Die Saar-Uni sieht ihren Vorteil in der Partnerschaft mit anderen Ländern. Die ehemalige Universitätspräsidentin Prof. Dr. rer. nat. Margret Wintermantel spricht über ihre Anfänge, die Bologna-Reform und wo die Uni in 25 Jahren stehen wird.
Frau Prof. Dr. Wintermantel, Sie haben bereits einige akademische Stationen hinter sich. Was war das Besondere an Ihrer Zeit als Präsidentin der Universität des Saarlandes (UdS)?
als erste Frau die Leitung der Universität übernommen - Foto: picture alliance / dpa
Das Besondere für mich war die große Verantwortung, die ich als Präsidentin übernommen hatte und damit die Führungsaufgabe in einer Institution mit unterschiedlichen Mitgliedergruppen, den Professorinnen und Professoren, dem Mittelbau, der Verwaltung und den Studierenden, für die die Universität in erster Linie da ist. Ich habe sehr viel Unterstützung erfahren und eine für mich eindrucksvolle Kooperationsbereitschaft: Man arbeitete an den gemeinsamen Zielen, nämlich die Forschungsstärken der Universität weiter auszubauen, sich dem Wettbewerb zwischen den Universitäten auch im internationalen Kontext zu stellen, den Studierenden die wichtigen Inhalte zu vermitteln, sie in den akademischen Diskurs einzubinden und sie zum selbstständigen Denken zu ermuntern. Die Situation der Universität als einzige Universität im Saarland ist eine besondere: Selbstverständlich erwartet man im Land und vor allem in der Politik, dass die Universität sich in besonderer Weise zur Region gehörend und daher auch den politischen Zielen verpflichtet fühlt. Auch das ist eine spezielle Herausforderung für die Führung der Universität und ihre Strategien.
Bereits kurz nach ihrer Gründung erhielt die UdS die Auszeichnung als „Europäische Universität“. Was macht sie Ihrer Meinung nach europäisch?
Die Universität ist eine französisch-deutsche Gründung, entstanden in einer Zeit, in der man sich noch nicht sicher war, ob man zu Frankreich oder zu Deutschland gehörte, oder ob das Saarland einen Sonderstatus einnehmen sollte. Der Gründungsrektor war ein Franzose, ebenso wie sein Nachfolger.
Später dann war die Sache klar, die Universität folgte den politischen Entscheidungen und reihte sich in die Gruppe der westdeutschen Universitäten ein. Natürlich hat man sich in der Universität intensiv mit den gesellschaftspolitischen Prozessen auseinandergesetzt. Es ist gelungen, die deutsch-französische Achse zu pflegen und weiterzuentwickeln und damit zugleich eine europäische Orientierung zu herzustellen. Es gibt eine große Zahl von Publikationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität, die den Spuren dieser Entwicklung nachgehen, eine lohnende Lektüre.
Wirkt die Uni damit als Vorbild deutsch-französischer Freundschaft?
Ich würde sagen, das ist die Chance. Ich habe keine Studie dazu gemacht, wie das derzeit im Saarland gesehen wird oder auf der anderen Seite in Frankreich. Aber meine Erfahrung war und ist doch, dass die Bereitschaft zur Kooperation und zur Freundschaft wirklich sehr hoch ist.
Wie haben Sie in Ihrer Amtszeit als Präsidentin der Saar-Uni konkret versucht, das umzusetzen?
Mit der intensiven Förderung des Schwerpunkts Europa in der Forschung, mit der Einrichtung entsprechender Studiengänge und der Anbahnung von Kooperationen mit anderen europäischen Universitäten. Gerade der Rahmen der European University Association eignete sich in besonderer Weise dafür, neue Verbindungen einzugehen, Partneruniversitäten zu finden, die ebenfalls die europäische Perspektive in Forschung und Lehre betonen und ausarbeiten. In meiner Amtszeit beschäftigte uns das Thema der Autonomie sehr stark. Globalhaushalte, Zielvereinbarungen, all das wurde bei uns heftig diskutiert. Wir besprachen die Chancen und auch die Nachteile dieser neuen und ungewohnten Governance-Prinzipien mit unseren europäischen Partneruniversitäten, besonders natürlich mit unseren Freunden in Frankreich. Der stärker werdende Wettbewerb zwischen den Universitäten, gebahnt insbesondere durch die Exzellenzinitiative, stellte einen weiteren Themenkomplex dar, zu dem wir unsere Standpunkte austauschten und voneinander lernen konnten.
Ist Ihnen eine Kooperation in Erinnerung geblieben, die die Studierenden besonders angesprochen hat?
Das Thema Autonomie und dabei vor allem die Möglichkeiten der studentischen Mitsprache und der Beteiligung an Entscheidungen haben natürlich die Studierenden besonders interessiert. Auch die französischen Studierenden beteiligten sich intensiv an entsprechenden Diskussionen. In der Psychologie, der Romanistik und den Geschichtswissenschaften wurden der Themenkomplex der nationalen Stereotypen und Vorurteile und die empirischen Studien hierzu und auch der historische Hintergrund heftig diskutiert.
Wenn es um die Rolle von Frauen in der Wissenschaft geht, fällt auf, dass Sie bislang die einzige weibliche Präsidentin der Universität des Saarlandes waren. Inwiefern hat das für Sie jemals eine Rolle gespielt?
Es gab damals tatsächlich nur zwei Frauen im Amt des Universitätspräsidenten/ der Präsidentin, nämlich ganz im Osten an der Viadrina in Frankfurt an der Oder und ganz im Westen hier an der Universität des Saarlandes. Natürlich spielte das eine Rolle – aber dies ist ein ganz anderes Thema, das ich nicht so ganz nebenbei behandeln möchte.
Zurück zur Internationalisierung: Sie sprachen über den Austausch mit französischen Partnern zum Autonomisierungs-Prozess. Was kann die Saar-Uni heute im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit noch von anderen Universitäten lernen?
Der Erfahrungsaustausch mit anderen Universitäten ist grundsätzlich ein Gewinn: Wie geht man mit den Erwartungen und Aufgaben um? Wie stellt man sich auf die jeweiligen Kontexte ein? Welche Strategien eignen sich? Die Saar-Uni, genauso wie andere Universitäten, muss auf die gesellschaftlichen Herausforderungen gute Antworten finden, und dabei kann sie gerade in der Kommunikation mit europäischen und außereuropäischen Universitäten ihre eigenen Positionen reflektieren und ihre Zukunft gestalten.
Also profitiert man von internationaler Zusammenarbeit?
Ja, natürlich. Einfach weil es wichtig ist, als junger Mensch unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen, verschiedene Sichtweisen auf bestimmte Themen und bestimmte Phänomene. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und wirklich zu verstehen, dass man mit anderen Perspektiven auch zu anderen Urteilen kommt und dass die nicht unbedingt schlechter sind als die eigenen. Das mag nicht das Wichtigste in der Internationalisierung einer Hochschule sein, aber natürlich ganz entscheidend: Die Offenheit für andere Fragen und andere Kulturen, die Offenheit für andere Argumente.
Was macht die UdS in diesen und anderen Punkten besonders attraktiv für internationale Studierende?
Nun, da gibt es wirklich ein breites, sehr gut strukturiertes Studienangebot, aus dem man je nach Wissensneugier, Begabung und Interesse auswählen kann. Wir haben viel über das Europäische gesprochen, ein Schwerpunkt der Uni, der in exzellenter Forschung und einem breiten Studienangebot eine hohe Anziehungskraft hat – nicht nur für internationale Studierende. Die Informatik natürlich, die durch ihre herausragende Forschung weltweit bekannt ist und eine Spitzenstellung einnimmt. Der Schwerpunkt Nanobiomed, der ebenfalls in der Forschung eine Reihe hochinteressanter und zukunftsorientierter Fragestellungen verfolgt und in der Lehre entsprechende Angebote macht. Daneben natürlich alle anderen Fächer, die auf dem Campus in Saarbrücken und auf dem Campus in Homburg sehr gut vertreten sind. Es ist klar, dass sich interessierte ausländische Studierende gut informieren müssen, und wenn sie das tun, werden sie verstehen, dass es sich lohnt, zum Studium hierherzukommen.
Sie haben in Ihrer Laufbahn die Bologna-Reform, bei der das Bachelor-Master-System eingeführt wurde, lange mitverfolgt. Dass man damit die Europäisierung der Hochschulen vorantreiben wollte, haben Sie vor zehn Jahren als einen „vernünftigen Ansatz“ beschrieben, aber auch eingeräumt, dass es einige Hürden in der Umsetzung gab. Kann man diese Europäisierung heute sehen?
Das denke ich schon. Ich würde sagen, die Bologna-Reform ist ein Erfolg gewesen in der Internationalisierung. Wenngleich es viele Stolpersteine auf diesem Weg gegeben hat und sicherlich immer noch gibt. Und die Universitäten sind natürlich auch Institutionen, die sich schwertun mit Veränderung. Und das war eine grundlegende Veränderung. Alle Studienprogramme wurden umgestellt und das ist natürlich nicht von allen gutgeheißen worden. Aber insgesamt würde ich eine positive Beurteilung abgeben.
Kritiker bemängelten damals einen Qualitätsabfall und die Vermehrung von reinen Auswendiglern-Klausuren. War die Reform den Preis wert?
Ich hoffe sehr, dass sie ihren Preis wert war beziehungsweise ist. Nur hat es viel Kritik – auch unberechtigte – gegeben und man hat in manchen Fällen wohl schwere Fehler in der Umsetzung gemacht. Natürlich ist es nicht Sinn der Sache, Wissen in kurzer Zeit anzusammeln, um es dann unreflektiert und nicht eingefügt in schon vorhandenes Wissen einfach wieder von sich zu geben. Doch man muss sich die verschiedenen Studienangebote in den unterschiedlichen Fächern sehr genau ansehen, bevor man eine so sehr verallgemeinernde Kritik äußert.
In den Fällen, in denen die Kritik berechtigt war: Ist dieses Problem mittlerweile, zumindest in der Tendenz, überwunden?
Ich glaube schon. Auch dazu habe ich keine Studie. Aus meiner internationalen Erfahrung heraus – ich bin ja auch ein paar Jahre Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes gewesen – würde ich aber sagen, dass man sich im deutschen Hochschulsystem mit Erfolg bemüht hat, diese Studienprogramme umzustellen und tatsächlich auch vernünftig zu gestalten.
Wo sehen Sie die Uni in 25 Jahren, wenn sie 100-jähriges Jubiläum hat?
Die Uni wird sich in den nächsten Jahren den Erwartungen einer sich verändernden Gesellschaft stellen müssen. Sie muss ihre Stärken in der Forschung weiterentwickeln, um ihren Platz in der Gruppe der forschungsstarken Universitäten zu behalten. Sie wird sich erfolgreich bemüht haben und bemühen, den Wissenstransfer zu intensivieren und so auch zum Strukturwandel im Saarland beizutragen. Sie wird stärker noch Studienangebote für Ältere entwickeln, um ihnen die schnellen technologischen Weiterentwicklungen zugänglich zu machen und um ihnen weitere Bildungsangebote zu machen.
Sie wird eine hohe Attraktivität für die international Studierenden haben, die das Studienangebot nutzen und die Lebensqualität im Saarland zu schätzen wissen.