Sarah Strichertz studiert deutsch-französisches Recht am Centre Juridique Franco-Allemand (CJFA). Das Doppelstudium bietet ihr viele Vorteile. Es hat ihr aber auch einiges abverlangt. Die Studentin spricht über ihre Erfahrungen.
Frau Strichertz, warum haben Sie sich für das Doppelstudium entschieden?
Jura stand bei mir schon früh fest und hat mich schon immer interessiert. Das kam unter anderem durch meine Eltern. Die beiden sind auch Juristen und hatten eine eigene Kanzlei, beim Abendessen wurden immer die aktuellsten Fälle besprochen. Ein Teil meiner Familie kommt aus Paris, dadurch habe ich die französische Kultur lieben gelernt. Die französische Sprache hat mich in der Schule zunächst nicht unbedingt begeistert. Meine Mutter musste mich überzeugen, dass ich Französisch überhaupt weitermache. In der Oberstufe hatte ich dann aber einen Lehrerwechsel, habe Französisch lieben gelernt und später ein Jahr nach dem Abitur in Paris verbracht. Ich habe dort in der Assemblée nationale, also der Nationalversammlung, ein Praktikum gemacht. Das war sehr rechtswissenschaftlich und dadurch hat sich diese Idee entwickelt.
Welche Vorteile bietet Ihnen dieses Studium?
Ich kann in Deutschland, aber genauso gut in Frankreich arbeiten. Auch luxemburgische Unternehmen und Kanzleien sind sehr interessiert an diesem Studiengang. Wir sind immer circa acht bis zehn deutsche Studierende, die das Doppelstudium abschließen, und davon gehen des Öfteren zwei oder drei nach Luxemburg. Wenn man mal rechtsvergleichend studiert hat, fällt es einem leicht, sich in andere Rechtssysteme einzufinden. Das Studium hat also insgesamt den Vorteil, dass man auch international tätig werden kann.
Grundsätzlich sind die beiden Studiengänge sehr unterschiedlich. Das französische Jurastudium ist total theoretisch. Man lernt sehr viel auswendig, schreibt in den Vorlesungen mit, bekommt Hausaufgaben und Mitarbeitsnoten – es ist alles recht verschult. Das deutsche Studium ist sehr praxisorientiert. Man löst Fälle und muss sich viel selbst erarbeiten. Dadurch ist man breiter aufgestellt. Man kann sich leicht an Aufgaben anpassen.
Das französische Rechtssystem gilt neben dem deutschen als eines der wichtigsten in Europa. Warum?
Die europäischen Rechtssysteme basieren mitunter entweder auf dem französischen oder dem deutschen Rechtssystem. Wobei sie gar nicht so verschieden sind. Das deutsche Rechtssystem basiert ursprünglich auf dem französischen, denn der Code civil, das französische Gesetzbuch, wurde 1804 eingeführt und unser Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) erst 1900. Davor galt auch bei uns der Code civil. Wenn man sich einmal mit beiden auseinandergesetzt hat, fällt es einem nicht schwer, die Legislatur von Spanien oder Italien zu verstehen.
Was waren in diesem Studium die größten Herausforderungen für Sie?
Viele denken, die größte Schwierigkeit wäre, Jura auf Französisch zu studieren. Aber nach meinem Erachten ist das nicht so. Man beginnt sowieso mit einem B2- oder C1-Niveau Französisch. Die französischen Kommilitonen müssen das Fachvokabular ja auch erst mal lernen. Man findet sich gemeinsam in die Rechtssprache ein. Für mich war die Doppelbelastung aus zwei Jurastudiengängen das Anstrengendste. Wenn man in Deutschland Semesterferien hat, geht in Frankreich die Uni weiter und umgekehrt genauso. Wir hatten in drei Jahren eigentlich keine Semesterferien. Man schreibt zwölf bis 15 Klausuren pro Semester.
Das Studium gibt auch die Möglichkeit zu einem Auslandsaufenthalt, richtig?
Theoretisch kann man diesen Auslandsaufenthalt machen, wenn man möchte. Man hat grundsätzlich zwei Jahre am CJFA und das dritte Jahr an einer französischen Universität. Bei uns waren damals Straßburg oder Metz möglich. Die Université de Lorraine in Metz ist im Endeffekt die Zweigstelle in Saargemünd, deshalb waren wir dort. Da hat man die Wahl. Wenn man die Auslandserfahrung machen will, studiert man ein Jahr nur französisches Recht in Straßburg. Wir dagegen sind in Saarbrücken geblieben und hatten zweimal die Woche Vorlesungen in Frankreich. Wir haben auch im dritten Jahr deutsches und französisches Recht parallel weitergemacht. Diejenigen, die in Straßburg waren, haben dann das dritte Jahr deutsches Recht nachgeholt, nachdem sie zurückgekommen waren.
Gibt es eine Erfahrung aus Ihrem Doppelstudium, die Ihnen mit einem einfachen Abschluss fehlen würde?
Ich würde sagen, das sind eher die drei Jahre als Ganzes. Ich finde es super schön, diese Bikulturalität und Zweisprachigkeit zu leben. Wir haben auch untereinander ständig zwischen Deutsch und Französisch gewechselt. Jeder lebt diese Sprachaffinität und die Liebe zu Frankreich oder die französischen Kommilitonen eben die Liebe zu Deutschland. Wir waren wie eine Familie und man hatte mit so interessanten Menschen zu tun. Ich habe auch mit einer Freundin zusammen am französischen Lehrstuhl gearbeitet. Wir haben dort ein Rechtsanwalts- und Notarfortbildungsprogramm im jeweils anderen Rechtssystem betreut.
Stellt die Erfahrung mit der Doppelbelastung einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz dar?
Man hat Vorteile, aber auch Nachteile. Man hat drei Jahre extrem zielorientiert und effizient gearbeitet. Die meisten, die diesen Studiengang machen, schreiben später auch Prädikatsexamen im deutschen Recht. Das sind Abschlüsse, die besser als „ausreichend“ sind. Man wird darauf gedrillt, effizient zu lernen und sich seine Zeit gut einzuteilen.
Auf der anderen Seite bleibt das Studentenleben, wie man es vielleicht kennt oder nur in genau diesen Jahren haben kann, auf der Strecke. Manchmal denke ich, ein einzelnes Jurastudium hätte gereicht. Beim deutschen Studium geht die Belastung erst richtig los, wenn die Vorbereitungszeit für das erste Staatsexamen beginnt. Und da hatten wir schon drei Jahre Doppelstudium hinter uns. Natürlich musste ich auch Prioritäten setzen. Ich konnte mich nicht auf alle deutschen Vorlesungen so konzentrieren wie andere Studierende.
Wir mussten gucken, was uns mehr Punkte bringt und wo unser Fokus liegt. Da hatte ich schon manchmal Angst, dass ich einen zu starken Fokus auf das französische Recht gelegt habe. Aber es hat alles geklappt.
Wo sehen Sie sich zukünftig?
Ich hatte in den ersten Jahren eine genaue Vorstellung, ich wollte immer in eine europäische Institution. Das hat sich mittlerweile durch das Referendariat gewandelt. Wir hatten dort Stationen mitunter in der Staatsanwaltschaft, in den Zivilkammern am Landgericht und beim Rechtsanwalt. Dadurch bin ich recht offen und die späteren Möglichkeiten hängen auch von der Examensnote ab. Aber ich kann mir immer noch die Staatsanwaltschaft vorstellen oder etwas in die Richtung Steuerrecht in Luxemburg, denn natürlich hätte ich auch gerne den Bezug zum französischen Recht. Und auch der Beruf des Unternehmensjuristen wird immer stärker. Eine Freundin von mir hat gerade in einem großen Unternehmen angefangen, wo viele deutsch-französische Verbindungen gepflegt werden. Und da kann man durch den Studiengang natürlich vermitteln sowie etwaige Verträge aufsetzen. Gerade in unserer saarländischen Region oder auch in der Region um Freiburg ist das von Vorteil. •