Man kennt ihn vor allem als Filmschauspieler. Nach seiner Rolle im Theaterstück „Mein Name sei Gantenbein“ steht Matthias Brandt nun als Estragon in „Warten auf Godot“ auf der Bühne des Berliner Ensembles.
Samuel Beckett hat Humor. Das unterstellt ihm zumindest die Berliner Radio-Moderatorin Marion Brasch. Wäre der irische Schriftsteller nicht 1989 gestorben, dann würde er sich vermutlich „totlachen“ darüber, wie über sein wohl bekanntestes Stück diskutiert, philosophiert und doziert wird – „Warten auf Godot“. Seit Beckett das Stück 1952 veröffentlicht hat und es 1953 in Paris uraufgeführt wurde, stelle sich ja die Frage, auf wen oder was diese beiden schrägen Gestalten, Estragon und Wladimir, da warten. Wer oder was ist Godot? Gott?
Anlass für Marion Brasch, über Beckett und Godot nachzudenken, war ein Gespräch mit Matthias Brandt und Paul Herwig Ende Dezember für „Radio eins“. Die beiden spielen ab 11. April unter der Regie von Luk Perceval Estragon und Wladimir am Berliner Ensemble. „,Warten auf Godot‘“, sagte Matthias Brandt im Gespräch mit Brasch, sei etwas, „das man immer mal spielen möchte, was einem aber nur einmal begegnet – insofern müssen wir uns Mühe geben“.
Es sei ja so: „‚Warten auf Godot‘ ist das größte und populärste Bühnenwerk des vergangenen Jahrhunderts, obwohl man streng genommen nicht sagen kann, worum es geht“, sagt Brandt. Und es sei „ja oft das Kennzeichen großer literarischer Texte, dass sie sich einer eindeutigen Deutung widersetzen“.
Um was es geht, beschreibt die Dramaturgie des Berliner Ensembles so: „Zwei Heimatlose in einer unbestimmbaren Landschaft und einer ungewissen Zeit. Sie sprechen erwartungsvoll über den zukünftigen Tag und suchen verzweifelt nach gemeinsamen Erinnerungen aus vergangener Zeit, ihre Gegenwart besteht aus nichts als Warten. Um die Marter des Wartens und Nicht-gehen-Könnens zu ertragen, widmen sie sich dem Spiel. Wenn Beckett gewusst hätte, worauf dieses Paar wartet, hätte er das Stück nicht geschrieben, antwortete er einst.“
Brandts Bühnen-Abstinenz hatte Gründe
Daraus ergeben sich für die Dramaturgie folgende Fragen: „Worauf warten wir? Und welche Spiele erfinden wir, um die Zeit zu vertreiben und ohne Bewusstsein in unserer Gegenwart zu existieren?“ Matthias Brandt formuliert es so: „Wahrscheinlich liegt der Reiz, sich das anzuschauen, darin, dass man währenddessen darüber nachdenkt, worum es eigentlich geht.“ Wobei die Antworten, die man findet, keine endgültigen sein werden, sagt Paul Herwig. Er habe „Warten auf Godot“ in Vorbereitung auf die Rolle natürlich mehrmals gelesen, erzählte er im Gespräch mit Marion Brasch, aber: „Ich hatte jedes Mal das Gefühl: Ich lese ein anderes Stück.“
„Womöglich hat kein Bühnenwerk so viele Interpretationen provoziert wie dieses, obwohl es sich jeglichen Thesen und Antithesen entzieht“, schreibt die Dramaturgie des Theaters. Den Regisseur Luk Perceval interessiere an „Warten auf Godot“ „die Komik sowie die Grausamkeit dieser universellen Menschheitskomödie“.
Für Matthias Brandt, den ein breites Publikum aus seinen Fernseh- und Filmproduktionen kennt, etwa als Kommissar Hanns von Meuffels im Münchner Polizeiruf, ist es das zweite Engagement am Berliner Ensemble. Für seine Solo-Rolle in Oliver Reeses Fassung von Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ ist er nach 20 Jahren auf die Bühne zurückgekehrt. Ob er durch „Gantenbein“ nun „wieder Blut geleckt“ habe, was das Theater angeht, wollte Marion Brasch im Gespräch Ende Dezember wissen. „Es erweckt den Anschein, sonst würde ich ja nicht nochmal etwas Neues machen jetzt“, antwortete Brandt. „Das fand lange nicht statt in meinem Leben – auch aus Gründen – weil ich unzufrieden war am Theater“, erklärte der Schauspieler seine Bühnen-Abstinenz. Er arbeite „sehr gerne mit der Kamera“. „Das ist auch nach wie vor meine Hauptbeschäftigung“, stellte er klar. Aber es sei eben auch so: „Manchmal merkt man erst, dass einem Dinge gefehlt haben, wenn man sie wieder tut.“
Und „Warten auf Godot“? Es sei „eh immer ein Problem, wenn Schauspieler erklären sollen, worum es in einem Stück oder Film geht – das führt meistens zu einem Desaster“, sagt Matthias Brandt. Die Dramaturgie des Berliner Ensembles schließt einer „traditionellen Deutung“ der Literaturwissenschaft zu Becketts Stück an, die „Warten auf Godot“ als Paradebeispiel des „absurden Theaters“ sieht – und damit als ein Drama, das sich per se allen Interpretationen entzieht. Marion Brasch hört Beckett an dieser Stelle vermutlich zumindest kichern.