Eigentlich ist es Gesetz im deutschen Fußball: Bayern München geht als Favorit in jede neue Saison der Bundesliga. Doch so überzeugend wie Bayer Leverkusen zuletzt den Titel geholt hat, ist das diesmal gar nicht so klar.
Die Fußball-Bundesliga hat endlich mal wieder einen neuen Deutschen Meister. Für alle, die nicht Fan des FC Bayern sind, war das sicher erst mal eine gute Nachricht. Fans der Rivalen aus Köln, Düsseldorf oder Mönchengladbach werden über den Titel von Bayer Leverkusen nicht gejubelt haben, ebenso überzeugte Kritiker von Werksclubs. Und vor allem in Dortmund und Leipzig wird man sich gefragt haben: „Warum die und nicht wir?“ Doch für die Liga an sich ist die Abwechslung gut. Die Liga lebt, sie ist spannend – und so wahrscheinlich auch besser zu vermarkten.
Und das Besondere an dieser Nachricht ist: Bayer Leverkusen wurde in erster Linie nicht etwa deshalb Meister, weil der FC Bayern geschwächelt hat. Zwar spielten die Münchner eine alles andere als überzeugende Runde, aber am Ende holten sie sogar einen Punkt mehr als im Jahr zuvor, als sie im Fotofinish mit Borussia Dortmund doch noch Meister geworden waren. Aber die 90 Punkte, die Leverkusen holte, übertrafen die Bayern nur im ersten ihrer zuletzt elf Meisterjahre in Folge. Und dass ein Club wie Leverkusen im Vorjahr eine ganze Saison ungeschlagen bleibt: Das hat es in 60 Jahren Bundesliga noch nie gegeben. Nicht mal vom FC Bayern in seinen besten Zeiten.
Leverkusen kauft clever ein
Bayer Leverkusen war also das Gegenteil eines Zufallsmeisters. Oder eines Profiteurs von Münchener Schwäche. Bayer war ein hochverdienter Meister, der den Titel durch eigene Leistung und durch eigene Stärke geholt hat. Und das ist die tatsächlich gute Nachricht für den deutschen Fußball. Denn hier scheint dem FC Bayern ein wirklich neuer Konkurrent auf Augenhöhe zu entstehen. Da Bayer Leverkusen noch nie Deutscher Meister war, ja, bei einigen Vizemeisterschaften gar daran ein wenig verzweifelte, hatten sie im Rheinland in der Vorsaison erst einmal daran gedacht, eine einmalige Chance zu nutzen. Doch nun, kurz vor Beginn der neuen Saison, muss man sich die Fragen stellen: Wieso sollte das eine einmalige Chance gewesen sein? Wieso sollte diese Leverkusener Mannschaft schwächer sein als die im Vorjahr? Und ist streng genommen nicht eigentlich sogar sie statt des FC Bayern diesmal der Favorit auf den Titel?
Zumindest spricht vieles dafür. Bei Bayer gab es keinen Umbruch und schon gar keinen Ausverkauf. Selbst Abwehrchef Jonathan Tah, dessen Wechsel zu den Bayern vorläufig platzte, scheint zu bleiben. Mit Joel Matip, der in acht Jahren beim FC Liverpool – die meiste Zeit davon unter Jürgen Klopp – 201 Pflichtspiele absolvierte, die Champions League gewann und dabei 90 Minuten auf dem Platz stand, steht ohnehin eine gute Alternative parat. Zumal Matip ablösefrei wäre und Tah rund 30 Millionen einbringen würde. Für seine Finanzierung müssten die Münchner, wenn auch mit Überschuss, Matthijs de Ligt an Manchester United verkaufen. Wie gesagt, das Thema dürfte bis Ende August heiß bleiben.
Bayer investierte derweil noch mal rund 20 Millionen mehr als die Tah-Einnahmen in ein sehr interessantes Trio. Außenstürmer Martin Terrier (27) von Stade Rennes hatte schon das Interesse größter europäischer Clubs auf sich gezogen, bis ihn ein Kreuzbandriss im Januar 2023 ausbremste. Mittelfeldspieler Aleix Garcia (27) war einer der Garanten dafür, dass der FC Girona sich in Spanien zum Überraschungsteam aufschwang und sich nicht nur erstmals für den Europacup, sondern gleich für die Champions League qualifizierte. Und der Franzose Jeanuel Belocian (19), der wie Terrier aus Rennes kommt, gilt als Ausnahmetalent in der Innenverteidigung.
„Ich möchte jetzt nicht aufhören“
Und die Ambitionen sind hoch. Das Selbstvertrauen ist riesig und die Gier auf Erfolge im Laufe des letzten Jahres offenbar so richtig gewachsen. „Ich möchte jetzt nicht aufhören“, schrieb Trainer Xabi Alonso in einem Gastbeitrag im „Kicker“: „Das ist unser Naturell: Wir wollen mehr, es ist nie genug. In dieser Hinsicht sind wir gierig.“ Und Club-Chef Fernando Carro sagte, die Bayern seien „schon von ihrer Geschichte das stärkste Team in Deutschland. Wir wollen aber zumindest Paroli bieten können.“ Ziel für die neue Saison sei es, „bis zum Ende um Titel mitzuspielen.“ Konkret: „Für die Liga, weiter oben dabei zu sein, im Pokal so weit wie möglich zu kommen und in der Champions League im neuen Format zu zeigen, dass wir auf Top-Niveau sind.“ Auf dem Bankett nach der 0:3-Finalniederlage in der Europa League gegen Atalanta Bergamo hatte Carro gar trotzig angekündigt: „Ich habe es den Spielern schon auf dem Platz gesagt: Lasst uns aus dieser Niederlage lernen – für die Champions League und das Finale im nächsten Jahr in München.“
Hoffnung auf ein großes Schwächeln des Meisters sollte sich der FC Bayern also nicht machen. Wobei drei Dinge im nächsten Jahr elementar dafür sein werden, ob die Leverkusener sich werden oben halten können. Zum einen muss man abwarten, ob es nach der vergangenen Spielzeit, in der zwei Endspiele nach Saisonende und die Jagd nach dem Ungeschlagen-Rekord dafür sorgten, dass die Profis nie locker ließen und nie durchatmeten, nun zum Spannungsabfall kommt. Zum Zweiten muss man sehen, wie dieses Team reagiert, wenn wirklich mal Niederlagen kommen werden. Und zum Dritten wird die Belastung im Europacup trotz des letztjährigen Finaleinzugs eine ganz andere sein. Denn nun steht die Königsklasse auf dem Programm. „Wir wissen, dass die Champions League, vor allem in der neuen Form, anspruchsvoller sein wird, als sechs Gruppenspiele in der Europa League“, sagte Carro. Im Vorjahr rotierte Alonso bis in die K.o.-Spiele sehr großflächig, wechselte stets sechs bis acht Profis in der Startelf. Das wird er in der Königsklasse in diesem Maße nicht mehr tun können.
Doch die Frage ist auch: Wie stark sind die Bayern? Vincent Kompany als neuer Trainer ist vielversprechend, aber eben auch ein Experiment. Ein unerfahrener Trainer, der erst nachweisen muss, dass er ähnlich veranlagt ist wie Alonso. Die Neuzugänge Michael Olise (22, von Crystal Palace), Joao Palhinha (29, vom FC Fulham) und Hiroki Ito (25, vom VfB Stuttgart) bringen auf jeden Fall frisches Blut in den Kader. Aber alleine das Trio hat auch 125 Millionen Euro gekostet. Und dafür gesorgt, dass Ehrenpräsident Uli Hoeneß nach ihren Verpflichtungen ein Machtwort sprach, nach dem weitere Spieler nur bei Einnahmen durch Verkäufe möglich sind. Schließlich habe der Verein „keinen Geldscheißer“. Und nach der Tah-Hängepartie wird ein Innenverteidiger dringend benötigt.
Doch das größte Problem, das die Bayern auf Sicht bekommen könnten, ist ihr etwas verblasster Ruf auf dem deutschen Transfermarkt. Jahrelang galt dort: Wenn der FC Bayern einen Spieler oder Trainer will, bekommt er ihn auch. Wenn die Münchner anrufen, fragen viele nur noch, wo sie unterschreiben müssen. Das hat nicht mal bei Tah in diesem Sommer reibungslos geklappt. Bei Alonso und Bayers Fußball-Magier Florian Wirtz liefen die Avancen ebenso ins Leere wie bei Offensivspieler Xavi Simons, der sich zumindest vorerst lieber noch mal von Paris Saint-Germain an RB Leipzig ausleihen ließ.
Bayern-Campus trägt erste Früchte
Dafür trägt der Bayern-Campus erste Früchte. 2017 hatte Hoeneß angekündigt, dass dies „ein neues Kapitel des FC Bayern“ werde und man „versuchen werde, die Transfers zu reduzieren, indem wir eigene Spieler entwickeln“. Nachdem die Münchner vor etwa 15 Jahren mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Thomas Müller eine Generation selbst ausgebildet hatten, die einen Grundstock beim WM-Titel 2014 bildete, war jahrelang nicht mehr viel aus dem eigenen Stall hochgekommen. Das ist nun wieder etwas anders. Aleksandar Pavlovic (20) und Jamal Musiala (21) wurden von den Münchnern selbst ausgebildet und sollen die neuen Gesichter werden.
Obwohl Leipzig und Dortmund sicher auch weiter zu beachten sind, könnte sich also auf Dauer ein Duell zwischen dem FC Bayern und Bayer Leverkusen entwickeln. In der Vergangenheit hatten die Münchner immer auf Jahre hinweg einen Rivalen. In den 70er-Jahren Borussia Mönchengladbach, in den frühen Achtzigern den Hamburger SV, später Werder Bremen, zuletzt über Jahre hinweg Dortmund. Meist haben die Bayern ihre Rivalen auf Sicht dann doch abgeschüttelt. Und auf Dauer wird schon spannend sein, wie lange Leverkusen sich ganz oben wird halten können. Denn auch wenn Alonso und Wirtz an ihrem Bleiben in diesem Sommer keinen Zweifel ließen, werden sie irgendwann weiterziehen. Vielleicht sogar schon 2025 zusammen. Dann wird sich zeigen, wie stabil das Fundament darunter ist. „Natürlich muss man gewisse Szenarien vorbereiten“, sagte Sportchef Simon Rolfes, der zuletzt ein sehr glückliches Händchen und immer die richtige Lösung parat hatte.