Die 97-Tage-Winterpause der Formel 1 neigt sich dem Ende zu. Derweil bereiten sich die zehn Teams auf die neue Saison am 16. März in Melbourne vor. Sauber ist nach dem Finale am 7. Dezember in Abu Dhabi Geschichte. Audi übernimmt 2026 den Schweizer Rennstall.
Winterpause!? Dieser Begriff ist dehnbar. Für die einen ist er Urlaub, Relaxen, Batterien aufladen. Für andere ist er „tabu“. Darunter versteht man laut Wikipedia im Allgemeinen ein unausgesprochenes, in einer Kultur allgemeingültiges Verbot. Der starke Gegensatz zu normativen Gesetzen besteht darin, dass ein Tabu kaum hinterfragt, ungern diskutiert und deswegen selten genau umrissen ist. In unserem Fall driftet dieses „Tabu“ aber ins Gegenteil.
Der Schweizer Formel-1-Rennstall, von Namens- und Gründungsgeber Peter Sauber auf die Räder gestellt, rollte zu seiner Formel-1-Premiere am 14. März 1993 im südafrikanischen Kyalami erstmals in die Startaufstellung. Nach 544 Grands Prix ist der Rennstall seit 7. Dezember 2024 in Abu Dhabi Geschichte. 2026 wird aus dem Ex-Sauber-Team das „Audi F1-Werksteam“.
Dass der Ingolstädter Autobauer mit den vier Ringen es mit seinem Formel-1-Abenteuer ernst meint, geht aus einer jüngsten Presseaussendung hervor. Demnach plant der Konzern noch in diesem Sommer ein Technologie-Zentrum im sogenannten „Motorsport Valley“ zwischen den drei britischen F1-Standorten Bicester, Silverstone und Milton Keynes.
In dieser Umgebung sind acht von zehn F1-Teams beheimatet. Damit will der F1-Neueinsteiger Top-Ingenieure mitten in der Motorsport-Region anlocken. Der Sauber-Standort Hinwil mit seinen knapp 12.000 Einwohnern, 30 Kilometer südöstlich von Zürich, ist zwar ein ruhiges und beschauliches „Urlaubsparadies“, aber Lebens- und Lohnkosten sind auf einem entsprechend hohen Niveau. Und diese Voraussetzungen behagen nicht jedem Einwanderer. Für Personal aus der Motorsportbranche ist der Standort Hinwil unattraktiv. In dem Gebiet rund um Silverstone sind durch die Formel 1 mehr als 25.000 lukrative Jobs entstanden. Fakt ist, dass die jungen ausgebildeten Ingenieure der Hochschulen erst einmal bei den heimischen Teams vorstellig werden. Nur Toro Rosso (aktuelle Bezeichnung Racing Bulls und zuvor Alpha Tauri) in Faenza und der rote Traditionsrennstall Ferrari in Maranello, beide Rennställe beheimatet in Italien, sind ohne Brückenkopf auf der britischen Insel. Um nicht auf Dauer in einem Nachteil gegenüber den britischen Teams zu sein, haben sich die neuen Sauber-Eigentümer von Audi entschieden, eine Audi-Filiale im Mutterland der Formel 1 zu errichten.
Machtkampf hinter den Kulissen
„Wir freuen uns, dass wir mit dem Technologie-Zentrum in England unsere Basis in Hinwil verstärken und ergänzen können“, frohlockte Audi-F1-Projektleiter und Teamchef Mattia Binotto. Bis zur Transformation muss Audi noch kräftig investieren. Mit dem neuen Standort in der britischen F1-Hochburg ist Sauber/Audi nun in drei Ländern aktiv an der Entwicklung und der Produktion seiner Boliden vertreten.
Seit mehr als zwei Jahren laufen die Arbeiten an der Antriebseinheit für den Formel-1-Einstieg von Audi. Und das keineswegs reibungslos.
Den Bossen der Marke mit den vier Ringen ging ihr F1-Einstieg nicht schnell genug. In einer groß inszenierten Pressekonferenz in Spa-Francorchamps vor dem Grand Prix Belgien 2022 wurde das Formel-1-Abenteuer verkündet. Von nun an sollte es ratzfatz gehen. Ging es auch. Auf Personalebene. In einer offiziellen Pressemitteilung gab Audi bekannt, dass der gesamtverantwortliche Leiter des F1-Projekts, Oliver Hoffmann, und Andreas Seidl als Geschäftsführer ausscheiden. Was nichts anderes als einen Rauswurf bedeutete. Nach der 100-Prozent-Übernahme des Sauber-Rennstalls durch Audi hatte der Bayer Seidl dabei vollen Handlungsspielraum. Seidl, bislang Geschäftsführer der Sauber Motorsport AG, war zwischen 2019 und 2022 schon Teamchef beim britischen Traditionsrennstall McLaren gewesen.
Diesen Posten gab Seidl Ende 2022 auf, um dann ab 2023 als Sauber-Geschäftsführer die Grundlagen für den Audi-Einstieg in die Formel 1 zu schaffen. Dann das bittere vorzeitige Aus bei Audi. Grund für das Audi-Personalbeben soll hinter den Kulissen ein Machtkampf gewesen sein, der seit Längerem zwischen Seidl und Hoffmann tobte. Im März 2024 wurde Seidl mit Hoffmann ein Generalbevollmächtigter für das Projekt vor die Nase gesetzt. Medienberichten zufolge soll der 47-jährige Hannoveraner versucht haben, den 48-jährigen Passauer aus dem Amt zu drängen, weil sich das Team seit der Amtsübernahme des Bayern nicht so entwickelt habe, wie man sich das im Konzern vorgestellt habe. Zu dem ganzen Gezetere hieß es in der Pressemitteilung von Audi-Chef Gernot Döllner: „Unser Ziel ist es, das ganze Formel-1-Projekt durch klare Führungsstrukturen, eindeutige Verantwortlichkeiten, reduzierte Schnittstellen und effiziente Bestimmungsprozesse auf F1-Speed zu bringen. Dazu muss das Team eigenständig und schnell agieren können.“
Schnell agiert und vorgestellt hatte der Audi-Vorstand den neuen Mann für das F1-Team. „Ich freue mich, dass wir Mattia Binotto für unser ambitioniertes F1-Projekt gewinnen konnten. Mit seiner großen Erfahrung aus über 25 Formel-1-Jahren wird er mit Sicherheit einen entscheidenden Beitrag für Audi leisten können“, sagte Göllner. Wer aber ist dieser „Audi-Heilsbringer“ Binotto? Der 54-jährige Schweiz-Italiener arbeitete bei Ferrari zehn Jahre als Ingenieur in der Motorenabteilung, ehe er Technischer Direktor wurde und von 2020 bis 2022 Formel-1-Chef im Ferrari-Team war. Wegen Erfolgslosigkeit wurde der schwarzhaarige Wuschelkopf Binotto, der früher wegen seiner Brille mit Zauberlehrling Harry Potter verglichen wurde, selbst gefeuert. Übrigens hatte Binotto Ferrari-Star Sebastian Vettel 2020 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion telefonisch abserviert und in die Wüste geschickt. Binotto, Herrscher über Hinwil, Neuburg und Ingolstadt, soll es jetzt also richten. Aber: Binotto ist nicht Alleinherrscher im Audi-Team. Ihm zur Seite gestellt wird Jonathan Wheateley, früherer Benetton-Chefingenieur und aktueller Sportdirektor im Red-Bull-Rennstall. Harter Schlag für das aktuelle WM-Team: Mit Wheateley müssen die Bullen den zweiten hochrangigen Abgang nach der F1-Designerlegende und Koryphäe für F1-Enwicklungsarbeit, Adrian Newey, verkraften. Das Ingenieurs-Genie zog es zu Aston Martin, dem Team von Fernando Alonso und Lance Stroll, dessen Papa Lawrence, kanadischer Multi-Milliardär, das Sagen im Team hat. Die Verpflichtungen von Binotto und Wheateley seien „Teil der Neuausrüstung der Steuerungsstruktur für das zukünftige Werksteam im Zuge der vollständigen Übernahme aller Anteile an der Sauber-Gruppe durch Audi“, heißt es in einer weiteren Mitteilung des deutschen Herstellers. Beide „Neu-Audianer“ berichten in ihren Funktionen direkt an Audi-Vorstandschef Döllner. Die Aufgaben sind schon mal perfekt verteilt und aufgeteilt.
Hülkenberg als Aufbauhelfer
Ein nächster Meilenstein für den künftigen deutschen Formel-1-Rennstall markiert die Verpflichtung des Fahrers Nico Hülkenberg. Der 37-jährige Pilot, der nach zwei Saisons den US-Rennstall Haas verlässt, gilt 2025 als Noch-Sauber-Pilot, aber gleichzeitig schon als „Audi-Aufbauhelfer“ für seine künftige F1-Rennheimat. „Mit seinem Speed, seiner Erfahrung und seinem engagierten Teamwork wird Nico Hülkenberg schon 2025 einen wichtigen Beitrag für den Einstieg von Audi in der Saison 2026 leisten“, heißt es in einer Audi-Mitteilung. Es habe „auf Anhieb großes, gegenseitiges Interesse gegeben“, versicherte der Niederrheinländer. Für ihn bei Audi an den Start zu gehen, sei „etwas ganz Besonderes. Wenn ein deutscher Hersteller mit einer solchen Entschlossenheit in die Formel 1 einsteigt, dann ist das eine einmalige Chance“, sagte der 227-malige Grand-Prix-Starter und Sieger des 24-Stunden-Rennens von Le Mans 2015. Stolz gesteht der frühere Haas-Pilot: „Vorstandsboss Göllner hat mich persönlich informiert, dass ich 2026 Audi-Fahrer bin. Es ist eine große Herausforderung, es wird viel Aufmerksamkeit geben und hohe Erwartungen, das wird nicht einfach werden“, sagte der Noch-Sauber- und künftige Audi-Pilot. Mit dem 20-jährigen Brasilianer Gabriel Bortoleto als Rookie bildet „Hulk“ die Sauber/Audi-Fahrerpaarung 2025/2026. Es kann eigentlich nur besser werden. In der Konstrukteurs-WM, der Weltmeisterschaft der Marken, musste sich Sauber zuletzt mit vier WM-Pünktchen mit dem letzten und zehnten Platz zufriedengeben – hinter Williams (17) und Toro Rosso (46). Zur Gedächtnisunterstützung: Sieger in dieser Marken-Wertung wurde bekanntlich McLaren mit 666 Punkten (sechs Siege seiner Piloten Lando Norris, vier, und Oscar Piastri, zwei).
Mit einem Vorsprung von 14 WM-Punkten triumphierte der britische Rennstall in dieser Marken-WM vor Ferrari (652 Punkte, total fünf Siege, Leclerc drei und Sainz zwei) und Red Bull (589 Punkte, neun Siege, alle von Verstappen).