Julian Schuster tritt als neuer Trainer des SC Freiburg in die Fußstapfen der Freiburger Legende Christian Streich und steht damit vor einer großen Aufgabe. Sorgen macht sich deshalb niemand.
Natürlich werden die Spieler des SC Freiburg in fast jedem Interview über ihren neuen Trainer befragt. Dabei gibt es immer eine klare Antwort, mit der sie den jungen Coach beschreiben: fordernd.
Bei den Einheiten wird auch klar, warum. Mit einer gewissen Lautstärke und ohne Umschweife vermittelt der Fußball-Lehrer klar und präzise, was er von seinen Schützlingen erwartet. Dem neben dem Platz eher weniger impulsiv auftretenden Schuster hätten das scheinbar viele so nicht zugetraut. Einstellen dürfen sich die Anhänger generell auf einen modifizierten Spielstil ihrer Lieblinge.
Forciert werden soll unter Julian Schuster, 39, das „situative hohe Pressing“, das der Coach „als absolute Chance“ bezeichnet. Die Auftritte der Breisgauer werden dadurch im besten Fall noch spektakulärer als bisher. Eine weitere Änderung im Vergleich zur Streich-Ära dürfte für den Erfolg weniger bedeutsam sein, gestaltet sich dafür jedoch signifikant: „Was wir bei Spielen künftig definitiv anders machen werden: Wir wechseln in unserem Stadion mit der Trainerbank die Seite. Dadurch sind wir näher an der Südtribüne, diese Nähe zu den Fans ist mir wichtig“, kündigte Schuster im Interview mit dem „Kicker“ an. Auch mit Blick auf die Saisonziele geht es Ex-Kapitän Schuster offensiver an als Streich, der stets den Klassenerhalt als Vorgabe genannt hatte: „Unser Kader hat in den vergangenen Jahren auch eine gewisse Entwicklung vollzogen, sodass ich selbstbewusst sagen kann: Dieser Kader ist in der Lage, in der Bundesliga eine gute Rolle zu spielen.“ Doch wird jetzt wirklich vieles anders? Wohl eher nur modifiziert, weiterentwickelt und angepasst. Während seiner aktiven Zeit beim Sportclub von 2008 bis 2018 galt Schuster als ein typischer Streich-Spieler: immer mitdenkend und gleichzeitig hundertprozentig loyal. Seine Teamkollegen wählten ihn zum Kapitän.
Kenner der zahlreichen Dialekte im Südwesten Deutschlands erkennen sofort, dass Schusters Wurzeln im Württembergischen liegen, da er im Vergleich zu Streich ein makelloses Hochdeutsch spricht. Schuster stammt aus dem Landkreis Ludwigsburg, weshalb der Schritt zum VfB Stuttgart naheliegend war. Dennoch schaffte er es dort als Spieler nicht dauerhaft über die Zweite Mannschaft hinaus. 2008 holte Robin Dutt Schuster nach Freiburg. Dort lebt Schuster, inzwischen Vater von vier Kindern, nun seit fast 16 Jahren. Dutt, der Schuster bereits als Jugendlichen kannte, war sich der Spielintelligenz und der guten Technik des Jungprofis bewusst. Wäre Schuster ein wenig schneller gewesen, hätte er möglicherweise mehr als nur eine solide Bundesliga-Karriere gehabt. Sein langjähriger Mannschaftskollege Nils Petersen bescheinigte Schuster schon als Spieler die Fähigkeit, ein Spiel taktisch zu lesen. Petersen erzählte einmal, dass er bei gemeinsamen Fußball-Fernsehabenden von der Atmosphäre mitgerissen werde, während Schuster auf die strategischen Winkelzüge achte. Schuster selbst sagte einmal: „Ich war als Spieler nie schnell und nie kräftig. Deswegen war das Analytische mein Weg, um besser zu sein als andere.“ Wohl auch deswegen erhielt Schuster 2018 in Freiburg die neu geschaffene Position des „Verbindungstrainers“. Der Verein wollte ihn schon früh dauerhaft binden. In dieser Rolle sollte er den Spielern aus der U23 und U19, die leistungsmäßig kurz vor dem Profikader standen, den Übergang erleichtern. Schuster arbeitete dabei auch an den Defiziten der Talente, die Chefcoach Streich kritisiert hatte.
Differenzen sind längst ausgeräumt
Schusters Beförderung erfolgte sicherlich mit Streichs Zustimmung. Doch auch in der engen Beziehung zwischen Streich und Schuster gab es einen schwierigen Moment. In der Spielzeit 2017/18, seiner letzten Saison als Spieler, stand früh fest, dass Schuster im Sommer aufhören würde. In fünf der letzten sechs Spiele war er noch auf dem Platz – aber nicht im allerletzten Spiel. Obwohl es sein Abschiedsspiel war, seine halbe Familie auf der Tribüne saß und der Gegner Augsburg sich längst mit der Niederlage abgefunden hatte, wechselte Streich ihn nicht ein. Damals war das sicher ein Grund, stinksauer auf seinen Mentor zu sein. Sie haben sich jedoch ausgesprochen und es ausgeräumt. Ein wichtiger Punkt für Schuster: Nicht nur Streich ersetzen, eher Streich werden. „Er hat mir 16 Jahre etwas mit auf den Weg gegeben, nicht explizit, aber natürlich haben wir uns sehr viel ausgetauscht und natürlich steckt in mir auch ganz viel Christian“, schilderte Schuster: „Wir waren nicht immer gleicher Meinung, aber – und das habe ich auch schon betont – das muss auch nicht so sein.“ Zudem wisse er erfahrene Kollegen in seinem Stab, die Zusammenarbeit mit seinen Kollegen klappe gut, so der Fußball-Lehrer: „Ich habe ein total tolles Team um mich herum, und das gibt mir absolute Sicherheit.“ Und auch seine Spieler geben ihm Sicherheit, indem sie Fragen nach Vergleichen zwischen Streich und Schuster gleich abwickeln: „Es wäre total unfair, die irgendwie miteinander zu vergleichen“, sagte Kapitän Christian Günter zu Trainingsbeginn: „Jeder wird seine Stärken haben und auch seine Schwächen. Es geht darum, dass wir als Team zusammenstehen. Wir stehen zu 100 Prozent hinter Julian.“
Der gleichen Meinung war auch Freiburgs Sportvorstand Jochen Saier. Er sei „mit ganz großer Überzeugung in die Gespräche gegangen“ und spüre „große Vorfreude auf die Zusammenarbeit“. In seinen Augen ist Julian Schuster „ein guter Kommunikator. Er kann die Jungs mit auf die Reise nehmen und ist dennoch entscheidungsstark, weiß, was er will und ist auch sehr klar in seinem Handeln.“ Vincenzo Grifo brachte es auf den Punkt: „Es wird vieles anders werden. Julian ist ein ganz anderer Typ. Christian Streich hat eine langjährige Erfahrung gehabt und seine Automatismen durchgezogen. Julian ist ein bisschen jünger. Er hat andere Prinzipien und Philosophien.“ Beim Auftakt habe der neue Coach „eine tolle Ansprache“ gehalten. „Wir schauen nach vorn.“