Nach 14 Wochen Winterschlaf startet die Formel 1 in Melbourne in die neue Saison. Die vier Top-Teams und das Mittelfeld werden noch enger zusammenrücken als im Vorjahr. Das Spannungspotenzial ist riesig. Einen Titelfavoriten zu nennen war selten so schwierig.
Es hatte sich noch kein Rad in der neuen Saison gedreht, da ließ es die Formel 1 schon heftig und kräftig „krachen“ – mit einer Welturaufführung. Die F1-Macher hatten alle zehn Teams und ihre Fahrer dazu verdonnert, 26 Tage vor dem Saisonauftakt in Melbourne/Australien im Londoner Millennium Dome aufzutreten. Zufall oder nicht, es war der 18. Februar. An diesem Tag wäre Enzo Ferrari 127 Jahre alt geworden. Des legendären Firmengründers wurde an diesem Tag in London auch gedacht. Im mit 15.000 Fans ausverkauftem „Dome“ ließen die Teams ihre Hüllen mit viel Glanz und Gloria fallen. Es waren umlackierte Showcars, also nicht die echten Rennautos, die zum Saisonstart nur in neuen Farben zu sehen waren. Eine zweistündige Präsentation in erster Linie für Geldgeber und Sponsoren. Aber nicht ohne Rock-, Rap- oder Popmusik, Licht- und Lasershows, Feuerregen und eine Bühne, die es so in der F1-Geschichte noch nicht gegeben hat: spektakulär, pompös, glamourös, grandios.
Begrenzte Testzeit für die Fahrer
Doch diese Vorgeplänkel-Inszenierung mit viel Tamtam und Brimborium angesichts 75 Jahre Formel 1, kurz „F1 75“, kam nicht bei allen an, sorgte für Naserümpfen. Weltmeister Max Verstappen hatte auf dem Laufsteg einen Wortlos-Auftritt, ihm wurde als „Pantomime-Bösewicht“ (so der britische „Guardian“) Redeverbot verordnet. Das Wort hatte sein Teamchef. Und das Wort war bei Red-Bull-„Gottvater“ Christian Horner. Der „stramme Max“ hatte schon im Vorfeld gesagt: „Ich hoffe, ich bin in der Woche krank“. Lewis Hamilton bemerkte, er „genieße derlei Auftritte nicht, mein Fokus liegt auf dem Fahren“.
Fahren – das durften die Protagonisten dann endlich mit ihren echten Autos bei den dreitägigen Testfahrten (26. bis 28. Februar) in Bahrain. Mit diesem traditionellen Schaulaufen nahm die F1 Fahrt auf und gab einen Vorgeschmack auf die Saison 2025. Fahrer und Teams nutzen die begrenzte Testzeit, ihre Boliden möglichst perfekt vorzubereiten. In erster Linie ging es darum, wichtige Daten für den Start zu sammeln. An den drei Tagen gab es drei verschiedene Piloten mit einer Tagesbestzeit: Lando Norris/McLaren (Mittwoch), Carlos Sainz/Williams (große Überraschung Donnerstag) und George Russell/Mercedes (Freitag).
Mercedes setzt auf junges Team
Doch diese Testzeiten haben stets wenig Aussagekraft. Sie geben wenig Aufschluss und lassen kaum Rückschlüsse zu auf die Kräfteverhältnisse, da die Teams unterschiedliche Schwerpunkte setzen und verschiedene Programme absolvieren. In Melbourne werden die Karten erst aufgedeckt. Dann ist die Jagd auf Punkte, Pokale und Titel eröffnet. Ex-Serienweltmeister Lewis Hamilton träumt von seinem achten WM-Titel, es wäre der erste in Ferrari-Rot. Der aktuelle Champion Max Verstappen strebt mit Red Bull nach seiner fünften WM-Krone in Folge. „Ich hoffe nur, mein Auto ist schnell genug“, sagt Max, „wenn das der Fall ist, dann erledige ich den Rest, das weiß ich. Ich hoffe einfach, dass wir konkurrenzfähig sein werden“. Er schränkt aber ein: „Wir alle wissen aber nicht, was die Gegner so alles auf Lager haben.“
Der 63-fache GP-Sieger vertraut auf Spitzenergebnisse und Konstanz, denn diese sei der Schlüssel bei der Titelvergabe. McLaren-Pilot Lando Norris, WM-Zweiter 2024, will „die Ellbogen ausfahren“, seinen Rivalen das Leben auf der Strecke schwer machen und sich als WM-Kandidat in Position bringen. Der 24-jährige Brite sieht mit dem Konstrukteurs-WM-Team die Zeit für den Angriff auf den Fahrertitel gekommen.
Ex-Branchen-Primus Mercedes will mit dem erfahrenen George Russell (27) und dem neuen 18-jährigen Juwel Andrea Kimi Antonelli als Hamilton-Nachfolger wieder in die Erfolgsspur finden. „Wir läuten 2025 eine aufregende neue Ära in der Geschichte unseres Teams ein“, lässt Teamchef Toto Wolff in einer Mitteilung verlauten.
Seine beiden Fahrer seien „eine interessante Paarung, die uns helfen wird, unsere Ziele zu erreichen“, fügt der Österreicher hinzu. Russell startet in seine siebte F1-Saison, in seine vierte mit dem Mercedes-Werksteam.
Über seinen Fahrer Nummer eins, den er für einen WM-Kandidaten hält, sagt Wolff: „George hat bewiesen, dass er zu den besten Fahrern im Feld gehört und um die WM kämpfen kann, wenn wir ihm ein siegfähiges Auto zur Verfügung stellen.“ Bei Antonelli ist der „gute Wolf(f)“ bemüht, Druck von dem jungen Italiener zu nehmen. „Kimi hat das Talent, um Großes zu erreichen. Aber dies ist seine erste Saison, und es wird unweigerlich Höhen und Tiefen geben.“ Auch der Rookie selbst bremst vorerst noch die großen Erwartungen. „Ich bin ein junger Pilot, der in seinem ersten Formel-1-Jahr noch viel lernen muss“, sagt der Mercedes-Neuzugang aus Bologna. „Für mich hat sich aber ein Kindheitstraum erfüllt“, sagt der schwarzhaarige Lockenschopf und bekennt: „Als Kind habe ich Sebastian Vettel angefeuert.“ In der „Bild“ klärt Antonelli auf: „Sebastian hat mich mit seiner Fahrweise und seinem Charakter immer beeindruckt.“
Ferrari lässt die Muskeln spielen
Für Schlagzeilen hat der Teenager schon vor seinem F1-Debüt gesorgt. Die Fahrerlaubnis für die F1, die Superlizenz des Automobil-Weltverbandes (FIA), hatte das italienische Wunderkind schon in der Tasche, als er noch nicht volljährig war. Da hatte er bereits 9.000 Kilometer in älteren 1.000 PS-starken F1-Silberpfeilen mit 300 km/h auf der Rennstrecke abgespult und war 2024 bei zwei freien Trainings in einem aktuellen F1-Boliden im Einsatz. Nur der ganz normale Führerschein für die Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr fehlte noch. Ende Januar war es dann so weit. Stolz verkündete er über seinen Instagram-Account, den Führerschein endlich zu haben. „Mission completed“ also „Mission erfüllt“, schrieb er. Seine Prüfung hat Antonelli fehlerlos in Theorie und Praxis in einem VW Golf 8 abgelegt. Dazu brauchte er nicht mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen sechs Fahrstunden. Für 2025 sagt Teamchef Wolff „eine hart umkämpfte F1-Saison“ voraus und erklärt: „Wir haben vergangenes Jahr gesehen, wie eng das Feld beieinander lag. Man konnte von Rennen zu Rennen nicht sagen, wer vorne sein würde, und ich erwarte, dass es in diesem Jahr noch enger zugehen wird. Es wird mehrere Sieger geben, und es ist möglich, dass wir noch mehr Teams auf der obersten Stufe des Podests sehen werden.“ Zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr haben sieben Fahrer aus vier verschiedenen Teams ganz oben auf dem Podest gestanden. „Wir müssen in Bestform sein, wenn wir in dieser Saison um die WM kämpfen wollen“, fordert Wolff daher.
Ferrari stellt nach Experten-Meinung mit den beiden Hochkarätern Kronprinz und Platzhirsch Charles Leclerc und dem von Mercedes abgewanderten Sir Lewis Carl Davidson das stärkste Fahrer-Duo. „Ich habe große Erwartungen, und dieses Ferrari-Team hat alles, um zu gewinnen“, sagt der neue Heilsbringer und Messias der Roten. Ferrari setzt große Hoffnungen in den siebenmaligen Rekordweltmeister (wie Michael Schumacher). Hamilton soll dem Rennstall mit 16 Konstrukteurs-Weltmeisterschaften auch die 16. Fahrer-WM bescheren. Er wird nach einer 18 Jahre dauernden Durststrecke als Erlöser gesehen, denn letzter Gewinner, der für die Scuderia diesen Titel eingefahren hat, war Kimi Räikkönen 2007. Selbst die Weltmeister Fernando Alonso (2010 bis 2014) und Sebastian Vettel (2015 bis 2020) waren während ihrer Ferrari-Zeit an der Titel-Mission gescheitert. Mit fünf WM-Titeln für die Roten (2000 bis 2004) wurde Michael Schumacher zur Legende.
Die andere lebende Legende Lewis Hamilton ist bei seiner Ankunft im Ferrari-Hauptquartier Maranello mit offenen Armen empfangen worden. Bei den Fans hat er einen riesigen Hype ausgelöst und eine neue Begeisterung entfacht. Mit seinem Mega-Sensationswechsel von Silber zu Rot zieht Hamilton die Massen in seinen Bann. Als er an einem eiskalten Mittwochvormittag auf der hauseigenen Teststrecke in Fiorano Modenese erstmals mit älteren F1-Ferrari die ersten Runden drehte, ließen sich 7.000 Tifosi die Premiere nicht entgehen. Die ersten Fans sollen schon um 5 Uhr an die Strecke gepilgert sein.
Hülkenberg einziger Deutscher
Hamilton ist bei den Italienern und Ferrari angekommen. Im Werk hat er alle Mitarbeiter auf Italienisch begrüßt, was großen Eindruck hinterlassen hat. In der Winterpause habe er italienische Vokabeln gebüffelt, verriet er in einem Interview. „Lewis hat schon viel Zeit in der Fabrik verbracht, um Leute zu treffen“, sagt sein Teamchef Fred Vasseur. „Mit seiner Ankunft weht ein frischer Wind durch die Hallen“, hat der Franzose festgestellt. Hamilton gesteht, er brauche aber noch Zeit, bis er sich akklimatisiert habe, hat aber schon erkannt: „Die Arbeit mit diesem Rennstall ist etwas ganz Besonderes, da steckt viel Leidenschaft drin. Ferrari ist einfach unvergleichlich. All meine Erwartungen sind bisher übertroffen worden. Der Teamwechsel fühlt sich jetzt schon richtig an.“ Wie aber wird das spannendste teaminterne Duell des Briten (40) mit dem Monegassen Leclerc (27) ausgehen? Einen starken Gegner wie Leclerc zu besiegen, wird für den Ferrari-Neuling nicht leicht werden. „Wir können Weltmeister werden, wenn das Auto von Anfang an gut ist“, betont Leclerc, der bisher Platzhirsch in Maranello war. Ob er von Beginn an siegfähig sein wird, weiß Hamilton aber nicht. „Ich habe sechs Monate gebraucht, um mit Mercedes mein erstes Rennen zu gewinnen“, erinnert sich der 105-fache GP-Sieger. Siegfähig oder nicht, die Traumehe Ferrari/Hamilton wird im Fokus stehen. Das Fahrerfeld für diese 76. F1-Saison ist komplett durcheinandergewürfelt. Einziger deutscher Stammfahrer ist wie schon 2023 und 2024 Nico Hülkenberg. Der 37-Jährige vom Niederrhein wechselte von US-Team Haas zum Sauber-Rennstall, der 2026 in das Audi-Werksteam übergeht (Siehe FORUM-Ausgabe 09 vom 21. Februar). Vergangene Saison 2024 gab es bei keinem der zehn Teams einen Fahrerwechsel.
Diese Saison gehen nur zwei Rennställe mit dem gleichen Fahrer-Duo wie 2024 an den Start: McLaren mit Lando Norris und Oscar Piastri, und auch Aston Martin behält mit „Methusalem“ Fernando Alonso (43 Jahre/23. GP-Saison/404 Starts/32 Siege) und Lance Stroll (26) an seiner seit 2023 bestehenden Fahrerpaarung fest. Sechs Rookies, so viele wie seit 2019 nicht mehr, bestreiten ihre erste volle F1-Saison (FORUM-Ausgabe vom 25. Oktober 2024). Sie machen 30 Prozent in der Startaufstellung aus. Die Frischzellenkur, die junge Garde, wird zwar keinen Generationswechsel bewirken, aber viel frischen Wind in ihr Team und die F1 bringen. Vor dem Start in diese Saison ist nur sicher, dass nichts sicher ist. Verstappen, Hamilton, Norris und Co. sind ziemlich ahnungslos. Selten war es so schwierig, einen Titelfavoriten vorherzusagen.