Vor 30 Jahren wurden die historischen Museen aus Ost- und West-Berlin in der Stiftung Stadtmuseum zusammengeführt. Ein Buch zeichnet die Geschichte der Museen nach und gibt Einblicke in die Sammlungen.
Was die Leute wollen, ist Grusel, sagt Andreas Bernhard, und erklärt: „Hinrichtungen waren Volksfeste – auch noch im 19. Jahrhundert.“ Das sei wohl der Grund gewesen, warum Ernst August Friedel, der Gründer und Direktor des Märkischen Provinzial-Museums, das Hödel-Richtbeil in seiner Sammlung haben wollte. Andreas Bernhard ist Provenienzforscher der Stiftung Stadtmuseum Berlin. An einem Abend im November sitzt er mit dem Regisseur, Autor und Sammler Knut Elstermann im Salon des Museums Ephraim-Palais und redet über dieses Richtbeil.
Es spielt eine Rolle in einem Buch, zu dessen Vorstellung die Stiftung Stadtmuseum und der Bebra-Verlag eingeladen haben: „Berlin sammeln – Objekte und Geschichten aus dem Stadtmuseum“. 30 Jahre ist die Stiftung Stadtmuseum in diesem Jahr geworden, das Stadtmuseum selbst ist bereits gut 150 Jahre alt. „Ausgehend vom 1874 gegründeten Märkischen Provinzial-Museum spiegeln sich in ihrer Sammlung die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der Stadt wider“, erklärt Francesca Romana Marcucci vom Verlag.
Anhand der Biografien prägender und in der Geschichte herausragender Persönlichkeiten versuche man, mit dem Buch „Museums- und Stadtgeschichte lebendig werden zu lassen – von der Eiszeit bis in die unmittelbare Gegenwart“.
„Ein sehr sinnlicher Zugang zur Geschichte“ sei das Buch, „geronnene Lebenserfahrung“. Und zwar die Lebenserfahrung ehemaliger und aktiver Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der zur Stiftung gehörenden Häuser. Neben dem Stadtmuseum Ephraim-Palais und dem Märkischen Museum sind das das Museum Nikolaikirche, das Museum Knoblauchhaus, die Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum, das Museumsdorf Düppel, das Marinehaus sowie das Museums- und Kreativquartier.
Zum 30-Jährigen der Stiftung gehe es nun nicht nur darum, zu zeigen, welche materiellen und ideellen Schätze in ihrem Museum ausgestellt sind, sagt die Vorsitzende der Stiftung, Sophie Plagemann. Das Buch beschäftige sich vorrangig mit Fragen wie: „Wie sammelt und erzählt man die Geschichte der Stadt? Und wie beeinflussen die Entwicklungen einer wachsenden Metropole die Arbeit eines Museums, das sich der Stadtgeschichte verschrieben hat?“ Und es geht darum, wie die Museen, die sich in Ost- und West-Berlin mit der Geschichte der Stadt beschäftigt haben, 1995 unter dem Dach der neuen Stiftung „verschmolzen“ sind.
„Ereignisse und Entwicklungen in der Stadt bestimmen stets, wie das Museum sammelt und ausstellt: Die Erzählung dessen, was Berlin sei, ändert sich im Laufe der Zeit“, erklärt Plagemann. Das beleuchtet das Buch und sei daher „keine Festschrift“, sagt Elstermann. Es sei „eine Frage des Blickwinkels“, sagt Dirk Palm, der Geschäftsführer des Bebra-Verlags. Wolle man einfach ein Buch übers Museum machen, dann beginne die Geschichte 1874. Es gehe aber um die Frage, warum ein Kurator ein bestimmtes Exponat gekauft hat. „Wenn wir aber über die Geschichte, die in den Häusern gezeigt wird, berichten wollen, dann fangen wir in der Eiszeit an.“ Genau das tut das Buch.
Ohne Eiszeit wäre Berlin ein Meer
Wobei die Eiszeit ein Kapitel sei, das in der Geschichte des Museums immer mal wieder vernachlässigt worden sei, sagt Beate Witzel. Sie ist die Sammlungskuratorin für Stadtökologie und die Geologie-Sammlung. Sie holt die ganz alte Geschichte in die Gegenwart. „Wer kennt das nicht: Die S-Bahn fährt nicht, die U-Bahn fällt aus und der Bus kommt zu spät. Voller Wut stampfen wir auf den Boden und schimpfen, dass in Berlin mal wieder nichts funktioniert. Doch bei allem verständlichen Ärger tun wir dem Boden unter unseren Füßen Unrecht. Er ist nämlich gar kein Berliner“, schreibt sie.
„Jedes Sandkorn, jeder Kiesel, all die Steine und Findlinge, Lehm, Ton und Kalk kommen aus dem Norden: aus Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, vom Grund der Ostsee oder aus Norddeutschland“, erklärt sie. Die Gletscher haben all das Gestein während der Eiszeiten dahin geschoben, wo heute Berlin ist. Drei Eiszeiten mit sechs Gletschervorstößen habe es hier gegeben. „Zum Glück!“, wie Beate Witzel sagt, denn wenn die Gletscher das Gestein nicht hierher transportiert hätten, „müssten wir das Wassertaxi nehmen“, witzelt die Wissenschaftlerin und erklärt: „Berlin läge 30 Meter unter dem Meeresspiegel.“
Eine Eiszeit der anderen Art beschreibt Kristina Kratz-Kessemeier. Die Historikerin hat sich mit der Zeit zwischen 1961 und 1989 beschäftigt, in der das Märkische Museum die Aufgabe hatte, die Hauptstadt der DDR in Szene zu setzen. Sie beleuchtet in ihrem Beitrag für das „Berlin sammeln“-Buch das „Museum als ideologischen Aushandlungsort und Teil der umfassenden SED-Kulturpolitik“. Es habe sicher „Spielräume innerhalb des Systems“ gegeben, aber das gelte es, „in Folgeuntersuchungen weiter in den Blick zu nehmen“.
Bereits 1961, also im Jahr des Mauerbaus, wurde in fünf Räumen zum ersten Mal die Stadtgeschichte aus Ost-Berliner Sicht erzählt, schreibt Kristina Kratz-Kessemeier. Berlin wurde in seiner Entwicklung als Stadt der Großindustrie und als Zentrum der deutschen Arbeiterbewegung dargestellt, der Imperialismus und der Faschismus wurden thematisiert. Der Mauerbau habe die „politische Rolle des Museums zugespitzt“. Das Führungsteam um Direktor Erik Hühns stellte sich im „Neuen Deutschland“, der zentralen Zeitung der DDR, hinter „Maßnahmen“ gegen „Provokationen … der Agentenzentralen in Westberlin“.
Die darauf folgende Ausstellung „Berliner Kunst von der Renaissance bis zur Gegenwart“ sei dann „ein weiterer wichtiger Schritt hin zur sozialistischen Inszenierung der Berliner Stadtgeschichte“. „Die gezeigte Kunst bewegte sich demonstrativ jenseits der abstrakten Moderne des Westens“, erklärt Kristina Kratz-Kessemeier. Stattdessen wurden Rückgaben aus der Sowjetunion gezeigt. „Auch ältere Kunstwerke mit präzisen Darstellungen von Stadt und Menschen wurden als frühe realistische Bildformen in eine Erzählung jenseits des Westens eingefügt“, beschreibt die Historikerin den Weg der Museumsleitung.
Im Laufe der Jahre „feilte das Museum weiter an neuen sozialistischen Erzählungen“. Unter anderem wurde die Neugestaltung des Alexanderplatzes mit dem Bau des Fernsehturms museal begleitet. Die Rolle des Märkischen Museums sei bis zur Wende hin „klar politisch“ gewesen, aber „man wollte auch international anerkannt werden als Museums-Standort“, sagte Kristina Kratz-Kessemeier bei der Buchvorstellung im Ephraim-Palais.
Für den Blick auf die Zusammenführung der Stadtmuseen aus dem West- und dem Ostteil der Stadt hat der Verlag die Form des Interviews mit Menschen gewählt, die daran beteiligt waren. Einer davon ist der Restaurator und ehemalige Kurator des Museums Nikolaikirche Albrecht Henkys. Er erinnerte sich im Gespräch mit Knut Elstermann auch an die Kunst- und Antiquitäten-GmbH in Mühlenbeck, die für die DDR Devisen durch Kunsthandel beschafft hat. Da seien dann auch schon mal „Herrschaften ins Museum gekommen“. Diese Kunst- und Antiquitäten-GmbH wurde dann selbst Teil der musealen Betrachtung. 1990 gab es im Märkischen Museum eine Ausstellung zu dieser DDR-Firma unter dem Titel „Aus für Mühlenbeck?“
Im Buch-Interview spricht Albrecht Henkys auch über die Zukunft der Stiftungs-Museen. „Sammlung und Kulturgeschichte sollten im Zentrum stehen, was aber nicht immer der Fall ist. Viele meinen, junge Leute ließen sich nur durch flimmernde Bildschirme erreichen. Für das haptische Vergnügen an historischen Artefakten muss man heute zum Flohmarkt gehen. In Museen geht dieser Ansatz zugunsten theoretischer Konstrukte immer mehr verloren“, bedauert er.
Die Frage, wie Dinge ins Museum kommen
Das Interesse am Hödel-Richtbeil dürfte auch ohne flimmernde Bildschirme gut sein. Nicht nur, weil es für Grusel sorgt, sondern weil es auch ein Stück Museumsgeschichte erzählt. Museumsdirektor Ernst August Friedel wollte das Beil unbedingt haben, hat Provenienzforscher Andreas Bernhard recherchiert. Es war zwar bereits in der ersten Ausstellung des neuen Märkischen Provinzial-Museums, der Vorgänger-Einrichtung des heutigen Märkischen Museums, von März bis Juli 1876 ausgestellt. Als Friedel das Beil aber in die Dauerausstellung übernehmen wollte, erhob der Sohn des Berliner Henkers Friedrich Reindel Einspruch. Das Beil sollte in Familienbesitz bleiben.
„Friedel war es aber offensichtlich so wichtig, das Beil, mit dem viele Berliner getötet worden waren, im Museum zu präsentieren, dass er es für 33 Mark kopieren ließ“, erzählt Andreas Bernhard. „Dies wäre eine kleine Anekdote geblieben“, sagt er – wenn nicht am 11. Mai 1878 der aus Leipzig stammende Klempnergeselle Max Hödel auf den in offener Kutsche auf der Straße Unter den Linden fahrenden Kaiser Wilhelm I. geschossen hätte. „Hödel wurde zum Tode verurteilt. Und für Königsmord war die kaum noch praktizierte Enthauptung vorgesehen“, sagt der Provenienzforscher.
Der neue Berliner Henker Julius Krautz habe aber noch kein Richtbeil besessen. Also lieh er sich die Kopie des Beils seines Vorgängers aus dem Märkischen Museum aus und richtete Max Hödel damit am 16. August 1876 in Moabit hin. Es ist wohl der schaurigste Teil der Berliner Museumsgeschichte, findet Andreas Bernhard: „So wurde die Kopie eines Sammlungsstückes auf sehr blutige Weise zum Original.“