An der Universität des Saarlandes (UdS) weht schon lange ein internationaler Wind. Prof. Dr. Cornelius König, Vizepräsident für Internationalisierung und Europa, spricht über die deutsch-französische Tradition der Hochschule – und warum eine Europa-Universität per se international ist.
Professor König, was zeichnet die UdS als internationale Uni aus?
Ich glaube, das ist tatsächlich relativ einfach zu beantworten, weil man sich die Zahlen von ausländischen Studierenden anschauen kann. Es gibt eine lange Tradition, auch an französischen Studierenden. Das ist sozusagen Teil unserer DNA. Das sieht man auch an den vielen Leuten, die nicht ihren Abschluss in Deutschland gemacht haben und trotzdem hier arbeiten. Die deutsch-französische Geschichte ist etwas, was uns geprägt hat, und das hat natürlich auch mit der regionalen Lage zu tun. Man kann das als Nachteil sehen, dass wir etwas abgelegen in Deutschland sind. Oder als Vorteil, dass wir genau hier sind, wo man schnell in anderen Ländern ist. Und diese Karte versucht die UdS schon seit Langem zu spielen.
Die deutsch-französische Verknüpfung gab es von Beginn an. Wie sieht es mit dem internationalen Fokus aus?
Die Idee mit den gemeinsamen, internationalen Abschlüssen ist etwas, womit wir relativ früh angefangen haben. Und ich habe den Eindruck, dass es eine gewisse Tradition gibt – insbesondere in unserem besonders starken Bereich der Informatik – international nicht nur sichtbar zu sein, sondern auch zu rekrutieren. Die hohen Zahlen der ausländischen Mitarbeiter gehen auf Promovierende zurück, die hier als Mitarbeiter gezählt werden. Es wird schon länger als Vorteil gesehen, wenn man aus einem großen Pool an Leuten rekrutieren und damit idealerweise die Besten herlocken kann.
Mit Blick auf den Fachkräftemangel spielt die Internationalisierung der UdS also auch eine Rolle?
Auf jeden Fall. Deutschlandweit gehen die Zahlen der jungen Leute zurück und im Saarland besonders. Wir könnten unsere Zahlen ohne die ausländischen Studierenden gar nicht halten. Wir liegen derzeit bei ungefähr 20 Prozent ausländischer Studierender, wir wollen aber Richtung 30 Prozent. Wir glauben, dass es für das Saarland wichtig ist, dass immer wieder junge Leute herkommen und idealerweise auch bleiben. Wir sehen uns da als eine Möglichkeit, überhaupt junge Leute ins Land zu holen. Es ist unrealistisch, dass Leute aus Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg kommen, die dort eigene Universitäten haben. Die werden tendenziell auch weniger. Natürlich sind auch die saarländischen Studierenden wichtig für uns, aber davon gibt es auf Dauer nicht genügend. Das heißt, wenn wir unsere Studierendenzahlen halten wollen, geht das nur über Studierende aus dem Ausland.
Die UdS hat den Slogan „Europa-Universität ist per se international“. Was bedeutet das?
Viele Leute sagen: „Die Welt ist doch viel größer als nur Europa.“ Natürlich wissen wir das. Und Europa ist vor allem auch durch die Sicht von außen interessant, insbesondere für gewisse kulturwissenschaftliche Bereiche. Beim Thema Migration ist beispielsweise die Wahrnehmung von außen immer, man muss nach Europa. Aber natürlich wäre es albern zu sagen, wir sind nur Europa. In vielen Bereichen der Wissenschaft ist zum Beispiel die USA vorneweg, und das müssen wir offen zugeben. Beschränkten wir uns nur auf den europäischen Raum, würden wir ganz entscheidende Player in der internationalen Wissenschaft nicht mit einbeziehen. Und das können wir uns gar nicht leisten.
Europabezogene Kompetenzen und Studieninhalte sollen aber noch weiter ausgebaut werden, richtig?
Genau. Das ist eines unserer Ziele. In Studiengängen wie den Historisch orientierten Kulturwissenschaften ist das mit Sicherheit leichter als in der Pharmazie. Aber auch dort gibt es Themen, die sich mit Europabezug denken lassen. Ein anderes Beispiel: Wir pflegen schon sehr lange Beziehungen zu Georgien. Die forschen beispielsweise an der Phagentherapie. Phagen sind Viren, die darauf spezialisiert sind, Bakterien gezielt zu töten. In Georgien gibt es eine sehr lange Tradition, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Durch regionale Besonderheiten halten sich bestimmte Themen in bestimmten Ländern, während sie hier schon aufgegeben wurden. Und jetzt werden sie wiederentdeckt.
Hat sich das europäische Profil als identitätsstiftendes Merkmal der UdS durch den Krieg in der Ukraine noch verstärkt?
Ich bin da zwiegespalten. Tatsächlich rückt man durch den direkten Kontakt mit Ukrainerinnen und Ukrainern enger zusammen, als wenn man nur vom Krieg in der Zeitung liest. Wir hatten zum Beispiel einen ukrainischen Gastprofessor, und es gibt auch bestimmte Leute, die in diesem Bereich sehr aktiv sind und Ukrainerinnen und Ukrainer in ihre Arbeitsgruppe aufgenommen haben. Wir haben eine Hochschulallianz, in der eine polnische und eine litauische Universität dabei sind. Und die sind auch viel näher an diesen ganzen Geschehnissen dran. Da hat man auf jeden Fall europäische Solidaritätsgefühle. Bei mir persönlich sind die stärker geworden.
Und gleichzeitig – deswegen hadere ich ein wenig – fragt man sich, ob jetzt die ukrainisch-russische Grenze und die polnisch-weißrussische Grenze die Grenze von Europa ist. Oder geht Europa nicht doch weiter? Und verbindet uns trotz allem nicht vielleicht dennoch etwas mit den Russinnen und Russen oder Weißrussinnen und Weißrussen? Das nimmt man natürlich momentan als sehr schwierig wahr.
Wo steht die UdS derzeit in der Internationalisierungsstrategie und wo will sie noch hin?
Ich glaube, wir haben da einen langen Prozess. Wir nehmen uns immer wieder konkrete Sachen vor, beispielsweise wie wir die Mobilität steigern können. Sowohl aufseiten der Studierenden als auch aufseiten des Personals. Die EU hat tolle Mittel. Man muss nur wissen, dass es sie gibt und diese dann auch anzapfen. Und das machen wir vielleicht noch nicht gut genug. Es wäre natürlich auch für das nicht-wissenschaftliche Personal spannend zu sehen, wie Menschen in anderen Ländern arbeiten. Das wäre für uns als Institution einfach zu organisieren, weil es da von der EU genau wie für die Studierenden einen Erasmustopf gibt. Da wollen wir uns noch steigern. Auch für die Studierenden gibt es Fächer mit viel internationalem Austausch. Aber eben auch solche, wo das noch nicht üblich ist und die Hürden als höher wahrgenommen werden als angemessen. Die Uni muss die Leute ermutigen, diese Auslandschancen jetzt nach Corona auszunutzen. Wir hatten lange die Corona-Ausrede, aber irgendwann zählt die nicht mehr.
Stichwort Finanzierung: Wie organisiert sich der Internationalisierungsfonds?
Der Internationalisierungsfonds hat derzeit einen Umfang von 350.000 Euro und speist sich aus Geldern der Universität. Es gibt natürlich viele andere Finanzierungsmöglichkeiten über Erasmus oder den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Aber manche Gelder sind einfach schwierig zu bekommen oder sie bedeuten einen großen Aufwand. Manchmal muss es auch schneller gehen oder zeitlich einfach passen, denn vieles hängt mit Antragsfristen zusammen. Und für solche Fälle haben wir den Fonds. Oder eben auch unkompliziertere Kleinigkeiten, wie eine Tagung oder Ähnliches, wo es sich nicht um große Summen handelt. Außerdem versuchen wir darüber hinaus ein paar Sachen gezielt zu steuern oder attraktiver zu machen. Wir haben zwei Hochschulallianzen, einmal die Universität der Großregion und „Transform4Europe“. Die EU-Kommission gibt vor, dass sich das Netzwerk Tansform4Europe vor allem auf die Lehre bezieht. Aber wir sagen, dass die Forschung ein wesentlicher Teil ist, für den wir auch Geld in diesem Netzwerk brauchen. Also haben wir über den Internationalisierungsausschuss eine eigene Förderlinie, die genau das versucht finanziell zu unterstützen. Das sind häufig keine großen Summen, aber es reicht aus, um einen Anschub zu geben.
Was genau ist Transform4Europe?
Transform4Europe ist eine von der Europäischen Kommission geförderte Allianz von bisher sieben Universitäten in sieben europäischen Ländern, die von der UdS koordiniert wird. Sie zielt darauf ab, Europa für die Studierenden und die Universitäten als Ganzes erfahrbar zu machen durch Mobilität, Austausch und Zusammenarbeit.
Für die Folgefinanzierung der europäischen Hochschulen hat Brüssel Anreize gesetzt zu wachsen. Deshalb werden wir noch drei weitere Universitäten aufnehmen, mit denen wir dann insgesamt zu zehnt sind. Die Idee von solchen Hochschulallianzen ist, dass man dadurch einerseits einen stetigen Austausch an Informationen hat, aber andererseits auch gewisse Dinge gemeinsam auf die Beine stellen kann. Das fängt zum Beispiel bei Veranstaltungen an, die sowieso digital angeboten werden und innerhalb des Netzwerks für alle geöffnet werden können. Bis hin zu größeren Plänen, wie Studiengänge, in denen die Studierenden dann an verschiedenen Standorten studieren. Und in Zukunft dann eben auch mit Anreizen für gemeinsame Forschungsprojekte.
Warum ist der Aspekt der Internationalität für die UdS so wichtig?
Das ist etwas, was uns mittlerweile ganz normal vorkommt. Aber wenn man mal in einem anderen Betrieb arbeitet, merkt man, dass das nicht so ist. Ich glaube, für uns in der Wissenschaft, aber auch für die Studierenden, ist es selbstverständlich, dass da ein internationaler Wind weht. Das begegnet einem an der Uni überall. Sei es jetzt, dass man auch mal Texte auf Englisch oder Französisch lesen muss oder an der Bushaltestelle aussteigt und weiß, da ist das Welcome Center für die internationalen Studierenden und Mitarbeitenden.
Natürlich braucht man so etwas. Und es ist schön, dass wir das Stadium erreicht haben, in dem das so normal geworden ist. Natürlich ist die Internationalität für unsere Zahlen sehr wichtig, wie anfangs erwähnt. Wir müssen uns überlegen, wie wir gewisse Stellen für neue Leute attraktiv machen können. Und wir können hier beispielsweise den Frankreichbezug bieten. Das betrifft natürlich auch die Studierenden, denn wir sind nun mal nicht die Uni Heidelberg oder eine Berliner Uni. Aber wir können das Beste daraus machen.