Die georgisch-französische Pianistin Khatia Buniatishvili wird als „Beyoncé des Klaviers“ bezeichnet. Sie arbeitet mit führenden Dirigenten und Orchestern der Klassik. In den sozialen Medien folgen ihr eine Million Menschen. Der 38-jährige Weltstar spricht über das Genie Mozart und das Erotische an der Musik.
Frau Buniatishvili, manche Künstler sagen: „Diese Idee hat mir das Universum geschickt“. Glauben Sie, dass unser Unterbewusstsein irgendwie mit dem Universum verbunden ist?
Ich finde die Planeten unheimlich interessant, aber ich versuche, auf dem Boden zu bleiben. Was in unserem Leben passiert, ist unheimlich leidenschaftlich, aber ich bin trotz großer Gefühle als Mensch sehr klein. Wahrscheinlich gibt es da draußen etwas Größeres, aber ich versuche, nicht daran zu denken. Auf meinem Album „Motherland“ spiele ich Stücke, die mich schon mein Leben lang begleiten. Zu jedem einzelnen Komponisten habe ich einen persönlichen Text geschrieben. Zu Bach sage ich, er hätte göttlich werden können, aber er hat Nein zum Himmel gesagt, weil er seine Füße auf der Erde spüren und nahe bei den Menschen bleiben wollte. Was ich allerdings nicht verstehe, ist, wo Begabung herkommt. Mozart war ja genauso klein wie jeder andere Mensch. Ich finde, alle sollten die gleichen Lebensbedingungen haben, auch die gleichen Rechte. Aber hinsichtlich der Begabung existiert eine Ungleichheit. Mozart und Salieri sind dafür ein schönes Beispiel. Salieri war auch sehr talentiert, aber Mozart hatte etwas Göttliches. Man sollte nicht böse sein, wenn man weniger musikalisches Talent besitzt. Vielleicht ist da ja etwas anderes, was man gut kann. Diese Ungleichheit macht für mich die Schönheit des Lebens aus.
Ihr erstes Mozart-Album bei Sony Classical ist 2024 erschienen. Sie haben sich für sein 20. und 23. Klavierkonzert entschieden. Welchen Stellenwert haben diese Kompositionen für Sie?
Durch Mozart fühle ich, was Schönheit ist. Es ist nicht Perfektion. Es gibt schreckliche Dinge im Leben, es gibt ganz alltägliche Dinge. Und plötzlich gibt es etwas kleines Unerwartetes, was man nicht anfassen kann. Ein schönes Gefühl, von dem wir nicht wissen, woher es kommt. Das kann Musik sein, ein Gedicht, ein Rehkitz oder eine brillante Idee. Es dauert vielleicht nur einen Moment. Und so ist Mozarts Musik: Perlen, die einfach da sind. Sie geben unserem Leben einen Sinn. Fast jedes Stück von ihm ist so. Diese Musik dringt in unsere Gehirne und Seelen ein und bleibt dort für ein paar Momente. Aber dadurch verändert sich etwas an unserer Wahrnehmung.
Wenn Sie Mozart spielen, versuchen Sie dann, sich in seinen Geist oder in seine Seele hineinzuversetzen?
Je mehr man das versucht, desto mehr entfernt man sich von Mozart. Es ist sehr schwer, als Erwachsener die Einfachheit der Kindheit wiederzuerlangen. Wir lernen im Leben zwar vieles dazu, aber diese Einfachheit verlieren wir wieder. Der verstorbene Geiger Ivry Gitlis, mit dem ich befreundet war, war genial. Er sagte immer, nach dieser Einfachheit müsse man nicht bewusst suchen, sondern man müsse sie einfach so finden. Und erst dann sollte man anfangen zu suchen. Ich bin immer auf der Suche nach diesem Gefühl.
Sie sagen, Zeit sei für Sie ein Luxus. Kann man auch ohne Klavier nur in Gedanken üben?
Das ist möglich, aber es erfordert viel Konzentration. Ich habe es noch nicht oft getan, weil es nicht meine Sache ist. Wenn ich Musik höre, bin ich ein anderer Mensch, aber wenn ich sie spiele, bin ich noch einmal anders. Die Beziehung zwischen mir und dem Klavier ist sehr persönlich und körperlich, weil da so viel passiert. Mit meinen Fingern, meinem Körper, meinem Gehirn. Die Verbindung zwischen dem, was ich höre, und dem, was ich spiele, ist so stark. Als ich jung war, habe ich viele verrückte Sachen gemacht. Manchmal habe ich im selben Moment etwas gelesen und etwas gespielt. Das ist eine sehr gute Übung.
Sind Sie auf der Bühne immer zu einhundert Prozent konzentriert?
Das weiß ich nicht. Ich bin immer sehr konzentriert, aber ich versuche auch, so viel wie möglich passieren zu lassen. Die Frage ist, wie man übt, konzentriert oder nicht konzentriert. Auf der Bühne herrscht natürlich schon viel Konzentration, weil alles so kompakt ist. Aber man versucht auch, die Dinge einfach passieren zu lassen. Der Künstler soll sich selbst und auch dem Komponisten vertrauen und schauen, wohin die Musik ihn führt. Man folgt ihr einfach und lässt sich überraschen. Es ist ein sehr kompliziertes Metier.
Suchen Sie sich eigentlich immer nur die anspruchsvollsten Kompositionen aus, um sich herauszufordern?
Nein, ich denke in diesen Situationen nicht an mein Ego, aber ich muss Stücke wirklich lieben. Für mich muss eine Beziehung zwischen dem Komponisten und dem Interpreten entstehen, genauso wie zwischen dem Instrument und dem Interpreten. Wenn es da nicht zumindest eine große Begeisterung gibt, dann hat es keinen Sinn. Manchmal liebt man nicht ein ganzes Stück, sondern nur einige Momente davon. Und wenn mich auch nur fünf Sekunden an so etwas wie Liebe erinnern, dann möchte ich dieses Stück spielen.
Sie betonen immer wieder das Leidenschaftliche und Erotische an der Musik. Wird oft übersehen, dass Klassik genauso leidenschaftlich und erotisch sein kann wie Pop?
In der klassischen Musik gibt es alles, was man fühlen kann, alles, was man menschlich und emotional erfahren kann. Komponisten sind komplexe Wesen; ihre Stücke repräsentieren die vielschichtigen Seiten des Menschseins. Aber ich mag es nicht, wenn man mich allgemein als erotisch oder leidenschaftlich bezeichnet. Das ist ja nicht wahr. Es gibt aber Momente, wo ich diese Seite der Musik spüre. Es geht darin ja um Lust, Liebe, Gretchen, Mephisto und Faust. Klassische Kompositionen erzählen viele Geschichten.
Sie haben sich auch schon mit Popmusikern zusammengetan. Was war zum Beispiel die Herausforderung bei Ihrer Zusammenarbeit mit der Band Coldplay?
Also, ich mag Coldplay. Ich würde ja nicht mit jedem zusammenarbeiten. Ihre Songs wie „Trouble“ und „Fix You“ sind für mich genial. Sie bringen emotional so viel rüber. Ich habe diese Zusammenarbeit nicht gezielt gesucht, und ich konnte es auch nicht glauben, als sie mich als junge Künstlerin im Jahr 2015 kontaktierten. Ihre Musik gehörte zum Soundtrack meines Studiums. Wie auch Radiohead und Freddie Mercury. Ich finde es spannend, musikalisch etwas auszuprobieren. Coldplay gaben mir eine Melodie und fragten, was ich auf dem Klavier damit machen könne. Das war für mich eine ganz neue Situation. Aber so angenehm und inspirierend, dass es mich dazu brachte, etwas für mich Neues zu machen. Coldplay ist ja weder Jazz noch klassische Musik, auch nicht Pop. Es ist sehr persönliche Musik, der ich eine zusätzliche persönliche Farbe verleihen wollte. Es war wirklich eine interessante Erfahrung.
Heutige Kinder kommen kaum noch mit klassischer Musik in Berührung. Wie könnte man das ändern?
Bei meiner Tochter ist es so, dass ich ihr nicht nur klassische Musik vorspiele, sondern auch Musicals und Pop. Wir mischen es ganz locker, und sie zeigt genauso Interesse an klassischen Melodien wie an Popmusik. Das liegt daran, wie ich es an sie heranführe. Ich finde es schade, wenn Kinder keinen Kontakt mit Klassik haben, weil es so eine reiche Welt ist. Man kann dabei sehr viel erfahren. Ich habe auch festgestellt, dass Kinder sehr tief fühlen können.
Wie ist es Ihren Eltern gelungen, dass Sie als Kind am Ball geblieben sind?
Ich habe klassische Musik von Anfang an geliebt. Es war meine große Leidenschaft, meine Welt. Ich weiß nicht, wie meine Mutter das geschafft hat. Ich war sieben, als ich Mozarts „Requiem“ das erste Mal hörte. Ich war sofort verliebt in diese Musik und wollte sie immer wieder hören. Keine Ahnung, ob jedes Kind so reagieren würde, wenn man es mit Mozart in Kontakt bringt. Ich jedenfalls wollte jeden Abend die Kassette mit Mozarts „Requiem“ hören, aber auch ein bisschen Schumann und ein bisschen Zeitgenössisches. Und Literatur. Meine Bücher habe ich immer hinter den Noten versteckt. Meine Mutter hat das nie herausgefunden. Das alles hat meine Fantasie ungemein stimuliert.