Sicherheit, Nachhaltigkeit und ein Soundsystem wie im Kino: Mit diesen Begriffen lässt sich der elektrische Polestar 3 zusammenfassen. Aber ist er den hohen Preis auch wert?
Bedienungsanleitungen? Da muss ich immer an James Bond denken. Als er in „Stirb an einem anderen Tag“ seinen hochgerüsteten Aston Martin inspiziert, rät ihm „Q“, erst mal das Handbuch zu studieren. Bond antwortet auf seine Weise: Er wirft den Wälzer in die Höhe, wo ihn die Bordkanonen pulverisieren. Bedienungsanleitungen? Ein echter Agent hat Intuition!
Beim Polestar 3 läuft die Sache anders. Meine Mission, den elektrischen Coupé-SUV zu testen, kann ohne Hilfsmittel jedenfalls nicht starten. Das fängt schon damit an, dass es keinen einzigen Knopf im Cockpit gibt. Überall glatte Oberflächen, ein edler 15-Zoll-Flachbildschirm und ein Lenkrad mit unbeschrifteten Touchfeldern! Nicht mal das Handschuhfach hat einen echten Griff. Doch wie startet man das Ding? Ein Zündschloss gibt es nicht, ebenso wenig einen Startknopf. Ich trete wie üblich das Bremspedal, ziehe den Gangwahlhebel nach unten – doch nichts passiert. Schließlich eine Warnmeldung: „Schlüssel nicht gefunden!“ Wie auch?! Es gibt ja keinen, sondern nur eine App – die ich als Autotester aber nicht habe – und eine Karte mit Funksensor. Wie sich herausstellt, muss man diese auf ein entsprechendes Lesegerät legen. Erst dann kann es losgehen. Oder anders gesagt: Ich habe die Lizenz zu laden.
„Smart Zone“ sorgt für Sicherheit
Dass der Polestar moderner daherkommt als so manches Bond-Auto, liegt an der Firmengeschichte. Auf Traditionen muss man hier wenig achten, denn Polestar gibt es als eigene Marke erst seit 2017. Genau wie Volvo gehört die Firma zum chinesischen Geely-Konzern. Knöpfe, Verbrennungsmotoren und anderer Schnickschnack? Offenbar ein Relikt der Vergangenheit. Worauf beide Firmen hingegen viel Wert legen, ist Nachhaltigkeit. So findet man zu allen Modellen genaue Lebenszyklus-Analysen, die die Umweltauswirkungen der Fahrzeuge dokumentieren. So auch beim Polestar 3, dessen CO2-Fußabdruck sogar etwas geringer ausfällt als beim kleineren Vorgängermodell, dem Polestar 2. Das geschieht offenbar dadurch, dass für die Batterie- und Aluminiumherstellung Ökostrom eingesetzt wird. Aber: Noch wird der Elektroflitzer in China und den USA hergestellt, muss also nach Europa verschifft werden. Es besteht also durchaus noch Verbesserungsbedarf in puncto Umweltbilanz, selbst wenn der Hersteller sich vorbildlich in die Karten gucken lässt.
Kommen wir zum Aussehen. Zwar ist der Polestar 3 fast fünf Meter lang, was die SUV-Kategorie erklärt. Doch die Höhe fällt erstaunlich gering aus, was dem Stromer ein sportliches Aussehen verleiht. Wäre er nicht so lang und hätte keinen Riesenakku (111 Kilowattstunden), könnte er glatt als Kompaktwagen durchgehen. Wenn das Auto als Familienkutsche dienen soll, dann sollten die Familienmitglieder allerdings am besten alle berufstätig sein. Selbst die günstigste Variante fängt bei 74.590 Euro an. Dementsprechend hochwertig wirkt der Innenraum: weiche Türverkleidungen, dezente Lichtleisten, bequeme Sitze mit ausziehbarer Schenkelauflage. Nur der Klavierlack auf der Mittelkonsole erweist sich als Fehlgriff. Schon nach einer halben Stunde ist die Fläche mit Staub und Fingerabdrücken übersät.
Was abermals auffällt, sind die fehlenden Knöpfe. Alles ist so minimalistisch, dass sich nicht mal die Außenspiegel manuell verstellen lassen. Übrigens auch nicht per Sprachbefehl: Als ich „Spiegel einstellen“ sage, spielt der Bordcomputer eine Nachrichtensendung aus der „Spiegel“-Redaktion ab. Ein haptisches Element gibt es im Innenraum aber doch: ein kleines Drehrädchen neben dem Getränkehalter, mit dem man Lautstärke und Musiktitel steuern kann. Genau das macht richtig Spaß, denn ein neuartiges Soundsystem bietet mit 25 Lautsprechern eine regelrechte Studio-Atmosphäre. Sogar aus den Kopfstützen strömt der Sound. Da Spotify, Tidal und Youtube an Bord sind, lässt sich der Lieblingshit per Sprachbefehl starten. Das funktioniert selbst bei fremdsprachigen Titeln deutlich besser als mein vorheriges Erlebnis mit den Außenspiegeln. Einen kleinen Wermutstropfen gibts aber trotzdem: Auch wenn das System über Dolby Surround verfügt, sitzt man immer noch in einem Auto. Die feinsten Konzertgeigen werden folglich vom Sound der Autobahn übertönt, zumindest bei Zimmerlautstärke.
Klimaanlage mit „Hundemodus“
Apropos Autobahn: Hier kann der Polestar punkten. Das serienmäßige Luftfahrwerk federt Schlaglöcher gekonnt ab, und eine spezielle „Smart Zone“ sorgt für Sicherheit. So nennt Polestar seinen glatten Kühlergrill, der mit einer ganzen Phalanx aus Sensoren, Kameras und Radarsystemen ausgestattet ist. Damit soll der Stromer nicht nur aktuelle Hindernisse meistern, sondern fürs autonome Fahren der Zukunft gerüstet sein – ein Kontrast zu Konkurrenten wie Tesla, die aus Kostengründen nur noch Kameras verwenden. Spurhalter, Abstandstempomat und Verkehrszeichen-Erkennung laufen dann auch tadellos. Nur eine Funktion gibt es komischerweise nicht: Obwohl er Verkehrsschilder erkennt, passt sich der Tempomat nicht automatisch an sie an. Das mag nach einem Luxusproblem klingen, gehört in dieser Preisklasse aber eigentlich dazu.
Mein Testfahrzeug verfügt über Allradantrieb und großen Akku, was eine Reichweite von 631 Kilometern ermöglichen soll. Ich halte mich meist an die Richtgeschwindigkeit, fahre aber auch mal 140 bis 150 Kilometer pro Stunde. Das hat zur Folge, dass ich real rund 400 Kilometer weit komme, ein mittelprächtiger Wert angesichts des riesigen Akkus. Bei einem Vergleich von Tesla Model Y und VW ID.5 bei einer Langstrecken-Tour kam ich auf ähnliche Reichweiten, obwohl die Konkurrenten kleinere Akkus haben und weniger kosten.
Am Schnelllader braucht der Polestar etwas mehr als eine halbe Stunde, um von zehn auf 80 Prozent aufzuladen. Über ein superschnelles 800-Volt-System, wie es etwa der (günstigere) Kia EV6 bietet, verfügt er nicht. Was er allerdings hat, ist eine Klimaanlage, die auf Wunsch nach Verlassen des Autos weiterläuft. Bei Tesla ist diese Funktion als „Hundemodus“ bekannt. Zwar handelt es sich dabei nur um eine Kleinigkeit, doch gerade solche Features können die Reise enorm erleichtern, wenn man alleine mit Kind oder Hund unterwegs ist. Schon bei kurzen „Ausflügen“ aufs WC heizt sich ein Auto im Sommer gefährlich schnell auf – vor allem, wenn es wie in diesem Fall über ein Glasdach verfügt. Der „Hundemodus“ – auch wenn er bei Polestar nicht so heißt – schafft hier Abhilfe.
Wo es Raststätten und Ladestationen gibt, verrät Google Maps auf dem tablet-artigen Touchscreen. Das Navi verfügt über eine integrierte Ladeplanung, schlägt also Ladestationen entlang der Route vor. Um Kosten zu sparen, kann man die Auswahl nach einem bestimmten Anbieter filtern. Von der Funktionalität gehört das System zu den Besten, die es aktuell auf dem Markt gibt, gleichauf mit BYD.
Doch was nützt das beste Navi, wenn es nicht funktioniert? Auf der Rückreise von der Ostsee nach Nordrhein-Westfalen kann das System aus unerfindlichen Gründen keine Route berechnen. Ladestationen entlang der Strecke muss ich also doch wieder mit dem Handy suchen. 800 Kilometer geht das so, selbst ein Neustart des Systems bringt nichts. Erst am nächsten Tag läuft das Navi wieder, als wäre nie etwas gewesen. Ärgerlich ist so etwas immer – in dieser Preisklasse aber umso mehr!
Dieses Navi-Erlebnis zieht mein positives Gesamtfazit ein wenig nach unten. Denn bei Komfort und Technik bietet der Polestar 3 insgesamt ein wirklich hohes Niveau, ebenso in puncto Sicherheit und Nachhaltigkeit. Potenziell abschreckend ist allerdings der Preis. Familientaugliche SUVs gibt es anderswo günstiger – dann aber auch ohne „Smart Zone“ und Kinosound.