Für den Berliner TSC gehört er zu den wohl wichtigsten Athleten: Wasserspringer Lou Massenberg verzaubert die Wassersportfans. Bereits elf Medaillen im Erwachsenenbereich kann er sein Eigen nennen, doch sein nächstes großes Ziel ist klar: Olympia 2028.
Wenn Lou Massenberg in drei Metern Höhe nach vorn vom Brett abspringt, die Beine angehockt einen viereinhalbfachen Salto vollführt und dann ins Wasser eintaucht, lässt er die Zuschauer meist Beifall klatschend und staunend zurück. Die ganze Aktion hat kaum eineinhalb Sekunden gedauert, und nur geübte Betrachter kommen beim Zählen der Salti wirklich hinterher. Es ist der schwierigste Sprung des Berliners. Gleichzeitig aber auch sein Lieblingssprung. „Bei einem Wettkampf müssen wir jedoch Sprünge aus jeder unserer fünf Sprunggruppen zeigen“, erklärt der 24-Jährige vom Berliner TSC. Neben den vorwärts ausgeführten gibt es auch die Rückwärtssprünge. Beim Auerbach wird nach vorn gesprungen, die Drehungen und Salti allerdings werden nach hinten ausgeführt. Beim Delphin ist es umgekehrt. Es wird rücklings zum Wasser gesprungen, aber nach vorne in Richtung Brett gedreht. Diese verschiedenen Varianten können zusätzlich mit Schrauben kombiniert werden. Willkommen in der spektakulären und komplizierten Welt des Wasserspringens, das übrigens schon seit 1904 eine olympische Disziplin ist. Gleich bei der Premiere in St. Louis gewann mit Georg Hoffmann vom SC Poseidon Berlin ein Deutscher Silber im Turmspringen. Vier Jahre später kam das Kunstspringen vom Drei-Meter-Brett hinzu. Seit 1912 starten auch Frauen olympisch, und seit 2000 gibt es für beide Geschlechter auch Wettbewerbe im Synchronspringen.
Im Jugendalter war Lou Massenberg sowohl Turm- als auch Kunstspringer. Beide Formen erfordern aber ein unterschiedliches Training. Deshalb will er sich künftig auf das Brett konzentrieren – von drei und einem Meter. Letztere Disziplin gehört nur bei Welt- und Europameisterschaften zum Programm. „Lou ist ein eleganter, kraftvoller Springer“, sagt Bundestrainer Christoph Bohm. Er springt mit Ausdruck, hat ein wunderbares Körpergefühl. Es sieht bei ihm einfach schön aus.“ Von Anatomie und Körperbau her ist der 1,79 Meter große und 79 Kilo schwere Athlet der ideale Brettspringer. Durch sein Gewicht kann er das Brett stärker in Schwingung bringen. „Es wirft mich sozusagen nach oben. Dadurch gewinne ich ungefähr vier Meter an Höhe. Springe praktisch aus etwa sieben Meter Richtung Wasser“, erklärt er einen technischen Hintergrund. „Dadurch habe ich mehr Zeit, meine Elemente zu zeigen“. Die übt er beileibe nicht nur am Wasser. Rund die Hälfte der Trainingszeit spielt sich dort ab. Turnen, Ballett, Trampolinspringen, Akrobatik und Krafttraining gehören ebenfalls dazu. Kaum eine andere Sportart erfordert eine solch gründliche Ausbildung. Zum Erlernen der komplizierten Sprünge gibt es verschiedene Hilfsmittel. „Wir haben zum Beispiel eine Anlage zum Erlernen der Schraubensprünge. Wir können, eingespannt in eine Lounge, zum Üben in der Luft gehalten werden“, erzählt der Student der Immobilienwirtschaft. „Trotzdem erfordern die ersten Versuche ins Wasser eine Portion Mut. Mit einer Blasenanlage können wir aber das Wasser etwas auflockern, sodass bei einem misslungenen Sprung der Aufprall gedämpft wird“. Blaue Flecken, Prellungen und Verstauchungen aber kennt jeder Wasserspringer. Das Ziel allen Übens ist, einen Sprung so häufig zu trainieren, dass er im Wettkampf perfekt präsentiert werden kann und eine hohe Punktzahl einbringt. Wer in dieser Sportart Höchstleistungen erreichen will, muss früh damit beginnen. Bei Lou Massenberg war das der Fall.
Die Liebe zum Wasser schon seit Kindertagen
„Weil in meiner Kita-Gruppe ein Mädchen beim Wasserspringen war und meine Eltern meinen Bewegungsdrang in sportliche Bahnen lenken wollten, sind sie mit mir auch dahin gegangen“, erzählt er über seine Anfänge. Obwohl er später auch Fußball spielte und auch beim Handball vorbeischaute, blieb er bei dieser Sportart. Eine richtige Entscheidung, denn bereits als Jugendlicher gewann er 37 Meistertitel. 2017 bei der EM-Premiere bei den Erwachsenen wurde er gemeinsam mit Tina Punzel Dritter im Mixed-Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett. Mit seinem frühen Karrierestart ist er keine Ausnahme. „Man muss bereits im Vorschulalter anfangen, wenn man später zu den Besten gehören will“, erklärt Matti Büchner, Nachwuchstrainer und Abteilungsleiter beim Berliner TSC, wo seit 1960 erfolgreich Wasserspringen betrieben wird, und der heute einer von fünf Bundesstützpunkten in Deutschland ist. „Der Nachwuchs findet auf verschiedenen Wegen zu uns. Eltern kommen mit ihren Kindern, weil sie auf unsere Webseite aufmerksam wurden. Wir haben aber auch spezielle Sichtungsprogramme. Ausgebildete Scouts gehen in die Kitas oder zum Schulschwimmen, um nach Talenten Ausschau zu halten.“ Heute betreiben im Verein 50 Athleten vom Jugendbereich bis zu den Erwachsenen das Springen leistungssportlich. Dazu gehören neben Lou Massenberg die Geschwister Christina und Elena Wassen, Lars Rüdiger. Sie alle haben bereits Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- oder Europameisterschaften gewonnen.
Auch Lou Massenberg möchte seinen elf internationalen Medaillen im Erwachsenenbereich weitere hinzufügen. Die letzten gewann er im Juni 2024 bei der EM. Jeweils Bronze im Synchron-Mixed mit Partnerin Jana Lisa Rother und im gemischten Teamwettbewerb. Die Olympischen Spiele in Paris konnte er nur aus der Ferne verfolgen. Die Qualifikation dafür hatte er im Jahr davor verpasst. Nach gerade überwundener Verletzung war er nicht in Top-Form. Mit der Weltcup-Serie, die an diesem Wochenende in Guadalajara in Mexiko startet und nächste Woche in Windsor/Kanada weitergeht, beginnt praktisch der vierjährige Zyklus mit den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles als Höhepunkt.
Dort möchte Lou Massenberg seinen Traum von einer olympischen Medaille endlich Realität werden lassen. „Vom Schwierigkeitsgrad meines Sprungrepertoires bin ich in der Lage mit der Weltelite mitzuhalten“, verkündet er selbstbewusst. „Für vordere Plätze will ich aber weiter aufstocken. Zwei Sprünge möchte ich mit drei statt mit wie bisher mit zwei Schrauben zeigen.“ Nach den zwei Weltcups im April bieten die EM im Mai im türkischen Belek und die WM in Singapur im August für Lou Massenberg weitere Gelegenheiten, sich mit der Weltelite zu messen.