Den Vogelarten hierzulande geht es unterschiedlich gut. Während einige wärmeliebende Arten vom Klimawandel profitieren, erleiden Offenlandarten teilweise herbe Verluste in ihrem Bestand. Ein Lösungsansatz: gezieltere, klimaangepasste Schutzmaßnahmen und eine Neuauflage der Brachflächenregelung.
Die meisten Menschen nehmen kaum wahr, dass die Vielfalt der Vogelarten abnimmt. Doch der Verlust von Arten ist meist unumkehrbar – und letztlich nicht zu ersetzen. Biodiversität, also die Vielfalt aller weltweit vorkommenden Tier- und Pflanzenarten, gilt es seit dem Inkrafttreten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) im Jahr 1993 als Gemeingut zu schützen. Unter anderem Deutschland hat seinerzeit die sogenannte Biodiversitäts-Konvention unterzeichnet. Aber gerade in Zeiten des sich immer mehr auswirkenden Klimawandels ist die Artenvielfalt der Erde gefährdeter – und damit schützenswerter – denn je.
Wie es tatsächlich um die Vogelarten hierzulande bestellt ist, das dokumentiert alle sechs Jahre der Bericht „Vögel in Deutschland – Bestandssituation“ vom Dachverband Deutscher Avifaunisten e.V. (DDA). Deutschland ist laut der EU-Vogelschutzrichtlinie – wie jedes andere Mitgliedsland der EU auch – dazu verpflichtet, einen Bericht vorzulegen. Ebendiesen Report haben das Bundesamt für Naturschutz, die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten und der DDA gemeinsam veröffentlicht. Dabei legt der Bericht neben der Bestandsgröße der Vogelarten auch einen Fokus auf den Status und die jeweilige Bestandsentwicklung über einen Zeitraum von zwölf Jahren.
„Immer weniger stabile Verhältnisse“
Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild der deutschen Vogelwelt. Wie eine Schere geht die Entwicklung der 304 Brutvogelarten und 125 rastenden Vogelarten in Deutschland auseinander. Entsprechend gibt es unter den Vogelarten einige, die sich an den Klimawandel angepasst haben und von ihm profitieren, und wiederum andere, die nicht mit ihm zurechtkommen. „Sehr viele Arten zeigen eine positive Bestandsentwicklung“, sagt Dr. Tobias Erik Reiners, Vorsitzender des DDA und einer der Autoren des Berichts über die aktuelle Bestandssituation der Vogelwelt. Für 40 Prozent der Arten verzeichnen die Autoren eine Zunahme. Zudem sind die Bestände bei einer gewissen Anzahl an Arten stabil geblieben. Die dritte Gruppe sind jene Arten, die Verluste im Bestand erlitten haben. „Wir haben festgestellt, dass es hierzulande immer weniger Vogelarten mit stabilen Verhältnissen gibt, aber auf der anderen Seite immer mehr Arten, deren Bestände ab- und zunehmen“, sagt der Diplom-Biologe, der lange Zeit am Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt am Main tätig war.
Dieser Umstand bedeutet konkret: Die Anzahl der Gewinnerarten nimmt zu und auch die der Arten, die angesichts der Folgen des Klimawandels auf der Verliererseite stehen. „Uns macht das Sorgen“, sagt Tobias Erik Reiners. Der Tannenhäher, der vor allem Nadelwälder als Lebensraum bevorzugt, ist zum Beispiel eine typische Verliererart. Er gehört zu den Arten, die weniger ans Klima angepasst sind. Auch die Heckenbraunelle und die Tannenmeise, zwei Arten, die eher kühlere Temperaturen bevorzugen, nehmen in ihrem Bestand ab. Auf der anderen Seite begrüßen die Autoren die positive Entwicklung der wärmeliebenden, anpassungsfähigen Arten, wie etwa Zaunammer und Bienenfresser. Die zwei vor allem in der Mittelmeerregion vorkommenden Arten sind bei uns klare Gewinner, denn ihr Bestand nimmt weiter zu. „Das ist das Spannende, dass sogar die häufigen wärmeliebenden Arten schon profitieren“, sagt Tobias Erik Reiners.
In einer besonders angespannten Lage befinden sich jene Arten, die in Agrar- und Offenlandschaften zu Hause sind. Der Kiebitz, das Braunkehlchen und das Rebhuhn galten schon lange als gefährdet, die Bestände der drei Arten gingen in den vergangenen Jahren zurück. In manchen Regionen konnte allerdings der Rückgang teilweise abgebremst werden. „Unter anderem für das Braunkehlchen und andere Grünlandarten gibt es klare Schutzstrategien, aber die werden noch nicht genügend umgesetzt“, sagt Reiners. Der aktuelle Bestand des Rebhuhns sei weit entfernt von dem Bestandsniveau der 90er-Jahre. „Mittlerweile hat das Rebhuhn mehr als drei Fünftel seines Bestands verloren.“
Auch eine traurige Nachricht aus der Vogelwelt enthält der Bericht: Der Goldregenpfeifer, eine Art, die im Offenland vorkommt, ist mittlerweile in Deutschland ausgestorben. Generell bildet die Gruppe der Offenlandarten den größten Anteil der Verlierer. Anders hingegen sieht hierzulande die Situation der Waldvogel- und Siedlungsarten wie auch der Arten, die an Seen und Gewässern leben, aus. „Da gibt es sowohl Gewinner als auch Verlierer, jedoch in einem ziemlich ausgeglichenen Verhältnis zueinander“, sagt Reiners. Außerdem listet der Bericht die Arten auf, die sich in Deutschland neu angesiedelt haben, und jene, die kurz vor der Etablierung stehen. Zum Beispiel ist die Zwergohreule eine kürzlich bei uns etablierte Art.
Noch gibt es breites Artenspektrum
Tobias Erik Reiners und viele Autoren, die den Bericht mitverfasst haben, überraschte jedoch, mit welcher Geschwindigkeit sich die Brutvogelgemeinschaften in den vergangenen sechs Jahren an den Klimawandel angepasst haben. „Vögel sind seit jeher gute Bioindikatoren, daher werden sie auch Zeigerarten genannt“, sagt der Fachverbandsvorsitzende. In Deutschland gebe es nach wie vor ein breites Artenspektrum. Hinzu komme, dass Vogelarten allesamt sehr spezialisiert auf bestimmte Lebensräume sind und entsprechende Temperaturen präferierten. „Die Vögel sind so divers, dass sie uns sehr schnell anzeigen, wenn es in der Natur zu Veränderungen kommt“, so Reiners. Auch wenn es mit Blick auf den Bestandsbericht aus dem Jahr 2019 bereits Hinweise gegeben hat, dass die Vogelarten sich schneller an die Klimaerwärmung anpassen, kam etwas Neues hinzu: „Das Gesamtbild der aktuellen Situation der Vogelbestände in Deutschland ist eindeutiger geworden“, sagt Reiners.
Wenn jedoch der Klimawandel weiter voranschreitet, steht zu befürchten, dass sich die hiesige Vogelwelt massiv verändert. Aktuell ist es zwar so, dass die Liste der Gewinnerarten noch länger ist als die der Verlierer. Angenommen aber, die Klimakrise verschärfe sich weiter, werden es viele Arten nicht schaffen, sich anzupassen, prognostiziert der Experte vom DDA. Daher müssen aus Sicht von Tobias Erik Reiners die Vogelschutzmaßnahmen verstärkt und besser an den Klimawandel angepasst werden. Vor allem in den Vogelschutzgebieten müssten die entsprechenden Schutzmaßnahmen konsequent und verpflichtend umgesetzt werden. „Die Triggerarten, also diejenigen Vogelarten, die für die Ausweisung eines Vogelschutzgebiets ausschlaggebend waren, sowie die Vogelschutzgebiete selbst sind das Herz des Vogelschutzes in der EU“, stellt er klar. Den Grünlandarten in den Vogelschutzgebieten gehe es allerdings nicht besser als denen außerhalb.
„Die Brachen sind wichtig“
In diesem Zusammenhang moniert Tobias Erik Reiners die gegenwärtige Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP). Eigentlich sollten Landwirtinnen und Landwirte finanziell davon profitieren, wenn sie grüne Maßnahmen für Arten umsetzen. Doch das Vorhaben der EU ging nicht wie erhofft auf. „Diese Agrarumweltmaßnahmen sind meiner Meinung nach nicht gut ausgestattet. Betriebswirtschaftlich ist das für die Landwirtschaft letztlich nicht attraktiv genug“, sagt der Diplom-Biologe.
Außerdem schlägt er vor, die 2025 abgeschaffte obligatorische Brachflächenregelung wiedereinzuführen. Nach dieser mussten Landwirte verpflichtend einen bestimmten Prozentsatz ihrer Flächen brach liegen lassen oder bestimmte Landschaftselemente stilllegen. „Wenn wir die Biodiversität im Offenland wiederherstellen wollen, dann wird es ohne eine entsprechende Brache-Regelung nicht funktionieren. Je intensiver die landwirtschaftliche Nutzung ist, umso wichtiger werden die Brachen für den Erhalt der Offenlandarten“, führt Reiners aus. Er ist der Ansicht, dass ein „guter Kompromiss aus Brache-Regelung und produktionsintegrierten Biodiversitätsmaßnahmen“ notwendig wäre.
Daneben gebe es für manche Gebiete zu wenig Daten zu den Vogelbeständen. Auch in den ausgewiesenen Vogelschutzgebieten müsse die Datenerhebung weiter verbessert werden, betont Reiners. „In vielen Vogelschutzgebieten fehlen uns die Daten. Die EU hat bereits Deutschland deswegen gerügt und darauf gedrängt, hier nachzusteuern“, sagt der Experte. Daher pocht der Fachverband darauf, die Vogelschutzrichtlinie und die Maßnahmen in den Schutzgebieten konsequent umzusetzen. Zudem müssten bereits vorhandene Synergien besser ausgeschöpft werden. „Wir setzen das Vogelmonitoring immer mit Ehrenamt und den Vogelschutzwarten der Länder gemeinsam um“, sagt Reiners. Da sich diese Zusammenarbeit in den zurückliegenden Jahren bewährt habe, müsse sie weiter gestärkt werden. Die ehrenamtlichen Vogelmonitoring-Programme müssen ebenso ausgebaut werden wie das Netz der ehrenamtlichen ornithologischen Beobachter. Zugleich appelliert der Biologe an die Länder: Die Fachbehörden, die in den Bundesländern für den ornithologischen Artenschutz zuständig sind, müssen so ausgestattet werden, dass sie ihr Monitoring aufrechterhalten und weiterentwickeln können.