Die Rivalität zwischen Francesco Friedrich und Johannes Lochner erreicht eine neue Ebene. Der Platzhirsch wird vom Jäger herausgefordert – nicht nur im Eiskanal. Bei der WM sollen Rechnungen beglichen werden.
Als sich Francesco Friedrich 2013 ausgerechnet im Bob-Mekka St. Moritz zum jüngsten Zweierbob-Weltmeister der Geschichte kürte, war der damals 22-Jährige noch ein wenig perplex. „Jetzt bin ich bei den Großen angekommen“, hatte der Bobpilot stolz, aber auch etwas ungläubig gesagt. Sein Heimtrainer Gerd Leopold war dagegen alles andere als überrascht gewesen: Friedrich sei einfach „eine coole Sau und zugleich das größte Talent, das ich je in den Händen hatte“.
Wie groß das Talent tatsächlich ist, zeigte sich in den Folgejahren: Bis heute hat der Sachse vier Olympiasiege gefeiert, 16 WM-Titel gewonnen und etwa 90 Mal im Weltcup triumphiert. In der Sportart, die in der Vergangenheit immer wieder von Ausnahmefahrern wie den Deutschen André Lange und Christoph Langen oder dem Italiener Eugenio Monti dominiert wurde, hat Friedrich schon jetzt die größte Erfolgsspur hinterlassen.
Lochner hat aufgeholt
„André Lange war schon wahnsinnig gut, aber Francesco Friedrich ist noch mal eine Nummer oben drauf“, sagte Bundestrainer René Spies. Und er muss es wissen, schließlich fuhr Spies einst selbst gegen Lange. Der heute 51-jährige Lange ist ein wichtiger Grund, warum Friedrich immer noch die notwendige Motivation aufbringt. In allen wichtigen Statistiken hat Friedrich die Top-Position bereits gesichert – nur bei der Olympia-Bilanz liegt der viermalige Olympiasieger Lange aufgrund seiner zusätzlichen Silbermedaille 2010 in Vancouver noch vorne. Auch deswegen macht Friedrich mindestens bis Olympia 2026 weiter, um im noch zu bauenden Eiskanal von Cortina d’Ampezzo den letzten Schritt Richtung sportlicher Unsterblichkeit zu gehen. Kaum einer zweifelt wirklich daran, dass er im kleinen und großen Schlitten olympische Medaillen holen wird – aber auch Gold? Die ganz große Dominanz der Vorjahre bröckelt ein wenig, und das liegt an der Konkurrenz aus dem eigenen Land.
„Francesco ist der Dominator, ich habe Riesenrespekt, dass er über die Jahre immer wieder die Leistung auf den Punkt abruft und eigentlich uneinholbar ist.“ Das hatte Johannes Lochner vor drei Jahren unmittelbar nach Olympia in Peking gesagt, als sich der Pilot des BC Stuttgart Solitude im Zweier- und Viererbob als Zweiter jeweils Friedrich und dessen Crew geschlagen geben musste. Doch diesen Zusatz der Uneinholbarkeit würde Lochner heute so sicher nicht mehr verwenden. Er selbst hat immer mal wieder bewiesen, dass Friedrich schlagbar ist. Zuletzt wieder bei den Europameisterschaften in Lillehammer, als er in einem furiosen zweiten Lauf Friedrich mit fünf Hundertstelsekunden Vorsprung noch abfangen und den EM-Titel in der Königsdisziplin Vierer feiern konnte.
„Das ist genau perfekt für die WM, es geht in die richtige Richtung. So wissen wir, wir können bei der WM um den Sieg mitfahren“, sagte Lochner mit Blick auf die Weltmeisterschaften vom 2. bis zum 16. März in Lake Placid. Auf der Olympia-Bobbahn am Mount Van Hoevenberg will er möglichst eine Machtablösung im Bobsport durchführen. Eine äußerst schwere, aber keineswegs unmögliche Mission. Friedrich, der sich im kleinen Schlitten mit Anschieber Alexander Schüller zum Europameister gekürt hatte, war leicht gefrustet, dass „der Hansi“ ihm „ganz schön auf die Pelle“ gerückt sei. Vor allem, was die im Bobsport so wichtigen Startzeiten angeht. „Das passt uns natürlich auch nicht“, sagte Friedrich.
Margis neue Rolle an Lochners Seite
Zwischen den seit Jahren beiden besten deutschen Bobfahrern herrscht eine ausgeprägte Rivalität, die in diesem Winter einen neuen Höhepunkt erfuhr. In Medien war gar von einem „Bob-Beef“ die Rede. Der Grund: Friedrichs langjähriger Stamm-Anschieber Thorsten Margis wechselte ausgerechnet ins Lochner-Team. Friedrich fühlt sich verraten – und versteckt seinen Frust in öffentlichen Aussagen auch nicht. „Thorsten hatte sich nach der Saison entschieden aufzuhören. Und dann hat er sich mit Hansi verbrüdert und fährt im kommenden Jahr mit Hansi“, sagte er. Was Friedrich bei dem Wechsel vor allem fürchtet, ist das Insider-Wissen über Kufen und Bob-Einstellungen, das der 35-jährige Margis mitbringt. „Er hat viel Know-how. Er wusste schon am meisten, wo der Hase langläuft“, äußerte Friedrich, für den der Wechsel eindeutig ein Geschmäckle hat: „Es ist schon sehr speziell, das muss man zugeben.“ Zumal Margis eigentlich schon seinen Rücktritt erklärt hatte. „Die ganze Bobwelt will uns schlagen, und das schon seit Jahren – das ist brutal anstrengend“, hatte Margis als Friedrich-Anschieber gesagt. Nun ist er mit Lochner in der Rolle des Jägers.
Pikant ist zudem, dass auch Friedrich im Lochner-Lager „wilderte“. Er fragte bei Lochners Top-Anschieber Georg Fleischhauer an und holte sich dafür einen Rüffel von seinem ärgsten Rivalen ab. „Er hat sich einen Schiefer eingezogen, das kriegt er zurück“, sagte der Berchtesgadener Lochner: „Man sollte mich nie ärgern.“ Angeblich soll es zwischen beiden Top-Piloten ein stillschweigendes Abkommen gegeben haben, sich gegenseitig nicht die Anschieber abzuwerben. Für Bundestrainer Spies ist der zugespitzte Konkurrenzkampf noch kein zu großes Problem. Er erhofft sich davon eher einen Leistungssprung. „Dass es Richtung Olympia härter wird, ist auch klar. Es geht aber letztlich um Gold. Franz will Gold gewinnen. Und Hansi will auch Gold gewinnen“, sagte Spies. Ob ein Versöhnungs-Weißbier vielleicht die Lösung ist? Auf diese Frage antwortete der Ur-Bayer Lochner mit einem Lächeln und einer Anspielung auf Friedrichs stets professionellen Lebensstil: „Der trinkt doch nichts, der sitzt ja immer dahoam und trinkt nichts.“
Sportlich dürfte Friedrich den Margis-Abgang verschmerzen können. Der acht Jahre jüngere Alexander Schüller hat schon beim WM-Sieg im Zweier im Vorjahr in Winterberg den Vorzug vor Margis erhalten, was diesen mächtig gewurmt haben soll. Und mit Simon Wulff hat Friedrich noch ein ganz heißes Anschieber-Ass im Ärmel. Deutschlands viertbester 100-Meter-Sprinter hat bei seinen ersten Auftritten nach dem Umstieg von der Tartanbahn in den Eiskanal komplett überzeugt und mit seinem explosiven Antritt für starke Startzeiten gesorgt. Doch dann der Schock: Anfang Dezember gab es bei Wulff eine auffällige Doping-Probe. Bei ihm wurde Methylhexanamin nachgewiesen, das in einigen Nahrungsergänzungsmitteln enthalten ist. Eine automatische Sperre seitens des Weltverbandes zog dies zwar nicht nach sich, dennoch nahm der Bob- und Schlittenverband für Deutschland den Athleten vorsorglich aus dem Verkehr, um mögliche nachträgliche Sanktionen gegen das gesamte Friedrich-Team nicht zu riskieren. Wulff wollte die Öffnung der B-Probe beantragen und gilt bis zu diesem Ergebnis als unschuldig.
Friedrich wollte sich zu dem Fall öffentlich nicht konkret äußern. Er ging mit dem Rückschlag genauso um wie mit dem Verlust von Anschieber Margis: professionell und nach vorne blickend. Diese Mentalität hat ihn im Bobsport bis an die Spitze gebracht. Seit seinem Umstieg im Alter von 16 Jahren von der Leichtathletik in den Eiskanal geht es für den Mann aus Pirna eigentlich nur aufwärts. Als „Friedrich der Große“, „Kufen-Versteher“ oder „Bob-König“ wird er in den Medien gefeiert – der nationalen und internationalen Konkurrenz ist die Dauer-Dominanz dagegen natürlich ein Dorn im Auge. Und für die Spannung ist sie auch Gift. „Vielleicht kann es auch mal langweilig sein“, sagte Friedrich: „Aber soll ich nur Halbgas fahren?“ Das könne er nicht und das sei auch gefährlich.
Friedrichs Sorge um den Nachwuchs
Viel gefährlicher als seine Dominanz sei, dass es immer weniger Nachwuchs im Bobsport gebe, meinte Friedrich. „Es wird die Zeit kommen, wo kein Bob mehr gefahren wird“, prophezeite der Rekord-Weltmeister: „Wahrscheinlich werden unsere Enkelkinder vom Bobsport nur noch aus den Geschichtsbüchern erfahren.“ Er könne dem Nachwuchs deswegen nicht einmal Vorwürfe machen, er habe sogar Verständnis dafür: „Wozu also sollte man sich dann ausgerechnet dem Bobfahren verschreiben, zumal man auch in dieser Sportart trotz größter Erfolge keine soziale Absicherung für das Leben nach dem Sport hat?“ Er selbst bezeichnete die Aufstellung des jährlichen Etats von rund einer Viertelmillion Euro für sein Team trotz etlicher Erfolge als „echte Sisyphusarbeit“.
Auch deshalb ist sein Karriereende absehbar. Im Wintersport-Traditionsland Italien plant Friedrich nicht nur einen erfolgreichen, sondern auch einen stimmungsvollen Olympia-Schlusspunkt. „Ich hatte Spiele in Sotschi, Pyeongchang und Peking, und jeweils war es schwierig bis ausgeschlossen, dass die Familie dort mit hinkann“, erzählte er: „Jetzt ist das Ziel: Dort in Topform zu sein und mindestens einen Bus mit Familie, Freunden Fans dabeizuhaben und einen würdigen Abschluss feiern zu können mit allen, die mich begleitet haben.“ Zwischendurch musste Friedrich aber fürchten, dass es auch damit nichts wird. Denn aufgrund der noch nicht fertiggebauten Bahn in Italien war auch ein Umzug der Bob-, Rodel- und Skeleton-Wettbewerbe ins mehr als 6.000 Kilometer entfernte Lake Placid in den USA im Gespräch gewesen. Doch beim umstrittenen Eiskanal in Cortina d’Ampezzo habe es einen „sehr guten Baufortschritt“ gegeben, teilte DOSB-Leistungssport-Vorstand Olaf Tabor mit: „Wir werden im März vielleicht schon die ersten Eiskanalrennen sehen und der ein oder andere Testwettbewerb kann schon stattgefunden haben.“ Der 82 Millionen Euro teure Neubau ist höchst umstritten, weil die Nachhaltigkeitsfrage von den Organisatoren bislang nur unzureichend beantwortet wurde. Dass es in den angrenzenden Ländern Schweiz, Österreich und Deutschland genügend Alternativen gab, ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker.