Wenn Stress uns nicht auf Dauer belastet, macht er nicht automatisch krank. Prof. Dr. Markus Heinrichs von der Universität Freiburg spricht im Interview über das Überschreiten von roten Linien, den „Trier Social Stress Test“ und über die verengte Sicht auf den Cortisolspiegel.
Herr Prof. Heinrichs, wenn wir gestresst sind, können wir das fühlen. Warum empfinden wir Stress als belastend?
Die Antwort auf diese Frage finden wir, wenn wir in die Evolutionsgeschichte des Menschen zurückgehen. Wie haben wir eigentlich als Spezies überlebt? Wir mussten drohende Gefahren erkennen und imstande sein, schnell zu agieren. Man könnte zusammenfassend sagen, dass im Grunde Kämpfen oder Flüchten das Programm war. Wer nicht kämpfen konnte, musste versuchen, schneller zu sein, um die Flucht zu ergreifen. Wenn ich der Herausforderung nicht entgehen konnte, kam es zum Kampf. Darauf ist unser Gehirn programmiert, unser Stresssystem ist daher sehr früh angelegt. Im Alltag ist das manchmal hinderlich: Wer im Büro arbeitet und einen Konflikt hat, kann weder kämpfen noch flüchten. Es hat sich jedoch grundsätzlich bewährt, dass unser Körper nicht nur verschiedene biologische Prozesse in Gang setzt, um unser Kampf-Flucht-Programm zu aktivieren, sondern dass wir gleichzeitig Angst und Stress sofort erleben.
Und wann kann Stress zur spürbaren Belastung für Körper und Psyche werden?
Im Grunde ist das immer dann der Fall, wenn wir merken, dass uns der Stress zu viel wird. Führungskräfte zum Beispiel stellen fest, dass der subjektiv empfundene Stress eine rote Linie überschritten hat. Es können vielfältige begleitende Symptome wie Magen-Darm-Probleme, Schlafstörungen, Sucht- und Rückzugsverhalten, soziale Konflikte und Erschöpfung auftreten. Aber: Stress ist keine Krankheit, sondern ein Symptom, das überlebenswichtig ist und uns signalisiert, dass wir aus der Balance gekommen sind. Ohne Reaktionen auf Stress hätte es kein Überleben der Menschheit gegeben. Wenn wir aber über einen längeren Zeitraum darunter leiden und in einen Prozess geraten, in dem wir nicht mehr die inneren Akkus aufladen und richtig abschalten können, dann rutschen wir in eine chronische Belastung hinein. Erst dann kann Stress zum Auslöser für Krankheiten werden. Spätestens ab diesem Zeitpunkt sollten wir uns damit beschäftigen und bei Bedarf professionelle Unterstützung suchen.
Auf der anderen Seite können wir auch Stress als positiv erleben…
Wenn man möchte, kann man von einem Stressbereich sprechen, der uns stimuliert und nicht krank macht. Wenn wir in einem Freizeitpark in eine Achterbahn mit drei Loopings steigen, dann schaltet unser Gehirn in einen absoluten Überlebensmodus. Was wir erleben, ist eine maximale Stressreaktion. Einige sagen, dass sie diesen Thrill brauchen und er ihnen Spaß macht. Das Gleiche gibt es auch im Job. Wir wissen etwa von Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitikern, dass sie ihren stressigen Job lieben und dieses ständige Gerangel um Macht und das Beschaffen von Mehrheiten fast brauchen.
Welche Erfahrungen haben Sie als Leiter der Stress-Ambulanz an der Universität Freiburg gemacht?
Zu uns kommen Patientinnen und Patienten in die Ambulanz und erzählen, dass sie am Limit sind. Nachdem sie in der Firma einen weiteren Aufgabenbereich übernommen hatten, stellten sie irgendwann fest, dass sie unbewusst die rote Linie überschritten hatten, wo keine Erholung mehr erreichbar scheint.
Wie können Sie als Wissenschaftler Stress objektiv messen?
An der Universität Trier wurde Anfang der 90er-Jahre der Trier Social Stress Test, auch bekannt als TSST, entwickelt. Mediziner und Psychologen auf der ganzen Welt, die zu Stress bei Menschen forschen, nutzen diesen Test – er gilt als absoluter Goldstandard. Auch alle Patientinnen und Patienten, die zu uns in die Stress-Ambulanz kommen, durchlaufen diesen formalen Test. Man kann sich das wie einen Vortrag vor einem kritischen Publikum mit Kamera oder wie eine Prüfungssituation vorstellen. Wer sich diesem Test unterzieht, muss sich selbst fünf Minuten vor einem Gremium darstellen und wird unvermittelt aufgefordert, im Kopf rückwärts zu rechnen. Dabei misst man unter anderem das Stresshormon Cortisol, die Herzfrequenz, den Blutdruck und das subjektive Stressempfinden über schriftliche Skalen. Alle Parameter in der Gesamtschau ergeben eine sehr breite Diagnostik. Anknüpfend daran können wir individuelle Therapiepläne erstellen.
Auch bei kleinen Kindern kann man Stress messen. Ist es richtig, dass sich ein erhöhter Cortisolspiegel negativ auf die weitere Entwicklung auswirken kann?
Alles, was man messen kann, ist grundsätzlich pathologisierbar. Ich glaube, die Aussage, dass Kinder aufgrund eines erhöhten Cortisolspiegels krank und kleinwüchsig werden können, ist im Bereich normaler Stresskonfrontation nicht haltbar und schürt nur Unsicherheiten. Auch Kinder und selbst Tiere zeigen Stressreaktionen, und das ist völlig normal. Wenn die Stressreaktionen zu lange andauern und Stress in der Schule ein Thema ist, sollte man mit den Kindern darüber sprechen und bei größeren Ängsten oder gar traumatischen Erlebnissen therapeutische Unterstützung von Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten aufsuchen. Cortisol ist leicht und billig messbar, man kann es im Speichel nachweisen. Das führt leider dazu, dass es auch dubiose Anbieter gibt, die Schnelltests verkaufen und einem womöglich noch ein Coaching aufdrängen. Das Gefährliche ist aus meiner Sicht, den Blick zu sehr auf ein Hormonsystem einzuengen. Die allermeisten Menschen haben eine Interozeptionsfähigkeit, das bedeutet, sie können gut in sich hineinhören und sagen, dass es ihnen nicht gut geht.
Als erwachsener Mensch kann ich gegensteuern, damit der Stress nicht überhandnimmt. Wie kann ich für mich selbst den besten Umgang mit Stress herausfinden?
Das ist nicht bei jedem gleich. Was einem intuitiv gut tut, sollte man richtig machen. Manche treiben Sport oder machen Yoga, andere pflegen Rituale und ziehen sich nach der Arbeit zuerst eine alte Jeans zu Hause an. Natürlich kann ich auch abends zur Entspannung eine Flasche Rotwein trinken oder Drogen konsumieren. Damit würde man allerdings ungünstige, wenig hilfreiche Strategien anwenden. Es muss nicht immer nur Psychologie sein, es hilft, sich zu bewegen, sich bewusst zu ernähren und mentale Techniken einzuüben.
Sie forschen schon seit 30 Jahren zu Stress. Welchen messbaren Effekt haben soziale Unterstützung, Bindungen und zwischenmenschliche Nähe auf die psychische Gesundheit?
Inzwischen können wir sicher sagen, dass das vorzeitige Sterben im Zusammenhang steht mit mangelnder sozialer Unterstützung und Integration. Menschen, die subjektiv sagen, dass sie keine Unterstützung anderer haben, sterben vorzeitiger. Ein aktuell zentrales gesellschaftlich relevantes Thema ist Einsamkeit. In Nordrhein-Westfalen unterstützt die Landesregierung groß angelegte Projekte und Initiativen dazu. In Großbritannien wurde 2018 weltweit das erste Ministerium für Einsamkeit eingerichtet. Aus Studien wissen wir, dass Einsamkeit uns stresst und lebensgefährlich für das Herz-Kreislauf-System ist – ganz abgesehen von den extremen gesellschaftlichen und gesundheitsbezogenen Kosten.
Sollten wir in einer Gesellschaft, die dem Anschein nach immer grundgereizter und empörter reagiert, anders mit Stress umgehen?
Wir bieten zwar Schulungen für Führungskräfte an, aber wir behandeln keine Systeme. Wir können auch nicht die Gesellschaft ändern. Was Sie ansprechen, ist aber vollkommen richtig. Es ist nicht nur Gereiztheit, sondern es sind mehr Termine, eine ständige Erreichbarkeit, höhere Lebenskosten und steigende Mieten, eine zunehmende Armut bei Rentnern und zu wenig Bafög. Wir beobachten, dass überall in der Gesellschaft Stress und Belastung zunehmen und viele Menschen Angst vor der Zukunft haben. Natürlich muss man auch sagen, dass in einer Gesellschaft, die sich schneller dreht, in der die Menschen unzufriedener und weniger resilient sind, die psychischen Erkrankungen zunehmen. Vor diesem Hintergrund ist das eine verheerende Entwicklung. Ich würde mir wünschen, dass junge Menschen in der Schule unter anderem lernen, was ihnen hilft, um mit Stress besser zurechtzukommen. Wenn eine Gesellschaft so viel zulässt, was krank macht, ist es nicht damit getan, mehr Psychotherapiepraxen zu eröffnen. Das kann nicht die Lösung sein für zunehmende stressbedingte Erkrankungen.