seine Gespräche mit Freunden und Bekannten, unmöglich gewesen. Er ist ein in hohem Maße dialogischer Autor, der die Energie und Inspiration zum Dichten, mitunter sogar den Ton und bestimmte Bilder aus dem Miteinander mit anderen empfängt und zu Kunst macht. Umgekehrt will er auch zurückgeben, und zwar all denen, die ihm das Schreiben ermöglicht haben und die sich durch sein Schreiben Anregung, Weisung, Trost, ein besseres Leben und vielleicht auch den Weg in die Kunst versprechen.
Selbst wer den Namen des Dichters nicht nennen kann, kennt „Der Panther“. Was beobachten Sie? Ist Rilkes Lyrik in Deutschland stetig präsent oder erfährt sie eine Renaissance?
Rilke war lange in den Lehrplänen der Schulen präsent, aber dort tilgt man ihn leider zusehends. Demgegenüber findet man seine Texte häufig in der Popmusik und auf Social Media, vielleicht weil sie so einprägsam sind und weil der Autor aufstrebenden Künstlern tatsächlich etwas zu sagen hat: „Briefe an einen jungen Dichter“ heißt das meistzitierte Werk, in dem Rilke erklärt, wie man Dichter wird.
Welches ist ihr Lieblingsgedicht von Rilke?
Das wechselt beinahe täglich. Heute ist mein Lieblingsgedicht „Haßzellen, stark im größten Liebeskreise“, ein für Rilke ganz ungewöhnliches und langes Gedicht, das er aufgrund der Bekanntschaft mit dem expressionistischen, drastischen Maler Oskar Kokoschka geschrieben hat. Es beschreibt, wie einer in der Straßenbahn steht und über alles schimpft, was ihn bedrängt. Dort wird alles poetisiert, auch der Abfalleimer, ein fieberkrankes Kind und die Tapete.
Rilke verfügte testamentarisch, dass seine Briefe ebenbürtig seinen Gedichten und der Prosa zu behandeln seien. Die von Ihnen genannten „Briefe an einen jungen Dichter“ erschienen 1929, drei Jahre nach seinem Tod. Ich mag die Schlichtheit der Texte. Rilke versucht, Zuspruch zu geben, zeigt sich aber eben auch als zweifelnder, suchender Mensch.
Als Autor, der stets im Austausch mit anderen war, entstanden manche Gedichte aus dem Briefwechsel oder für diejenigen, denen er schrieb. Und ein Brief Rilkes konnte zwischen wenigen Sätzen und zwanzig Seiten lang sein, es waren oft ganze Abhandlungen über sich, das Gesehene, Gelesene, über andere, die mitunter einen heiteren und sogar ironischen Ton anschlagen, wie man ihn aus seinen Gedichten nicht kennt. Seine Briefe enthalten, ergänzen und revidieren sein Werk in vieler Hinsicht und gehören schon deshalb unbedingt dazu, da hat er recht.
„Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ besitzt angeblich Kultstatus. Warum denn?
Sie war Rilkes Bestseller, hat ihm und seiner Familie über Jahre sein Auskommen gesichert. Der Text handelt von einem jungen Soldaten, einem Fahnenjunker, der begeistert ins Feld zieht, dort Elend und Langeweile kennenlernt, seinen Feind unterschätzt, zu spät flieht und erschossen wird. Dieses Schicksal beschäftigte Rilkes Zeitgenossen verständlicherweise, vor allem im Ersten Weltkrieg. Damals zogen viele junge Männer enthusiastisch in den Krieg und lernten unermessliche Grausamkeit kennen, in Europa und der Welt. Rilkes Text sprach sie alle an und wurde deshalb umgehend in zahlreiche Weltsprachen übersetzt, den Soldaten mit in die Tornister gegeben. Noch im Zweiten Weltkrieg konnten viele Soldaten den „Cornet“ zitieren – hoffen wir, dass der Text dieses Kultstatus nie wieder bedarf.
„Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, Rilkes einziger Roman, ist ein erfundenes Tagebuch und erschien 1910. Zwar kann ich die Frage „Ist Malte Laurids Brigge Rilke?“ stellen, aber: Lässt sie sich beantworten?
Als Rilke seinen Prosatext, den er nicht Roman nennen wollte, nach achtjähriger Arbeit endlich abgeschlossen hatte, verfiel er in Panik. Die Figur des Malte erschreckte ihn, weil Malte in der Großstadt nicht zurechtkam, so sehr unter Hysterie und Angst litt, dass er es als Autor nicht schaffte. Und Rilke sorgte sich, so ähnlich zu werden. Seine Lebensfreundin Lou Andreas-Salomé tröstete ihn und versicherte, dass er nun ein anderer sei. Er habe nämlich geschrieben, und zwar über Malte, und so habe er sich von diesem Schreckbild befreit. Rilke nahm ihren Rat ernst und konzentrierte sich als reiferer, erfolgreicher Autor auf sein nächstes großes Werk: die „Duineser Elegien“.