Die Saarländerin Johanna Recktenwald ist eine der besten Para-Biathletinnen der Welt. Zuletzt gewann sie bei internationalen Top-Events mehrfach Bronze-Medaillen in Serie. Ihr großes Ziel: die Paralympics 2026 in Italien.
Die Laune ist prächtig: „Mir geht es gut“, sagt Johanna Recktenwald nach der kurzen Biathlon-Saison im Winter 2024.
Die Para-Athletin aus Marpingen hat allen Grund, mit sich und ihrer Leistung zufrieden zu sein: Bei der Weltmeisterschaft im kanadischen Prince George holte die Saarländerin gleich zwei Medaillen.
Mit ihrem Guide Pirmin Strecker gewann die 22-jährige vom Biathlon-Team Saarland im Sprint über 7,5 Kilometer sowie auch in der Verfolgung jeweils Bronze. Das gelang ihr übrigens auch in den vorangegangenen drei Weltcup-Rennen im Februar in Martell (Südtirol) dreimal in Folge. Bei allen genannten Rennen war die Verteilung auf dem ausschließlich deutsch besetzten Podium gleich: Gold ging jeweils an die erst 17-jährige Linn Kazmaier, Silber an Leonie Walter.
Zwei Medaillen bei der WM
„Nach den Weltcup-Ergebnissen hatte sich ja schon angedeutet, in welche Richtung es geht und ich hatte schon gehofft, auch WM-Medaillen mit nach Hause bringen zu können“, sagt Johanna Recktenwald, die im Sprint sogar zwischenzeitlich in Führung lag, zu ihren WM-Erfolgen. In schlechter Erinnerung bleibt lediglich das Einzel-Rennen, das sie auf dem undankbaren vierten Platz beendete. Eine wesentliche Rolle spielten dabei technische Probleme: Ein Stromausfall sorgte bei manchen Athletinnen nicht nur für Verwirrung, sondern auch für handfeste Nachteile beim ersten Schießen. „Natürlich hätte ich auch die beiden Fehler danach nicht schießen müssen“, sagt sie selbstkritisch und ergänzt: „Aber die Medaille hat mich auch gekostet, dass die Trainer an der Strecke durch den Defekt keine richtigen Zeiten mehr vorliegen hatten.“ Die Trainer dachten aufgrund der falschen Daten, dass Recktenwald deutlich weiter hinter der späteren Bronzemedaillen-Gewinnerin aus der Ukraine lag, als es in Wirklichkeit der Fall war. „Als ich ins Ziel kam, waren es dann nur zehn Sekunden Rückstand. Ich weiß, dass ich wohl noch eine Medaille gewonnen hätte, wenn ich bis zum Schluss Vollgas gelaufen wäre“, merkt Recktenwald an. Allerdings hat sich für sie auch ausgezahlt, dass sie im Einzel etwas Kraft gespart hatte: So lief es in der Verfolgung wieder richtig gut, und die Saarländerin machte dort ihre zweite Bronzemedaille klar.
Nach der WM fand an gleicher Stelle noch das Weltcup-Finale statt – Recktenwald wurde auch hier Dritte, bevor sie sich mal eine Woche Urlaub gönnen konnte – passenderweise direkt im Anschluss in Kanada. „Es gibt Phasen, da stresst mich das viele Reisen, das Rastlose und nicht richtig Ankommen schon etwas. Andererseits ist es als Leistungssportlerin ein riesiges Privileg, überhaupt so viel unterwegs sein zu dürfen“, findet sie und ergänzt: „Eigentlich ist es schon immer ganz cool, was man dabei so alles erlebt. Der Spaß überwiegt auf jeden Fall den Stress.“ Das gilt auch für ihr Studium der Gesundheitspädagogik, das sie neben dem Leistungssport wuppt. „Auch da gibt es manchmal stressige Phasen. Aber meine Klausur-Termine lagen alle vor der WM, weshalb die auch richtig entspannt lief. Das konnte ich dann auch genießen“, sagt sie.
Johanna Recktenwald ist fast blind. Sie startet in der Klasse „B2“, deren Athletinnen und Athleten ein Sehvermögen zwischen zwei und fünf Prozent haben. Gänzlich Blinde starten in der Klasse B1, Sportlerinnen und Sportler mit einem Sehvermögen zwischen fünf und zehn Prozent in der Klasse B3. Wie das genau funktionieren kann, ist für alle Sehenden nahezu unvorstellbar. Denn was Recktenwald sehen kann, hängt stark von den Witterungsverhältnissen ab. „Ich sehe schemenhaft, also keine Konturen und auch Kontraste sind schwierig. Regen, Nebel oder Schnee sind oft ganz schlecht, genau wie Dunkelheit oder ganz heller Sonnenschein“, erklärt die 22-jährige. Unverzichtbar ist deshalb ihr Begleitfahrer, auch Guide genannt, der im Training und in Wettkämpfen vor ihr herläuft und den sie in den meisten Fällen erkennen kann. „Andernfalls höre ich halt nur auf seine Kommandos“, sagt Recktenwald.
Als sie geboren wurde, lag noch keine Sehbeeinträchtigung vor. Diese wurde erst bei der Einschulung festgestellt und hat sich in den Folgejahren schleichend, aber kontinuierlich verschlimmert. „Ich habe das gar nicht stark wahrgenommen. Es sind eher einzelne Momente, in denen man merkt, dass man schlechter sehen kann“, berichtet sie von ihrem harten Schicksal. Hoffnung auf Besserung oder gar Heilung hat sie nicht: „Besser kann es auf keinen Fall werden. Es handelt sich um eine Netzhaut-Erkrankung, bei der die Zapfen und Stäbchen nach und nach absterben“, erklärt sie.
Lebensmittelpunkt in Freiburg
Dass sie trotzdem – oder gerade deswegen Leistungssport betreibt, kam, wie sie sich erinnert, „eigentlich ganz spontan. Ich wurde 2016 vor dem Bundesfinale von ‚Jugend trainiert für Paralympics‘ gefragt, ob ich in einem saarländischen Skilanglauf-Team mitmachen würde. Vorher hatte ich überhaupt keinen Kontakt mit dieser Sportart – nur mit Alpin-Ski.“ Sie machte mit und lernte dabei ihren heutigen Heimtrainer Peter Steffes und den Bundesnachwuchstrainer Michael Huhn kennen. Im Sommer 2016 wechselte sie in das Biathlon Team Saarland, später wurde sie schon in die Nationalmannschaft berufen.
Seit 2020 wohnt und trainiert Johanna Recktenwald in Freiburg. Am dortigen Haupt-Bundesstützpunkt für Para Ski Nordisch fühlt sie sich sehr wohl. „Im Schwarzwald hat man schon ziemlich gute Bedingungen für Langlauf.“ Das ist im Saarland nicht wirklich der Fall. Hierzulande ist sie nur noch gelegentlich auf Verwandtschafts- oder Freundesbesuch. „Dadurch, dass wir so viel unterwegs sind, bin ich ja nicht mal so oft in Freiburg“, verrät sie lachend: „Von daher freue ich mich auch, wenn ich mal dort wieder eine Zeit lang bleiben kann, aber genauso freue ich mich immer wieder auf das Saarland.“
Bevor sie in ihrer neuen Heimat die Qualifikation für die Paralympics-Winterspiele 2026 in Italien in Angriff nimmt, widmet sie sich ihrer neuen Sommersportart: Seit 2023 vertreibt sie sich nämlich die Zeit mit Para-Cycling (Tandem), also Fahrradfahren. Sie hat auch schon an zwei Weltcups teilgenommen. „Mal gucken, wie sich das entwickelt. Noch habe ich keine konkreten Pläne oder Ziele. Es wäre aber auch schon ganz cool, mal bei Sommer-Paralympics dabei zu sein…“