In der Nacht vom 2. auf den 3. März findet die 97. Oscarverleihung im Dolby Theatre in Hollywood statt. FORUM-Autor Ulrich Lössl stellt die heißesten Kandidaten für den begehrten Preis vor.
Nach dem großen Feuer nun die große Feier. In Los Angeles, wo vor Kurzem noch verheerende Brände wüteten, die viele Todesopfer forderten und Zehntausende zerstörte Gebäude hinterließen, findet auch dieses Jahr die Oscar-Gala im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard statt. Ob die Feuer-Katastrophe die Stimmung der Stars und Sternchen auf dem Roten Teppich eintrüben wird? Man wird sehen. Ein anderes Thema, das schon im Vorfeld große Aufmerksamkeit erregte, ist der Einsatz von KI beim Drama „Der Brutalist“, einem der heißesten Favoriten für die Kategorie „Bester Film“. Und die Selbstdemontage der spanischen Schauspielerin Karla Sofía Gascón, die als erste Transfrau den Oscar als beste Schauspielerin für den Musical-Thriller „Emilia Peréz“ schon so gut wie in der Tasche hatte. Doch nach ihren erst kürzlich bekannt gewordenen islamfeindlichen und rassistischen Tweets hat sie sich wohl selbst sabotiert. Daumen drücken können wir auch für Regisseur Edward Berger (Oscar 2023 für „Im Westen nichts Neues“), der es mit seinem Vatikan-Thriller „Konklave“ auf acht Nominierungen gebracht hat. Und für Regisseur Tim Fehlbaum, der zusammen mit Moritz Binder für „September 5“ in der Sparte Bestes Originaldrehbuch nominiert ist. Nach einem Moderator für diese Oscar-verleihung hat man lange gesucht – der äußerst lukrative Job scheint nicht mehr ganz so begehrt zu sein wie früher – und konnte schließlich Comedian Conan O’Brian gewinnen.
Hier jeweils drei Nominierungen in den wichtigsten Kategorien:
Bester Film
„Der Brutalist“
Das dreieinhalbstündige Mammutwerk schildert in visionären Bildern, wie der ungarische Architekt und Holocaust-überlebende Láslo Toth (Adrian Brody) nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA auswandert, um dort den „amerikanischen Traum“ zu leben. Ein düsteres Portraät eines um Anerkennung kämpfenden Mannes, der sich im Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Kommerz bewähren muss.
„A Complete Unknown“
Dieses atmosphärisch dichte Biopic schildert den Aufstieg des Singer-Songwriters Bob Dylan (Timothée Chalamet), der zu Beginn der 1960er-Jahre im New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village aufschlug und schnell zu einer Ikone der Folk-Bewegung wurde. Bis zu jenem denkwürdigen Auftritt im Jahr 1965, als er beim Newport Folkfestival seine Gitarre in einen elektrischen Verstärker einstöpselte … Ein wunderbarer Film, der eine längst versunkene Ära wieder lebendig werden lässt.
„Emilia Pérez“
Ein mexikanischer Drogenbaron will seine Vergangenheit hinter sich lassen und beginnt ein neues Leben als Frau. Die transgender Schauspielerin Karla Sofía Gascón glänzt in diesem Musical-Thriller in einer Doppelrolle. Ein extravagantes Melodrama mit viel Action und furiosen Tanz-Einlagen.
Wird gewinnen: „A Complete Unknown“
Sollte gewinnen: „A Complete Unknown“
Bester Regisseur
Brady Corbet – „Der Brutalist“
Der experimentierfreudige US-Regisseur Brady Corbet hat in seinem virtuos inszenierten Epos (zehn Oscarnominierungen) aus Gründen der Authentizität für die ungarische Sprachfärbung bei seinen Hauptdarstellern Adrian Brody und Felicity Jones das Sprachsystem Respeecher eingesetzt, also eine KI-Software. Angeblich würde durch dieses Tool die schauspielerische Leistung untergraben. Den Golden Globe hat Corbet schon. Ob es auch für den Oscar reichen wird?
James Mangold – „A Complete Unknown“
James Mangold gehört zu den renommiertesten Filmemachern in Hollywood. Selbst Steven Spielberg hat keinem anderen als ihm seinen letzten „Indiana Jones“-Film „Das Rad des Schicksals“ (2023) anvertraut. Schon einmal hat sich Mangold an ein Biopic gewagt: In „Walk the Line“ (2005) erzählt er das Leben der Country-Legende Johnny Cash. „A Complete Unknown“ wurde für acht Oscars nominiert.
Jacques Audiard – „Emilia Pérez“
Der französische Filmemacher Jacques Audiard hat sich inzwischen von den rassistischen Äußerungen seiner Hauptdarstellerin Karla Sofía Gascón öffentlich distanziert. Sein flamboyantes Musical „Emilia Pérez“ ist mit 13 Oscarnominierungen der absolute Favorit unter den diesjährigen Filmen der Academy of Motion Pictures Arts and Sciences. Immer noch?
Wird gewinnen: James Mangold
Sollte gewinnen: Brady Corbet
Bester Hauptdarsteller
Adrien Brody – „Der Brutalist“
Für die Titelrolle in Roman Polanskis Holocaust-Drama „Der Pianist“ bekam er 2003 den Oscar als bester Schauspieler. Seit über 30 Jahren gehört Adrien Brody zu den besten und wandlungsfähigsten Charakterdarstellern Hollywoods. Für seine überragende Performance in „Der Brutalist“ wurde er schon mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Seinen zweiten Oscar hat er sich jetzt mehr als verdient.
Timothée Chalamet – „A Complete Unknown“
Es ist schon sensationell, wie Timothée Chalamet den jungen, wuschelwilden Song-Poeten Bob Dylan auf die Leinwand zaubert. Chalamet ist mit seinen 29 Jahren der jüngste Schauspieler – seit James Dean –, der zweimal zum Oscar in der Kategorie Bester Hauptdarsteller nominiert wurde. Das erste Mal 2018 für „Call Me By Your Name“.
Ralph Fiennes – „Konklave“
Ob es bei seiner dritten Oscarnominierung für die Rolle als Kardinal Lawrence in „Konklave“ endlich klappen wird? Zuvor war der Brite schon als Nazi-Scherge Amon Göth in „Schindlers Liste“ und als schwer verbrannter Pilot in „Der englische Patient“ als sicherer Gewinner gehandelt worden. Diesmal hätte er den begehrtesten aller Filmpreise hochverdient.
Wird gewinnen: Timothée Chalamet
Sollte gewinnen: Adrien Brody
Beste Hauptdarstellerin
Demi Moore – „The Substance“
Am meisten war wohl Demi Moore selbst überrascht, als sie für ihre (überwiegend nackte) Rolle im Body-Horror-Streifen „The Substance“ den Golden Globe erhielt. Immerhin ist die US-Schauspielerin („Ghost – Nachricht von Sam“, „Ein unmoralisches Angebot) seit über 40 Jahren gut im Geschäft. Da soll noch jemand sagen, es gäbe in Hollywood keine Rollen für Frauen über 60!
Karla Sofía Gascón – „Emilia Pérez“
Wird sie die große Verliererin der diesjährigen Oscarverleihung? Aufgrund ihrer atemberaubenden Leistung im Genre-Mix „Emilia Pérez“ hätte sie ihn jedenfalls mehr als verdient.
Cynthia Erivo – „Wicked“
Die britische Schauspielerin und Sängerin spielt in „Wicked“ die böse, apfelgrüne Hexe des Westens Elphaba. Der an den „Zauberer von Oz“ angelehnte Film wurde als „eine der besten Leinwandadaptionen eines Broadway-Musicals“ hymnisch gefeiert. Cynthia Erivo ist sich sicher, sie hat mit Elphaba ihr Alter Ego gefunden.
Wird gewinnen: Demi Moore
Sollte gewinnen: Karla Sofía Gascón
Bester Nebendarsteller
Edward Norton – „A Complete Unknown“
Viermal war der US-Schauspieler Edward Norton („Zwielicht“, „American History X“, „Birdman“) schon für den Oscar nominiert. In „A Complete Unknown“ ist er der Folksänger Pete Seeger. Seine leidenschaftliche Performance ist ein weiteres Highlight des großartigen Films.
Guy Pearce – „The Brutalist“
Guy Pearce spielt in „Der Brutalist“ einen superreichen Magnaten, der von den Plänen des Architekten und Holocaust-Überlebenden Láslo Toth (Adrian Brody) begeistert ist. Mit der Zeit spitzt sich aber die ungleiche Beziehung dramatisch zu. In solch intensiven Momenten läuft der australisch-britische Schauspieler („L.A. Confidential“, „Memento“) regelmäßig zu Hochform auf.
Kieran Culkin – „A Real Pain“
Der jüngere Bruder von Macauley „Kevin – Allein zu Haus“ Culkin hat sich längst zum besseren und erfolgreicheren Schauspieler gemausert. Davon konnte man sich zuletzt zum Beispiel in der TV-Hit-Serie „Succession“ überzeugen. In der Tragikomödie „A Real Pain“ besucht er – neben Jesse Eisenberg, der auch Regie führte – das KZ Majdanek.
Wird gewinnen: Edward Norton
Sollte gewinnen: Guy Pearce
Beste Nebendarstellerin
Ariana Grande – „Wicked“
Die amerikanische Schauspielerin und Sängerin spielt Glinda, die gute Hexe des Nordens, mit betörendem Charme. Und die gute Nachricht: Sie bleibt in der Smaragdstadt von Oz – und fliegt nicht wie die böse Hexe mit dem Besen davon. Außerdem singt sie unter anderem den Titelsong „No One Mourns The Wicked“.
Felicity Jones – „Der Brutalist“
Als Ehefrau von Stephen Hawking (Eddie Redmayne) im Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ war die britische Schauspielerin Felicity Jones schon 2014 für den Oscar nominiert. Vielleicht gelingt es ihr diesmal, als Ehefrau von Láslo Toth (Adrian Brody) den Oscar tatsächlich zu gewinnen.
Zoe Saldaña – „Emilia Peréz“
Ihren großen Durchbruch hatte sie im Blockbuster „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ (2009). Seitdem reißt sich so ziemlich jeder Fantasy-Regisseur um die amerikanische Schauspielerin mit den dominikanischen Wurzeln. Dass sie aber nicht nur in „Star Trek“, „Guardians of the Galaxy“ und „Avengers“-Filmen glänzen kann, beweist sie jetzt in „Emilia Peréz“. Regisseur Jacques Audiard schätzte Zoe Saldañas Gesangs- und Tanzkünste über die Maßen und pries ihre Performance als „auffallend charismatisch“. Dem schließen wir uns voll und ganz an.
Wird gewinnen: Zoe Saldaña
Sollte gewinnen: Zoe Saldaña