Die BR Volleys gewinnen das Pokalfinale, ziehen im Kampf um das Achtelfinale in der Champions League aber den Kürzeren. Ausgerechnet der neue große Bundesliga-Rivale steht ihnen im Weg.
Joel Banks ist in seiner Trainer-Karriere viel rumgekommen. Der in Portsmouth geborene Brite arbeitete schon als Clubcoach in seiner Heimat, in den Niederlanden, in Belgien, in Polen und aktuell beim deutschen Vorzeigeverein BR Volleys. Außerdem betreute Banks bereits die britische und finnische Nationalmannschaft. Nun kommt eine neue Aufgabe auf ihn zu: Der 49-Jährige wurde als Nationaltrainer der Niederlande vorgestellt. „Die Niederlande sind ein echtes Volleyballland mit nicht nur einer großartigen Geschichte, sondern sicherlich auch einer großartigen Zukunft“, wurde Banks in einer Pressemitteilung auf der Verbands-Internetseite zitiert. Die BR Volleys kommunizierten Banks’ neuen Job nicht öffentlich – ein Fingerzeig, dass dessen Zeit beim Hauptstadtclub sich dem Ende neigt?
Vertrag läuft am Saisonende aus
Fakt ist: Doppelbeschäftigungen in einem Verein und bei einer Nationalmannschaft sind für Volleyball-Trainer nichts Ungewöhnliches, in der Regel akzeptieren dies auch die Club-Verantwortlichen. Banks’ Vertrag läuft am Saisonende aus, bei Redaktionsschluss war von einer Verlängerung zumindest öffentlich noch nichts zu vernehmen. Auch das ist im Volleyball-Geschäft erstmal nichts Außergewöhnliches, zumal das Tagesgeschäft in den vergangenen Wochen alle Aufmerksamkeit verlangt hat. Der deutsche Rekordmeister hat die erste „Crunchtime“ der Saison hinter sich – und dabei nur bedingt abgeliefert.
Am vergangenen Sonntag machte der große Favorit den ersten Titel der Saison zwar perfekt. Im Pokalfinale gegen die SWD Powervolleys Düren mühte sich das klar favorisierte Banks-Team aber zu einem hart erkämpften 3:2-Sieg. In Mannheim lag der Hauptstadtclub vor rund 10.000 Zuschauern sogar schon mit 1:2 nach Sätzen zurück, bewies dann aber immerhin Comeback-Qualitäten. „Zwischendurch stand es wirklich auf der Kippe“, gab Moritz Reichert unumwunden zu: „Dann können wir froh sein, dass Jake das Spiel noch mal dreht im vierten Satz.“ Diagonalangreifer Jake Hanes bewies einmal mehr seine Ausnahmeklasse und war vor allem in den entscheidenden Spielsituationen der überragende Akteur auf dem Feld. Auf der Gegenseite stach der Dürener Matthew Neaves heraus.
Während das Pokalfinale für die Berliner noch ein Happy End parat hatte, gab es vier Tage zuvor einen schmerzhaften Rückschlag. Im deutschen Duell in der Play-off-Runde der Champions League gegen die SVG Lüneburg musste der Favorit die Segel streichen – und das nach zwei packenden und hochdramatischen Spielen. Nach der 2:3-Niederlage im Hinspiel bei den „LüneHünen“ gewann Berlin im Rückspiel zwar ebenfalls mit 3:2 nach Sätzen. Doch im anschließenden Entscheidungssatz hatten die Gäste in der Max-Schmeling-Halle mit 15:13 knapp die Nase vorn. „Das darf ein paar Tage wehtun, ist aber nicht schlimm. Wir müssen das einstecken und runterschlucken. Rückschläge gehören zum Sport und zum Leben“, sagte BR-Volleys-Manager Kaweh Niroomand, der dem Verpassen des Viertelfinals in der Königsklasse auch etwas Gutes abgewinnen konnte: „Ich muss ehrlich sagen, ich habe selten nach einer Niederlage so viele positive Rückmeldungen bekommen. Diese zwei Spiele haben die Menschen absolut begeistert. So müsste es jedes Wochenende aussehen. Dann wären wir als Sportart hierzulande einen riesigen Schritt weiter.“
Das erste Champions-League-Duell zweier Bundesligisten seit der Saison 2017/18 war in der Tat beste Werbung für den deutschen Volleyball. Die Lüneburger konnten seit ihrem Aufstieg im Jahr 2014 zwar auch im 22. Pflichtspiel nicht in der Max-Schmeling-Halle gewinnen – und doch waren sie am Ende des Play-off-Duells die Sieger. Sie vertreten nun weiter die deutschen Farben in der Champions League, in der die BR Volleys eigentlich gern erstmals ins Halbfinale vorgestoßen wären. „Wir haben unsere Ambitionen in diesem Wettbewerb“, bekräftigte Niroomand: „Aber für uns bleibt am Ende die deutsche Meisterschaft das größte und wichtigste Saisonziel.“ Lüneburgs nächster Gegner ist nun Aluron CMC Warta Zawiercie aus Polen.
Deutsches Champions-League-Duell
In der nationalen Meisterschaft ist Berlin aber weiter komplett auf Kurs Titelverteidigung. Nach 22 Ligaspielen hat der haushohe Favorit noch kein Spiel verloren und Platz eins nach der Hauptrunde bereits sicher. Auch diese makellose Bilanz ihres Rivalen wollen die Lüneburger nun brechen – und damit klarstellen, dass das Weiterkommen in der Königsklasse keine Eintagsfliege war. Im Topspiel der Liga empfängt die SVG am Samstag (8. März) die Gäste aus Berlin. Lüneburg dürfte mit großem Selbstvertrauen auflaufen, glaubt auch Niroomand: „Wir scheinen schon einen besonderen Motivationseffekt auf diese Mannschaft zu haben. Sie werfen jedes Mal alles in die Waagschale und gehen hohes Risiko, allein, wie sie gegen uns im Aufschlag draufhalten. Dazu sind die Lüneburger ein kompaktes Team mit guter Block-Feldabwehr.“
Der Play-off-Sieg hat gezeigt, dass das Team um Diagonalspieler Xander Ketrzynski und Kapitän Theo Mohwinkel durchaus in der Lage ist, den großen Favoriten aus der Hauptstadt zu schlagen. Momentan ist Lüneburg das, was der VfB Friedrichshafen in den vergangenen Jahren war: der größte nationale Rivale für die BR Volleys. „Nahezu alle Spiele gegen Lüneburg in den letzten Jahren waren knapp und hätten gut und gerne auch mal anders ausgehen können“, sagte Niroomand: „Man muss ihre Leistung loben und hervorheben.“
Auch aufgrund einer Grippewelle im Lager des Hauptstadtclubs konnte das Potenzial im Kader zuletzt nicht voll ausgeschöpft werden. „Den nötigen Trainingsrhythmus hatten wir zuletzt auch nicht“, erklärte Niroomand die Schwierigkeiten. So blieb zuletzt fast alles an Jake Hanes hängen – der ohne Zweifel ablieferte, oft aber auch als Alleinunterhalter im Angriff agierte. In nur 21 Sätzen gelangen ihm in der Champions-League-Vorrunde sagenhafte 137 Punkte. „Man muss schon sagen, das ist eine Outstanding-Leistung von Jake. Irre. Dazu bringt er inzwischen auch eine für die Mannschaft wertvolle Emotionalität auf die Platte“, sagte Niroomand: „Aber alle wissen, dass wir ihn entlasten müssen. Im Alleingang geht es nicht. Wir müssen dafür sorgen, dass unser Angriffsspiel weiter schnell bleibt.“ Und genau hier sieht der Manager aktuell ein Manko. Der Deutsch-Iraner forderte „mehr Ballkontrolle im ersten Kontakt, ob Annahme oder Abwehr“.
Das ist auch ein Auftrag an den Trainer. Joel Banks’ Zukunft bei den BR Volleys bleibt offen – durch den Job als niederländischer Nationaltrainer ist er aber halbwegs abgesichert. Vom Trainer, aber auch von den Spielern fordert Niroomand ab sofort den „vollen Fokus auf die spannendste Zeit des Jahres“. Denn im Kampf um die Meisterschaft dürfe man sich spätestens in den Play-offs keine Schwächen mehr erlauben. Das verlorene Champions-League-Duell gegen Lüneburg und auch das Pokalfinale gegen Düren haben gezeigt, dass die BR Volleys doch nicht so unschlagbar sind, wie sie mitunter scheinen. Jeder habe gesehen, meinte auch der Geschäftsführer, „was da alles auch national noch kommen kann“.