Bei der Wahl zu den „Champions 2022“ in der Hauptstadt setzen sich die Favoriten durch: Gina Lückenkemper, Simon Geschke und Union Berlin krönen ein herausragendes Sportjahr.
Am Jahresende wird Bilanz gezogen, das ist im Sport nicht anders. Aus Berliner Sicht war es ein höchst erfolgreiches Jahr, die Clubs der Hauptstadt sammelten viele Titel und die Einzelsportler holten reichlich Medaillen. Die Wahl zu den „Champions 2022“ war dennoch eine recht eindeutige Sache, die Favoriten setzen sich durch und wurden bei einer feierlichen Gala am 3. Dezember in der Estrel Convention Hall vor rund 1.400 Zuschauern geehrt. Abgestimmt hatten die Berlinerinnen und Berliner sowie eine Expertenjury. Die Ergebnisse aus Publikumswahl und Jury flossen zu je 50 Prozent ins Endergebnis ein.
Sportlerin des Jahres: Gina Lückenkemper
Seit vier Jahren schnürt Lückenkemper nun schon die Spikes für den SCC Berlin, doch eine solche Ehrung wurde ihr vorher nie zuteil. Gerne hätte sie die Auszeichnung persönlich entgegengenommen, aber das Training zur Vorbereitung auf die neue Saison geht vor. Europas Sprint-Königin ließ sich bei der Gala in einem Videostream aus Florida zuschalten und schickte ihre Eltern ins Estrel, um den goldenen Bären für sie in Empfang zu nehmen. „Von den Berlinerinnen und Berlinern trotz dieser großen Konkurrenz zur Sportlerin des Jahres gewählt zu werden, bedeutet mir sehr viel. Diese Auszeichnung ist eine große Ehre in einem wahnsinnig intensiven Jahr“, sagte sie: „Mir tut die Ruhe hier in den USA gut. Hier kann ich den ganzen Rummel nach der EM weiter für mich aufarbeiten. Ich brauche diese Zeit für mich selbst.“
Denn was bei den Heim-Europameisterschaften im vergangenen August in München passiert war, glich einer Sensation. Die in den Vorjahren vom Verletzungspech geplagte Lückenkemper gewann Doppel-Gold über 100 m sowie mit der deutschen Sprint-Staffel. „Wenn ich an das EM-Finale zurückdenke, bekomme ich noch immer Gänsehaut. Es kribbelt gerade am ganzen Körper“, sagte die 26-Jährige rückblickend bei Sport1. Während ihres phänomenalen Einzelsiegs hatte sich die krasse Außenseiterin vom frenetischen Publikum tragen lassen, „ich habe mich schon gefühlt wie ein kleiner Rockstar“. Unmittelbar nach dem Zieleinlauf hatte sie „so viel Adrenalin“ in ihrem Körper, dass sie „gar nichts“ gemerkt habe. Auch nicht die Schmerzen, die sich nach ihrem Sturz nach der Ziellinie erst mit Verzögerung bemerkbar machten.
Hinterher stellte sich heraus, dass sich Lückenkemper dabei nicht nur eine offene Schürfwunde, sondern auch einen Kapselriss zugezogen hatte. Dennoch führte sie mit der Verletzung die Staffel ebenfalls zum umjubelten Sieg. „Für ein Rennen kann man immer irgendwie die Zähne zusammenbeißen“, sagte sie: „Ich wollte an diesem Abend, in diesem Stadion unbedingt noch einmal mit den Mädels auf der Bahn stehen und diese besondere Atmosphäre genießen.“ Dass ausgerechnet sie, die von vielen Experten schon abgeschrieben worden war, sich nun Europas schnellste Frau nennen darf, sei „auch ein Stück Genugtuung“, gab Lückenkemper zu: „Ich bin noch nicht am Ende der Fahnenstange, ich traue mir noch schnellere Zeiten zu.“
Lückenkemper setzte sich bei der Wahl vor Elena Semechin durch. Die Para-Schwimmerin, die nach ihrer Hirntumor-Diagnose ein vielbeachtetes Comeback hinlegte, hatte im vergangenen Jahr noch den ersten Platz belegt. Dritte wurde Wasserspringerin Lena Hentschel.
Sportler des Jahres: Simon Geschke
Der Weg von seiner Wahlheimat Freiburg in seine Heimatstadt Berlin ist lang und beschwerlich, doch für diesen Anlass nahm ihn Simon Geschke liebend gern in Kauf. Stolz hielt der Radprofi den goldenen Bären für die Kameras in die Höhe, schließlich war die Auszeichnung zum „Champion“ in Berlin seine erste dieser Art. 2015 nach seinem Etappensieg bei der Tour de France war er auch schon mal nominiert gewesen, am Ende aber leer ausgegangen. „Das ist ein cooles Präsent im Winter“, sagte Geschke nun: „Dieser Champions-Titel ist der krönende Jahresabschluss in einem wirklich besonderen Sportjahr.“
Es war aus seiner Sicht sogar ein historisches Sportjahr. Neun Tage trug er bei der Tour de France das gepunktete Trikot für den besten Bergfahrer – so lange wie kein anderer deutscher Radfahrer zuvor. Doch Geschke begeisterte die Fans vor allem mit seiner Leidensfähigkeit und seinem Willen, diese Trikotwertung Tag für Tag entgegen der Prognosen zu verteidigen. Endlich hatten die deutschen Radsport-Fans wieder jemanden, mit dem sie mitfiebern konnten. „Ich denke, ich habe viele Leute noch einmal mitgerissen“, meinte er selbst.
Einen „gepunkteten Kämpfer am Berg“ nannte ihn die „Süddeutsche Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ adelte ihn als „Meisterstrategen“, und nicht nur für Landsmann Nils Politt war er der „Sieger der Herzen“. Er habe „eine schöne Show abgeliefert“, sagte Geschke. Der Mann mit dem markanten Vollbart hat mit der bravourösen Leistung bei der „Großen Schleife“ seinen Bekanntheitsgrad enorm gesteigert und der von etlichen Dopingskandalen gebeutelten Sportart neuen Schwung gegeben. Hinter Geschke kamen Kanu-Weltmeister Tim Hecker und Speerwurf-Europameister Julian Weber auf den Plätzen zwei und drei.
Mannschaft des Jahres: Union Berlin
Die Eisernen machen den Titel-Hattrick perfekt: Zum dritten Mal in Folge holten sich die Fußballer des 1. FC Union in einer regulären Wahl die Auszeichnung in der Mannschafts-Kategorie. Kein Wunder, schließlich war der Weg der Rot-Weißen auch 2022 von Erfolg gekrönt. Im Mai machte der Club den Einzug in die Europa League perfekt, und in der laufenden Saison thronte Union sogar wochenlang an der Spitze der Bundesliga-Tabelle. Das Team aus Köpenick hat mal wieder alle überrascht – diese Ehrung war aber nur logisch.
„Das ist überragend“, sagte Club-Präsident Dirk Zingler im RBB über den andauernden Erfolg: „Auf der anderen Seite sehe ich jeden Tag, wie alle im Club unheimlich viel dafür tun. Da ist Stolz, Dankbarkeit, Überschwänglichkeit – alles Mögliche geht durch Kopf und Herz.“ Und der Erzrivale Hertha BSC? Stand nicht einmal zur Auswahl. Auch das ist ein Zeichen, dass Union längst die Nummer eins im Berliner Fußball ist. Alba Berlin und die Eisbären Berlin folgten auf den Plätzen zwei und drei.
Trainer des Jahres: Urs Fischer
Der Erfolg von Union ist eng mit seinem Namen verbunden. Es ist erstaunlich, wie Fischer Jahr für Jahr seine Mannschaft immer weiter verbessert, obwohl ihm immer wieder Leistungsträger wegbrechen. Der Trainer schafft es, dass das Kollektiv über allem steht, dass auch individuell starke Spieler wie Sheraldo Becker nicht zu sehr ausscheren. Bei Union bekommt der Schweizer dafür jede Rückendeckung und auch die Ruhe, die er bei größeren Clubs vielleicht nicht vorfinden würde. „Vom ersten Tag an wurde ich willkommen geheißen“, sagte er: „So eine Gemeinschaft habe ich vorher noch nicht erlebt.“
Und so war es Fischer trotz einiger Anfragen auch kein großer Reiz, irgendwo anders seine Expertise einzubringen. Stattdessen verlängerte er seinen im Sommer 2023 auslaufenden Vertrag vorzeitig. „Was wir in den letzten Jahren gemeinsam erleben durften, ist unglaublich und kaum zu beschreiben. Wie ich bereits oft betont habe, fühle ich mich bei Union sehr wohl“, sagte der 56-Jährige.