Eine Para-Schwimmerin und ein Marathon-Rekordhalter sind die Hauptgewinner der traditionellen Sportler-Wahl der Hauptstadt. Aber auch in anderen Kategorien wurde gewählt.
Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, aber wer waren Berlins Beste im Bereich Sport? Vom 20. Oktober bis zum 19. November hatten die Menschen der Hauptstadt die Chance, ihre „Champions 2023“ zu wählen. Der Publikumspreis wird seit 1979 vergeben, in diesem Jahr wurden Berlins Sportlerinnen und Sportler des Jahres erstmals in gleich fünf Kategorien gekürt. Zur Wahl standen je zehn Athletinnen und Athleten, je zehn Frauen- und Männer-Teams sowie zehn Trainer/Manager. Neu war zudem, dass Berliner Top-Starter und -Starterinnen der Special Olympics World Games, die im vergangenen Juni in Berlin stattfanden, ebenfalls mitmischten. Die Wahl der Sportfans machte 50 Prozent der Wertung aus, die andere Hälfte setzte sich wie in den Vorjahren auch aus den Urteilen einer Expertenjury zusammen – bestehend aus Medienpartnern sowie Vertretern der Stadt, des Landessportbundes und des Olympiastützpunktes. Bei der großen Gala am Samstag im „Hotel Estrel“, die unter dem Motto „Paris 2024“ stand, wurden vor 1.500 geladenen Gästen folgende Gewinner und Gewinnerinnen geehrt.
Sportlerin des Jahres: Elena Semechin
Die ungeraden Jahre sind Elena Semechins Jahre – zumindest bei den Berliner Sportler-Wahlen. Nach 2019 und 2021 gewann die Para-Schwimmerin auch 2023 die Kategorie bei den Frauen. Es ist ein weiterer Lohn für ihren WM-Titel über 100 Meter Brust bei den Titelkämpfen Anfang August in Manchester. Ihr erstes Gold bei einem großen Wettbewerb nach ihrer Krebserkrankung. „Mir ist bewusst geworden, dass das Leben nicht unendlich ist“, sagte die sehbehinderte 30-Jährige, bei der kurz nach dem Olympiasieg in Tokio ein bösartiger Hirntumor festgestellt worden war: „Ich versuche, jeden Moment zu genießen und alle Wünsche, die ich immer so habe, auch wenn es spontane sind, umzusetzen.“ Einer davon war es, noch mal in die Weltspitze vorzustoßen. Das hat sie mit einer beeindruckenden Disziplin und Willensstärke geschafft.
„Keiner hätte gedacht, dass ich überhaupt noch mal zurückkomme. Und nun steht man da und denkt: Jetzt bist du wieder ganz oben angekommen und kannst deinen Weg als Sportlerin weitergehen“, sagte Semechin. Nach den Torturen inklusive einer Operation im November 2021 mit anschließender Chemotherapie, genießt die gebürtige Kasachin das Leben so lange und so gut es geht. Denn sie weiß: „Ich habe den Krebs erst mal besänftigt, aber früher oder später wird er zurückkommen.“ Der Triumph bei der Sportler-Wahl ihrer Wahlheimat bedeute ihr daher viel, die Freude sei „genauso intensiv wie beim ersten Mal“.
Sportler des Jahres: Amanal Petros
Beim Berlin-Marathon im vergangenen September interessierte die Sport-Welt vor allem der verpasste Weltrekord von Kenias Lauf-Idol Eliud Kipchoge. Doch kurze Zeit später schrieb Amanal Petros fast unbemerkt deutsche Leichtathletik-Geschichte. Der 28-Jährige stellte in 2:04:58 Stunden einen deutschen Rekord auf, rund anderthalb Minuten blieb er unter seiner eigenen am 5. Dezember 2021 in Valencia aufgestellten Bestmarke. Diese famose Leistung und die tolle Atmosphäre am Streckenrand sei für ihn „unvergesslich“, sagte Petros: „Es war pure Freude, auf dieser Strecke unter 2:05 Stunden zu laufen.“ Im Februar hatte er schon den 30 Jahre alten nationalen Rekord über zehn Kilometer gebrochen. 2023 sei für ihn daher das erfolgreichste Jahr seiner Karriere gewesen, mit dem Sieg bei der Berliner Sportler-Wahl habe er aber dennoch nicht gerechnet. „Allein die Nominierung war für mich eine Ehre“, sagte der Athlet vom SCC Berlin: „Wahnsinn, dass ich die Wahl gewonnen habe. Ich danke allen, die mich unterstützt haben. Es macht mich unfassbar stolz.“ Weil hinter dem Erfolg ein steiniger Weg liegt. Der in Eritrea geborene Petros war im Alter von zwei Jahren mit seiner Mutter nach Äthiopien geflohen, als 16-Jähriger reiste er dann allein nach Deutschland. In seiner Flüchtlingsunterkunft erkannten Betreuer das sportliche Talent des jungen Amanal, sie schickten ihn zuerst zum Fußball und dann zur Leichtathletik. An den Ausdauerdisziplinen zeigte er schnell Gefallen, auch wenn er heute zugibt: „Der Marathon ist hart, der Marathon ist gemein.“
Männer-Team des Jahres: Union Berlin
Selbst Weltmeister konnten den Fußball-Bundesligisten aus Köpenick nicht vom Thron stoßen. Die Berliner Basketball-Helden Maodo Lo, Johannes Thiemann, Niels Giffey sowie Franz und Moritz Wagner mussten sich bei der Wahl mit Platz zwei begnügen. Unions sensationelle Vorsaison mit dem erstmaligen Einzug in die Champions League ist den Fans und Experten offenbar immer noch sehr präsent in Erinnerung – trotz der aktuellen sportlichen Krise. „Vielen, vielen Dank, dass ihr uns wieder zur Mannschaft des Jahres gewählt habt. Das macht uns stolz“, sagte Kapitän Christopher Trimmel, der per Video zugeschaltet wurde: „Speziell in der Saison mit der Qualifikation zur Champions League war es einzigartig und herausragend. Drückt uns die Daumen, dass wir aus der aktuellen Situation wieder herauskommen!“ Für Union ist die Auszeichnung fast schon Routine, auch 2019, 2020, 2021 und 2022 siegte der Club. Im Corona-Jahr 2020 wurden die größten Berliner Sportidole, die seit 1979 mit überragenden Leistungen die Wahl gewonnen hatten, gesucht.
Frauen-Team des Jahres: Alba Berlin
In der neu geschaffenen Kategorie holten die Basketballerinnen des Hauptstadt-Clubs den Premieren-Sieg. „Wir freuen uns sehr über die Auszeichnung“, sagte Kapitänin Lena Gohlisch. Alba setzte sich bei der Wahl unter anderem gegen die erfolgreichen Tischtennis-Spielerinnen des TTC Berlin Eastside, die Fußballerinnen des FC Viktoria Berlin und die Wassersprung-Europameisterinnen Christina und Elena Wassen durch. „Es standen so viele tolle Sportlerinnen zur Auswahl, die alle Großes erreicht haben – da ist es eine große Ehre, nun als erste Preisträgerinnen überhaupt in dieser Kategorie ausgezeichnet zu werden“, meinte Gohlisch. Albas Frauen-Team spielt zwar erst seit etwas mehr als einem Jahr erstklassig, hat in der Basketball-Bundesliga aber schon für Furore gesorgt und sich mit teilweise über 2.000 Zuschauern bei Heimspielen auch bei den Berliner Fans ein gewisses Standing erarbeitet.
Trainer des Jahres: Urs Fischer
In dieser Kategorie, in der auch die Manager aufgenommen wurden, setzte sich ausgerechnet derjenige durch, der gar nicht mehr in Verantwortung steht. Urs Fischer und Union Berlin hatten sich zwar Mitte November getrennt, doch das Vermächtnis des Schweizers wirkt noch immer nach. Fischer schickte bei seiner Dankesrede per Videoschalte „ganz liebe Grüße aus Zürich“ in den Gala-Saal und bedankte sich: „Es freut mich wahnsinnig und ehrt mich.“ Die Saison 2022/23 und generell seine fünf Jahre bei Union seien „eine Wahnsinns-Zeit“ gewesen, fasste der Schweizer zusammen. Dass ihm die Trendwende in der aktuellen sportlichen Krise nicht gelungen war und er durch den Kroaten Nenad Bjelica ersetzt wurde, dürfte Fischer mächtig wurmen. Doch das ließ er sich bei der Ehrung nicht anmerken. „Ich wünsche euch einen tollen Abend, bleibt gesund!“, sagte er lächelnd. Fischer setzte sich bei der Wahl unter anderem vor Bob Hanning durch, der als Handball-Geschäftsführer bei den Füchsen Berlin und als Trainer des Kooperationspartners VfL Potsdam gleich doppelt abgeliefert hatte.