Die Berliner Zeichnerin Flavia Scuderi hat zusammen mit dem Autor Alessandro Ferrari eine zweibändige Graphic Novel zum Leben von Marlene Dietrich vorgelegt.
Monte Cassino, Italien, Mai 1944, es ist Nacht, im Radio wird „Lili Marleen“ gespielt – in einer Flüchtlingsunterkunft auf Italienisch, im Camp der Alliierten auf Englisch und oben auf dem Berg in der Stellung der Wehrmacht auf Deutsch. „Lili Marleen“, erklärt Alessandro Ferrari in einer Fußnote, war der erste „Million-Seller-Hit“, der von verschiedenen Interpretinnen in deren Sprache gesungen und übers Radio verbreitet wurde. Das Lied wurde von Norbert Schultze komponiert.
Alessandro Ferrari ist Autor. Zusammen mit der Zeichnerin Flavia Scuderi hat er gerade eine zweibändige Graphic Novel über das Leben einer Frau veröffentlicht, die nicht unwesentlich zur Popularität von „Lili Marleen“ beigetragen hat: Marlene Dietrich. „Alessandro und ich waren uns von Anfang an einig, dass wir in erster Linie eine Geschichte erzählen wollten, nicht nur eine Biografie“, sagt Flavia Scuderi.
„Sie war wirklich speziell“
Und so beginnt die Geschichte, die die beiden erzählen, nicht in Berlin, sondern an jenem Berg in Italien, an dem sich die Alliierten mit den Deutschen und Italienern heftige Gefechte lieferten. Am Rande der Gefechte gerät ein Fahrzeug in eine alliierte Kontrolle. Der Offizier glaubt der Frau, die mit anderen darin unterwegs ist, nicht, wer sie ist: „Wenn du Marlene Dietrich bist, bin ich General Eisenhower“, antwortet er. „Nun, ziehst du es vor, mich zu erschießen oder dich in mich zu verlieben?“, kontert Marlene.
Verliebt haben sich viele Männer in diese Frau. Doch wer war sie? Flavia Scuderis Antwort: „Für mich war es diese Kombination aus Freiheitswillen und Disziplin. Sie war wirklich speziell. Sie passte genau in das Berlin der 1920er-Jahre. Sie war sehr modern, war immer Avantgarde – gleichzeitig hatte sie in ihrer Arbeit und in ihrem Leben ungeheuer viel Kontrolle. Vielleicht ist das auch ein wenig das Tragische: Sie war wahnsinnig intelligent, und ihr Leben erscheint so glanzvoll und schön – aber bei so viel Arbeit und Erfolg bleibt die Liebe auf der Strecke. Auch wenn sie viele Männer hatte. Tolle Männer … und nicht nur Männer, auch Frauen.“
Die 1974 in Rom geborene und seit 2008 in Berlin lebende Zeichnerin und der Autor Alessandro Ferrari haben das Kunststück geschafft, das bewegte Leben und die eindrucksvolle Karriere von Marlene Dietrich in zwei Comic-Bände zu packen. Für ihn sei es „die größte Herausforderung gewesen, alles unterzubringen“, sagt Ferrari, „ich hätte die Geschichte auf 300 Seiten erzählen wollen oder besser 500.“ Es sind zweimal 60 Seiten geworden.
Band eins beleuchtet die Jugend und den Beginn der Karriere von Marlene Dietrich bis zu dem Punkt, an dem sie in die USA übersiedelte, weil sie die Nazis nicht ertragen konnte. Band zwei beschreibt ihren Aufstieg zur internationalen Berühmtheit, ihren Kampf gegen das Regime in Deutschland und endet in ihrem Zimmer in Paris, das sie an ihrem Lebensende bis zu ihrem Tod nicht mehr verließ.
Texter und Zeichnerin arbeiteten für Disney
Die Biografie zeigt alle Facetten im Leben der Diva, beginnt aber mit ihrer wenig glamourösen Kindheit und Jugend in Berlin: Marlene Dietrich, geboren 1901 als Marie Magdalene Dietrich, stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Dennoch wurde sie von ihrer Mutter künstlerisch gefördert, sollte Violinistin werden. Sie interessierte sich allerdings mehr für das noch junge Medium Film und Gesang und begann Anfang der 1920er-Jahre in kleineren Rollen in Film und Theater aufzutreten. Der Durchbruch gelang ihr 1930 mit dem Film „Der blaue Engel“. Noch im gleichen Jahr zog sie nach Amerika, wo sie zur Hollywood-Diva und zum ersten weiblichen Film-Weltstar aufstieg. Sie drehte zahlreiche Filme mit bekannten Regisseuren wie Alfred Hitchcock und Billy Wilder.
Auch in Deutschland wuchs ihre Berühmtheit. Mehrere Angebote von Propagandaminister Goebbels, Filme für das nationalsozialistische Deutschland zu drehen, lehnte sie ab und positionierte sich offen gegen die Nazis. 1939 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an und kehrte erst nach dem Krieg in ihr Geburtsland zurück. Ihren letzten Lebensabschnitt verbrachte sie zurückgezogen in Paris, wo sie 1992 starb.
Flavia Scuderi arbeitete bisher vor allem für Disney – unter anderem war sie verantwortlich für die Überarbeitung der „Hexe Lilli“-Charaktere 2014. Zum 200. Geburtstag von Richard Wagner erstellte sie 2013 mit Autor Andreas Völlinger eine Comic-Biografie über den Komponisten. Der Italiener Alessandro Ferrari arbeitet als Autor ebenfalls für Disney. Unter anderem stammen Storys für die „Star Wars“-Comics, Klassiker wie „Frozen“ oder „Alice im Wunderland“ sowie mehrere Geschichten des „Lustigen Taschenbuchs“ aus seiner Feder. Sein Literaturstudium hat er mit einer Arbeit zu Marlene Dietrich abgeschlossen. Für Flavia Scuderi geht es in den beiden Marlene-Bänden aber nicht nur um die Person. „Liebe, Angst vor Einsamkeit und eine enorme Willenskraft sind für mich die wahren Protagonisten dieses Comics“, sagt sie. Wobei sie diese Protagonisten über einige Jahre beschäftig haben. „Das Leben, das Universum und alles andere haben die Umsetzung dieses Comics sehr lang hinausgezögert. Die Person, die ich war, und das Leben, das ich führte, als ich mit diesem Projekt begonnen habe, haben sich fundamental verändert und damit auch der Arbeitsansatz. Wenn ich mir die Seiten jetzt ansehe, erkenne ich eine stilistische Entwicklung, die perfekt zu unserer Absicht passt, eine anfangs unreife Maria Magdalene zu zeigen, die sich im Laufe der Zeit in die Ikone Marlene verwandelt“, beschreibt sie diese Zeit.
„Ich glaube, viele Menschen dachten, ich würde aufgeben – aber ich bin stur und habe nie auch nur einen Moment daran gedacht, die Arbeit unvollendet zu lassen. Außerdem hätte Marlene mir das niemals erlaubt! Disziplin geht vor!“, sagt sie. Und: „So sehr ich es nicht erwarten konnte, den Comic endlich abgeben zu können: Als ich die letzte Seite anfing, wurde mir klar, dass ich beim Zeichnen der Linien langsamer wurde, als wollte ich unser Zusammenleben verlängern. Der Abschluss war wie das Ende einer Liebe, die man loslassen muss. Es war ein bittersüßer Moment.“