Etienne Kinsinger und Gennadij Cudinovic haben einiges gemeinsam: Beide sind Saarländer, erfolgreiche Ringer und können sich für die Olympischen Spiele 2024 in Paris qualifizieren. Auch ihre erste olympische Erfahrung haben sie gemeinsam gemacht.
Die Olympische Flamme brennt noch in ihren Herzen – dafür war die Erfahrung 2021 in Tokio zu beeindruckend. Die saarländischen Vorzeige-Ringer Etienne Kinsinger (griechisch-römisch bis 60 Kilo) und Gennadij Cudinovic (Freistil bis 125 Kilo) wollen sich auch für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in diesem Sommer in Paris qualifizieren. Die erste von zwei Chancen bietet das europäische Ausscheidungsturnier am 1. April in Baku/Aserbaidschan, wo sich die beiden Finalteilnehmer für die Spiele qualifizieren. Beim anschließenden Weltturnier im Mai im türkischen Istanbul erhalten die ersten Drei jeweils ein Olympia-Ticket. Nach schweren Wochen und Monaten zeigen die beiden Freunde nun ansteigende Form. In Tokio, wo die Spiele 2021 unter strengen Corona-Pandemie-Bedingungen und vor allem ohne Zuschauer stattgefunden haben, wurde Cudinovic Achter, Kinsinger Elfter.
Auf dem Weg zu Alter Form
Das vergangene Jahr lief für beide Ringer eher schlecht. Noch im September titelte die „Saarbrücker Zeitung“: „Ringer Etienne Kinsinger droht schnelles Olympia-Aus“. „Man merkt, dass der Körper älter wird“, sagt der 27-jährige Kinsinger von Bundesligist KSV Köllerbach zu seiner Verletzungs-Pechsträhne und schmunzelt gequält: „Es lief definitiv nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte. Das hat sich auch noch bis in das laufende Jahr gezogen. Das ist besonders ärgerlich, weil wir eigentlich eine gute Planung zusammengestellt hatten, die dann aber von vielen Kleinigkeiten beeinträchtigt wurde.“ Dazu gehörten unter anderem Rippen-Probleme und kleinere Krankheiten, die den Trainingsfluss immer wieder unterbrochen haben. „Das lief schon nicht sehr zufriedenstellend“, untertreibt der Sportsoldat und gibt zu: „Wenn es nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, fängt man an, mit sich zu hadern.“
Dabei aus einem mentalen Tief herauszukommen, helfen Sportlern vor allem Erfolgserlebnisse. Das weiß auch Etienne Kinsinger: Anfang März trat er beim Thor-Masters-Turnier im dänischen Nykøbing Falster an – und gewann es. Die neue SZ-Schlagzeile lautete: „Im Kampf ums Olympiaticket sendet Etienne Kinsinger ein erstes Ausrufezeichen.“ Balsam für die Seele. Oder? „Ich hatte das Glück, dass mein direkter Konkurrent – ebenfalls wegen Krankheit – dort nicht starten konnte und viele aus meiner Gewichtsklasse (bis 60 Kilo, Anm. d. Red.) eine Klasse drüber gestartet sind (bis 63 Kilo)“, relativiert der Saarländer. Trotzdem sei der Sieg auch gut für das in zuvor Mitleidenschaft gezogene Selbstvertrauen gewesen: „Der Bundestrainer hatte im Vorfeld gesagt, das Turnier sei wichtig für die Auswahl der Teilnehmer am ersten Qualifikationswettkampf. Ich wusste also, dass ich mich positionieren musste“, sagt Kinsinger, der durch seinen Sieg die Nominierung für das Qualifikationsturnier in der Tasche hat.
Sein direkter Kontrahent um den einen deutschen Startplatz in seiner Gewichtsklasse ist Christopher Kraemer. Im Gegensatz zu Kinsinger hatte der Bayer 2023 ein gutes Jahr und lief Kinsinger den Rang als deutsche Nummer eins ab. Doch 2024 ist wiederum auch bei Kraemer der Wurm drin – vor allem seit einer Knie-Operation. Seither konnte er noch an keinem internationalen Wettkampf teilnehmen und seine Form unter Beweis stellen. „Beim Ringen entscheidet nun einmal die Tagesform. Auch, wenn alles perfekt gelaufen wäre, bleibt es brutal schwierig, die Olympiaquali zu holen“, weiß Etienne Kinsinger aus Erfahrung und verrät: „Ich hatte schon die Befürchtung, dass ich, wenn es ganz blöd laufen würde, in Dänemark gar nichts hinbekommen würde.“ Doch zum Glück kam es ganz anders.
„Wir sind nicht die Topfavoriten“
Wie sein Kumpel Etienne Kinsinger erwischte auch Freistilringer Gennadij Cudinovic von Zweitligist AC Heusweiler 2023 ein eher durchwachsenes Jahr. Inklusive Übergang: „Auch das Jahr 2024 ging wegen einer Verletzung ein bisschen holprig los, aber die Form wird immer besser und ich fühle mich auch immer besser“, sagt der 30-jährige Cudinovic, der im Januar am Meniskus operiert wurde. Er ergänzt: „Ich freue mich auf das, was noch kommt. Wie auch immer das Ganze ausgeht.“ Kurz zuvor ist der Saarländer mit kasachischen Wurzeln aus einem zweiwöchigen Trainingslager in Georgien zurückgekehrt. „Das war schon ziemlich hart“, gibt er zu. Nach einer Woche Regeneration in heimischen Gefilden ging es weiter zur Sportschule Frankfurt/Oder zum nächsten Trainingslehrgang, wo er sich zusammen mit anderen Kaderathleten intensiv auf das anstehende Qualifikationsturnier vorbereitet. „Ich habe mich seit Anfang des Jahres mehr als sonst auf das Training konzentriert und darauf, dass ich wieder meine alte Form erreiche“, sagt der Sportpolizist und merkt an: „Ich bin sehr froh darüber und meinem Arbeitgeber sehr dankbar dafür, dass ich mich voll auf den Sport konzentrieren kann.“
Dem kann auch Sportsoldat Etienne Kinsinger nur beipflichten, der sich gerne an die erfolgreiche Qualifikation 2021 erinnert: „Das letzte Mal war schon überragend, als wir unsere Quali beide beim selben Turnier geholt haben“, sagt er und ergänzt: „Es wird für uns beide nicht einfach, wir sind nicht die Topfavoriten. Aber wenn wir es wieder beide schaffen könnten, wäre das einfach gigantisch. Er hat es sich auf jeden Fall verdient und hat in den vergangenen Monaten sehr hart dafür gearbeitet.“ Das Lob kommt umgehend zurück: „Etienne ist in allem verbissen. Das war er schon immer“, weiß Cudinovic von seinem Freund zu berichten: „Schule, Studium Sport – er hat bisher immer alles hinbekommen. Von daher bin ich sicher, dass er alle Hebel in Bewegung setzen wird, dass es mit der Olympiaquali klappt.“ Das Erfolgsrezept? „Beim Ringen hängt vieles von der Tagesform ab. Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass im Training nicht alles optimal laufen muss, um letztlich erfolgreich zu sein“, weiß Etienne Kinsinger und schiebt mit einem verschmitzten Lächeln nach: „Ich werde nicht chancenlos sein. Zur Not muss ich noch einmal ein Eichhörnchen auspacken.“ Mit der sogenannten spektakulären Technik, bei welcher der Gegner aus dem Stand übersprungen, umklammert und mit Hilfe des Flug-Schwungs umgerissen wird, hatte er sich damals die Qualifikation für die Spiele in Tokio gesichert.
Einig sind sich beide Ringer darin, dass ihnen so ziemlich egal ist, wo die Spiele stattfinden. Im Gegensatz zu anderen, insbesondere saarländischen Olympia-Kandidaten, die dadurch einen Motivations-Schub spüren, juckt sie die räumliche Nähe zu Paris herzlich wenig: „Ich habe mir ehrlich gesagt noch gar keine Gedanken darüber gemacht. Es spielt für mich eigentlich keine Rolle – für mich ist die Hauptsache, bei diesem geilen Event sein zu dürfen. Egal, wo es stattfindet“, räumt Cudinovic ein: „Wenn die Familie und die Freunde anreisen wollen, dann tun sie das auch, wenn die Spiele in Las Vegas stattfinden.“ Ähnlich sieht es Kumpel Kinsinger: „Die Olympischen Spiele an sich sind etwas ganz Besonderes. Natürlich hat Paris seinen Charme, aber den haben auch andere Städte“, findet er und stellt klar: „Am meisten motiviert mich, das Turnier mal so zu erleben, wie es wirklich ist – ohne Corona-Pandemie und mit Zuschauern und allem Drum und Dran.“