Es wird ein Nachfolger von Thomas Bach als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees gewählt. Zur Wahl steht unter anderem ein großer Widersacher des Amtsinhabers. Oder wird’s erstmals eine Frau?
Als promovierter Jurist baute sich Thomas Bach schon sehr früh ein zweites Standbein neben dem Sport auf. Doch eine Rückkehr in die Juristerei als Anwalt ist für ihn mangels Erfahrung keine gute Idee. „Ich möchte keinem Mandanten zumuten, derart dilettantisch vertreten zu werden“, sagte Bach lächelnd: „Das werde ich also sicher nicht machen, schon aus Respekt vor meinen Mitmenschen.“ Ein Platz in einem Aufsichtsrat bei einem Wirtschaftsunternehmen einzunehmen, das könnte sich der noch amtierende Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gut vorstellen. Doch alles zu seiner Zeit. Zuerst will er seine Nachfolge als „Herr der Ringe“ regeln – und dann komplett abschalten. „Ich werde erst mal vier Wochen schlafen. Mindestens“, verriet Bach im „FAZ“-Interview. „Und dann werde ich mich auf den Jakobsweg machen. Dort werde ich mich inspirieren lassen und dann weitersehen. Ich habe da aber keine Eile.“
Seit elfeinhalb Jahren steht der einstige Team-Olympiasieger im Fechten dem IOC als Präsident vor, es ist das formal höchste Sport-Funktionärsamt auf der Welt. Doch mit dieser Ehre geht auch viel Verantwortung einher, die der gebürtige Würzburger bei aller Kritik immer übernommen hat. Die Diversität in der weltweiten Sportgemeinschaft verlangte von ihm ein hohes Maß an Diplomatie, Kompromissbereitschaft und Kritikfähigkeit. Erschwerend kamen die gesellschaftspolitischen Umwälzungen der vergangenen Jahre hinzu: die Corona-Pandemie, der russische Angriffskrieg in der Ukraine, jetzt die Kontroversen um US-Präsident Donald Trump im Gastgeberland der Fußball-WM 2026 und von Olympia 2028. „Er ist in seinem Herzen ein Sportfan“, sagte Bach der dpa über Trump: „Er war in der Bewerbungsphase für beide Ereignisse involviert, hat sich dort eingesetzt auf die eine oder andere Art und Weise für die Fußball-Weltmeisterschaft und für die Olympischen Spiele. Deswegen bin ich mir sicher, dass er beide unterstützen wird.“
Amtszeit maximal zwölf Jahre
Doch dafür Sorge tragen muss Bach nicht mehr. Bei der IOC-Session vom 19. bis zum 21. März im griechischen Costa Navarino wird sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin gekürt. Lange Zeit hatte es auch Spekulationen gegeben, der Deutsche würde für eine weitere Amtszeit kandidieren. Entsprechende Überlegungen gab es tatsächlich, doch dafür hätte der 71-Jährige die IOC-Charta ändern müssen, weil diese eine Amtszeit von maximal zwölf Jahren vorsieht. Ein extrem heikler Akt, der seine Kritiker auf den Plan gerufen und ihn angreifbar gemacht hätte. Bach begründete seinen Verzicht damit, er wolle „die Glaubwürdigkeit“ der Charta wahren, die die grundlegenden Regeln der olympischen Bewegung zusammenfasst. Außerdem sei es auch an der Zeit für einen Führungswechsel. In seinem Alter könne er nicht mehr „der beste Kapitän“ sein, um das riesige IOC-Schiff mit über 70 Spitzensportverbänden durch die stürmischen Zeiten zu navigieren. „Neue Zeiten rufen nach neuen Anführern“, meinte er.
Wer aber darf sich bildlich gesprochen die Kapitänsmütze aufsetzen? Die Wahl, zu der sechs Männer und eine Frau aufgestellt sind, findet hinter verschlossenen Türen statt. Zuvor durften die Bewerber und die Bewerberin vor den etwas mehr als 100 IOC-Mitgliedern in einer Präsentation von maximal 15 Minuten und 30 Sekunden die Werbetrommel für sich rühren. Nachfragen waren nicht erlaubt. „Wenn ich Präsident wäre, dann wäre ich flexibler mit den Regeln“, meinte der jordanische Prinz Faisal bin Al Hussein, der sich zur Wahl stellt. „Die Welt sollte wissen, wer ihre Anführer sind.“ In der Praxis findet der wahre Wahlkampf auch deswegen lange vor dem Tag X im Hintergrund statt, und die Stimmen sind oft schon vergeben. Auch wenn die Kandidaten laut Regularien zu Wahlzwecken keine öffentlichen Versammlungen organisieren und nicht an öffentlichen Debatten teilnehmen dürfen, haben sie natürlich schon im Vorfeld vorgefühlt und Allianzen geknüpft.
Der bekannteste Name auf der Kandidatenliste ist zugleich der größte Widersacher von Thomas Bach. Ob Sebastian Coe deswegen bessere oder eher schlechtere Chancen hat, wurde vor der Wahl fleißig diskutiert. Der britische Präsident des mächtigen Leichtathletik-Weltverbandes würde im Falle einer Wahl mit der aktuellen Politik Bachs brechen – daraus macht er keinen Hehl. „Es ist zu viel Macht in den Händen von zu wenigen Leuten“, sagte Coe. Dass das denjenigen IOC-Mitgliedern nicht passt, die von diesem System profitieren, ist klar. Zudem dürfte anzunehmen sein, dass Bach im Hintergrund alles versuchen wird, um Coe als seinen Nachfolger zu verhindern. Der frühere Mittelstreckenläufer hat mit seinem harten Kurs gegenüber Russland als Reaktion auf den Angriffskrieg in der Ukraine sein Profil geschärft. Doch das IOC hat längst auf einen versöhnlicheren Kurs mit Russland eingeschwenkt. Auch mit seiner in Paris erstmals angewendeten Prämienzahlung für die Leichtathletik-Olympiasieger in Höhe von 50.000 Dollar machte sich Coe nicht nur Freunde im IOC – ganz im Gegenteil. Viele werteten es mehr als Tabubruch denn als notwendige Reformmaßnahme. In der Russland-Frage hat Coe seine Hardliner-Linie auch etwas aufgeweicht. „Unser Anspruch muss sein, dass Sportnationen nicht draußen bleiben“, sagte er, und: „Die Welt ist nicht perfekt. In der Realität werden solche Fragen an einem Tisch mit einer Karte von Leuten gelöst.“
Regelrechter Gegenentwurf
Ein Problem könnte Coes Alter sein. Wegen der Altersgrenze für einen IOC-Präsidenten versprach der 68-Jährige bereits nach vier statt den Regularien entsprechend nach acht Jahren eine Neuwahl. Eine weitere Hürde für Coe ist, dass er als Chef von World Athletics nur noch bis 2027 einen festen Platz als IOC-Mitglied besitzt. Dieser ist für einen Präsidenten des Ringe-Ordens aber zwingend vorgesehen. Auch für dieses Problem werden sich sicher Lösungen finden – sofern es denn gewollt ist. Was für Coe spricht? Sein Charisma, seine immense Funktionärs-Erfahrung, seine unbestrittene Liebe für die olympische Bewegung. Als Organisationschef der Sommerspiele in London 2012, die weltweit für große Begeisterung gesorgt hatten, sammelte Coe Pluspunkte. Auch als Präsident des britischen Olympischen Komitees stand er in der Verantwortung.
Diese Erfahrungswerte fehlen Kirsty Coventry fast vollständig. Sie ist so etwas wie der Gegenentwurf zu Coe: mit 41 Jahren die mit Abstand jüngste, einzige und erste Anwärterin, dazu soll sie dem Vernehmen nach Bachs Wunschkandidatin sein. Noch nie in der Geschichte stand eine Frau an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees, was Bach als Zeichen der Modernisierung und Geschlechter-Gleichberechtigung verkaufen könnte. Als einstige Schwimm-Olympiasiegerin hat Coventry zudem ein gutes Verständnis für die Sorgen und Nöte der Athleten, doch skandalfrei ist die noch junge Karriere der Sportministerin von Simbabwe nicht. An Selbstvertrauen mangelt es ihr aber augenscheinlich nicht. „Ich denke, ich bin die beste Kandidatin“, sagte Coventry: „Nicht, weil ich eine Frau bin oder weil ich aus Afrika komme.“ Im IOC arbeitete sie in verschiedenen Kommissionen mit und fiel dabei vor allem als treue Unterstützerin Bachs auf. Dass dieser ihre Bewerbung protegiert, wollte Coventry so nicht stehen lassen. „Thomas Bach ist loyal zu uns allen“, sagte sie. Es sei zudem nicht fair, wenn die Vorteile ihrer Bewerbung auf die Person des amtierenden IOC-Präsidenten reduziert werde: „Ich kenne die Organisation und habe einen riesigen Erfahrungsschatz.“
Gleiches behauptet auch Juan Antonio Samaranch jr., dessen gleichnamiger Vater das IOC 21 Jahre von 1980 bis 2001 als Präsident angeführt hatte. „Ich weiß, wie der Job funktioniert und wie das IOC tickt“, sagte der Junior, der allerdings auch schon 65 Jahre alt ist. Dass sein Vater zum Ende seiner Ära in zahlreiche Korruptionsskandalen verstrickt war, dürfte einen Schatten über Samaranchs Bewerbung werfen. Zumal der Spanier neue Einnahmequellen verspricht, ohne diese wirklich zu konkretisieren. Allerdings sollte man den Bankier nicht unterschätzen, schließlich dauert seine IOC-Mitgliedschaft nun schon 23 Jahre an. Viel Zeit, um sich ein riesiges Netzwerk aufzubauen, von dem er nun profitieren könnte.
Neben Samaranch, Coventry, Coe und Faisal bin Al Hussein stehen auch der Franzose David Lappartient als Chef des Rad-Weltverbands, der gebürtige Schwede Johan Eliasch als Präsident des Ski-Weltverbands und der Japaner Morinari Watanabe als Turn-Weltverbandschef zur Wahl. Als erster Amtstag ist der 24. Juni vorgesehen. Am Tag zuvor ist die Amtsübergabe mit Bach geplant. Der Noch-Präsident will – so ließ er zumindest verlauten – bei der Wahl auf eine Stimmenabgabe verzichten. Sein Rat an seinen Nachfolger? „Es wird aber wahrscheinlich auf den allgemeinen Rat hinauslaufen, dass der Schlüssel für die Weiterentwicklung des IOC die eigene Geschlossenheit ist.“
Wie seine eigene zwölfjährige Amtszeit als Nachfolger des Belgiers Jacques Rogge bewertet wird, ist sicher auch eine Frage der Perspektive. In Deutschland steht man Bach deutlich kritischer gegenüber als in anderen Orten der Welt. „Ich schäme mich für ihn“, hatte der Diskus-Olympiasieger Robert Harting einst über Thomas Bach gesagt, weil dieser die Russen wegen der Doping-Skandale nicht komplett von den Spielen 2016 in Rio de Janeiro ausgeschlossen hatte. Doch einschneidende Maßnahmen waren nie das Ding von Thomas Bach, dessen Arbeitsweise eher auf Diplomatie und Kompromissen fußte. „Wir sind keine Weltregierung“, betonte er immer wieder. Seine Sichtweise, dass Sport unpolitisch sein müsse, hatte er zwar zum Ende seiner Amtszeit selbst einkassiert. „Aber er muss politisch neutral sein“, bekräftigte Bach. Die von ihm angestoßene Agenda 2020 leitete zumindest einen dringend benötigten Reformprozess ein.