Psychologische Thriller sind sein Kerngeschäft: Arno Strobel schickt seinen Serienermittler Max Bischoff in „Mörderfinder – Das Muster des Bösen“ auf eine ganz besondere Jagd gegen das Böse. Am 26. Februar stellt er sein neuestes Buch im Victor’s Residenz-Hotel Schloss Berg vor.
Was ist eigentlich Gerechtigkeit? Während es für den einen gerecht ist, eine Entschuldigung nach einer verbalen Auseinandersetzung zu erhalten, ist es für einen anderen damit vielleicht noch lange nicht getan. Und während der eine in einer Gefängnisstrafe für einen Täter Gerechtigkeit gegenüber eines Opfers sieht, kann ein anderer diese genauso gut als ungerecht werten.
„Die manchmal recht milden Urteile, mit denen Straftäter – speziell Gewalt- und Sexualtäter – teils bedacht werden, führen in breiten Teilen der Gesellschaft zu großem Unmut“, weiß auch Bestsellerautor Arno Strobel. „Als Autor habe ich dann einen Schritt weiter gedacht: Was wäre, wenn Menschen nicht nur sagen, sie verstehen diese Urteile nicht, sondern wenn diese Menschen irgendwann der Meinung sind, sie nehmen das Recht jetzt selbst in die Hand?“
Und so war die Idee geboren – und mit ihr ein neuer Fall für den Ex-Polizisten Max Bischoff. „Max bekommt es dieses Mal mit Menschen zu tun, die das Recht in die eigene Hand nehmen“, erzählt Strobel. „Aber sie bestrafen nicht die Täter, sondern die Richterinnen und Richter, die in ihren Augen zu milde Urteile gesprochen haben, und lassen sie Ähnliches durchleiden, was zuvor die Täter den Opfern angetan haben.“
Max Bischoff, das ist Strobels Serienermittler in der Buchreihe „Mörderfinder“, zu der mit „Mörderfinder – Das Muster des Bösen“ nun der fünfte Teil erscheinen wird. Dabei sollte für Max eigentlich schon 2019 Schluss sein, denn damals ging Strobels erste Bücherserie, „Im Kopf des Mörders“, mit dem dritten Band zu Ende. „Das war von Anfang an als Trilogie geplant“, verrät der gebürtige Saarländer. „Ich führte Max im ersten Band als jungen Ermittler ein, der mit den Leserinnen und Lesern seinen ersten Fall erlebt, ließ ihn dann einige hoch traumatisierende Fälle erleben, um ihn am Ende aus verschiedenen Gründen aus dem Polizeidienst aussteigen zu lassen. Ich habe mir gedacht: Das ist doch ein schöner Abschluss der Serie.“
Das achte Buch mit Ermittler Max Bischoff
Falsch gedacht. Denn nicht nur Fans fiel es schwer, Max Lebwohl zu sagen, sondern auch Strobel selbst konnte den jungen Ermittler mit dem feinen Gespür nicht so wirklich loslassen. „Ich habe zum ersten Mal, seit ich schreibe, bei einem neuen Projekt mittendrin plötzlich gedacht: Mensch, das hier wäre was für Max Bischoff. Obwohl es gar nichts mit ihm zu tun hatte! Aber ich habe gemerkt, dass die Geschichte um Max für mich noch nicht auserzählt ist“, sagt der 62-Jährige. Der ambitionierte Ermittler gehört zu Strobels persönlichen Lieblingscharakteren. „Zum einen, weil er mein einziger Seriencharakter ist, was bedeutet, dass ich viel mehr Platz und Zeit habe, ihn sich entwickeln zu lassen, als ich in einem Stand-alone hätte. Zum anderen aber auch, weil ich Max sehr viel aus meinem eigenen Kopf mitgegeben habe. Sein Sinn für Gerechtigkeit, oder auch seine Einstellung, dass man sich nicht auf den Täter, sondern die Opfer konzentrieren sollte. Wir betreiben großen Aufwand, Täter zu resozialisieren, lassen die Opfer und Angehörigen, die teilweise stark traumatisiert sind, aber oft im Regen stehen. Wir versagen da als Gesellschaft komplett – und das ist auch einer der Hauptantriebe für Max, immer noch zu ermitteln, obwohl er ja nicht mehr bei der Polizei ist.“
So war der Entschluss, eine neue Serie mit Max aufzuziehen, zwar schnell gefasst, zurück zur Polizei schicken konnte Strobel ihn aber nicht: „Das würde seinem Charakter nicht entsprechen. Wenn er einen Entschluss gefasst hat, dann zieht er das auch durch“, erklärt er. Also musste die Serie nicht nur einen neuen Namen bekommen, sondern auch ein neues Setting: Max Bischoff unterrichtet mittlerweile an einer Hochschule, ermittelt aber aus verschiedenen Gründen privat weiter. Ein Zivilist in der Polizeiarbeit? Das kommt natürlich nicht bei jedem gut an und führt zu einer Menge Hürden, die Max innerhalb der „Mörderfinder“-Reihe überwinden muss. So findet er neben einigen Gegenspielern aber auch treue Verbündete und Freunde, die ihn auf seiner Reise durch die Welt der Morde begleiten und unterstützen. „Viele Leser mögen gerade die Nebencharaktere sehr gerne“, sagt Strobel. Besonders Max’ Ex-Polizeikollege, der mürrische, aber stets loyale Horst Böhmer, oder Marvin Wagner, der etwas exzentrische Schriftanalytiker mit einer Liebe für Ausgefallenes, begeistern viele „Mörderfinder“-Leser, weiß Strobel.
Doch vor allem ist es auch der psychologische Tiefgang, mit dem Strobel seine Leser nicht nur in der „Mörderfinder“-Reihe fesselt. „Die Psyche des Menschen ist ein faszinierendes Thema. Und ich habe festgestellt: Je mehr ich darüber erfahre, umso interessanter finde ich es“, sagt er. „In vielen meiner Bücher liegen den Taten psychische Erkrankungen zugrunde. Da muss ich mich dann auch entsprechend auskennen. Wie entsteht eine Krankheit? Wann entsteht sie? Was kann man dagegen tun? Ist sie überhaupt heilbar? Welche Formen gibt es? Und, und, und …“ Für seine Recherche unterhält er sich daher mit Fachleuten. „Ich habe da dann meine Frageliste und bespreche diese per Telefon oder Videocall oder treffe mich mit den Leuten vor Ort.“
„Das Wichtigste überhaupt: das Ende“
Aber wie kommen dem Autor überhaupt seine Ideen für die nächsten Psychothriller? „Das ist eine Frage, die habe ich mir selbst schon oft gestellt. Ich habe auch schon mal meine Mutter gefragt, ob in meiner Kindheit alles okay war. Sie hat mir versichert, dass ich ein normales Kind war. Daran liegt es schon mal nicht“, lacht er. „Nein, im Ernst: Ich denke viele Menschen wären in der Lage, sich solche Geschichten auszudenken, wenn sie es darauf anlegen. Normalerweise sitzt man ja aber nicht zu Hause und denkt darüber nach, wie man eine grausame Mordserie plant. Ich mache das, weil ich damit mein Geld verdiene.“
Wenn die Idee erst einmal steht, sucht Strobel nach der richtigen Verpackung dafür: „Ich überlege mir dann, in welche spannende Geschichte meine Idee passt. Das ist ein Prozess, der in der Regel so zwei bis drei Wochen dauert. Dann habe ich irgendwann eine nebulöse Vorstellung, weiß also ungefähr, in welche Richtung es gehen soll. Dann überlege ich mir: Wen brauche ich, um diese Geschichte erzählen zu können? Ich denke mir also die ersten vier, fünf Hauptcharaktere aus. Alle anderen kommen und gehen dann so, wie sie gebraucht werden“, verrät er. Mit dem Schreiben beginnt Strobel dann aber noch lange nicht: „Bevor ich mit Schreiben anfange, kommt das Wichtigste überhaupt: das Ende! Ich muss das Ende kennen. Wie löse ich auf? Was ist mein Aha-Effekt? Nur, wenn ich den Punkt der Auflösung kenne, kann ich so viele verworrene Pfade anlegen, wie ich möchte und diese am Ende logisch auflösen. Das Psychothriller-Genre lebe von diesen Twists und falschen Fährten“, betont er. „Das Ende muss also stimmig sein. Alles was dazwischen passiert, da lasse ich meinen Protagonisten freien Lauf. Häufig schreibe ich heute Dinge, an die ich gestern noch nicht gedacht habe“, so Strobel. Das mache auch seine Werke am Ende aus. „Ich versuche, so zu schreiben, wie ich es selbst gerne lese. Es ist also auch schon passiert, dass ich ein Buch fertig hatte, den Verlag angerufen habe und ihnen sagen musste: ‚Ich brauche noch sechs bis acht Wochen länger, ich muss das halbe Buch neu schreiben.‘ Ich lege da an mich selbst einen hohen Maßstab und möchte dem auch gerecht werden.“
Sein literarisches Vorbild dafür ist kein Geringerer als Stephen King. „Nicht ausschließlich wegen der Art der Geschichten die er schreibt, sondern wie er sie schreibt. Wie er Dinge beschreibt. Stephen King ist der einzige Autor, der es schafft, 20 Seiten über einen Stein zu schreiben, und es bleibt trotzdem spannend. Das ist ganz große Kunst und das bewundere ich sehr“, verrät Strobel.