Jonas Stettmer hat im Duell bei den Eisbären Berlin den Routinier Jake Hildebrand als Nummer eins abgelöst – zumindest vorerst. Das Team profitiert vom Konkurrenzdruck auf der Torwart-Position.
Jonas Stettmer hat schon ein kleines bisschen NHL-Luft geschnuppert. Im vergangenen Sommer durfte der Torhüter beim Entwicklungscamp der Los Angeles Kings ein paar Tage die Scouts der besten Eishockeyliga der Welt auf sich aufmerksam machen. „Es ist eine wahnsinnige Erfahrung, hier in dieser Kabine sein zu dürfen und hier mit den Jungs zu trainieren“, hatte Stettmer damals über das Abenteuer gesagt: „Es ist ein wirklich gutes Tempo, es sind einige starke Spieler dabei. Es macht Riesenspaß.“ Er kam gestärkt zurück nach Berlin, wo er den Zweikampf um die Stammposition zwischen den Pfosten bei den Eisbären gegen den deutlich erfahreneren Platzhirsch Jake Hildebrand neu aufnahm. „Es ist mein eigener Anspruch, Jake Feuer zu machen“, sagte der acht Jahre jüngere Stettmer vor der Saison 2024/25: „Das will er bei mir genauso, damit beide Höchstleistungen bringen.“
Der Anspruch, „Jake Feuer zu machen“
Nachdem Stettmer in der Hauptrunde seinem teaminternen Konkurrenten den Status als Nummer eins lange Zeit nicht streitig machen konnte, kam es doch noch zum Torwart-Wechsel: Trainer Serge Aubin vertraute in den letzten Vorrundenpartien und auch in allen fünf Viertelfinalspielen gegen die Straubing Tigers auf den Herausforderer im Tor. „Ich hatte einfach ein gutes Bauchgefühl und habe die Entscheidung getroffen, auf Jonas zu setzen“, erklärte Aubin die durchaus riskante Wahl. Dass diese für den Rest der Saison nicht in Stein gemeißelt ist, betonte der Kanadier aber auch. Es sei „ein Glücksfall, dass wir zwei Goalies haben, die wirklich die Nummer eins sein können“. Angesichts der starken Leistungen von Stettmer im Duell mit den Tigers bestand auch kein Grund, ihn im Halbfinale wieder aus dem Kasten zu nehmen. Doch er verletzte sich – und plötzlich schlug wieder die Stunde seines teaminternen Rivalen. Hildebrand nutzte seine Chance in den ersten drei Begegnungen gegen die Adler Mannheim, in denen er nur zwei Gegentore kassierte. Aubins Prophezeiung hatte sich bewahrheitet: „Wir brauchen beide.“
Zuvor hatte Stettmer maßgeblich zum 4:1-Erfolg im Viertelfinal-Duell mit den Tigers beigetragen. Es waren nicht nur seine Paraden, sondern vor allem seine Ausstrahlung, die verblüffte. Der 23-Jährige wirkt für sein Alter extrem abgeklärt, souverän und nervenstark. Das spektakuläre Torwart-Spiel ist nicht seins, er will es möglichst einfach halten. „Ich will für meine Mannschaft die Ruhe ausstrahlen, sodass der Außenstehende – egal, was los ist – denkt, dass es keine Probleme gibt“, sagte er über seinen Torwartstil. Überall werden Lobeshymnen auf ihn gesungen. Von TV-Rechteinhaber MagentaSport wurde Stettmer als „Berliner Mauer“ gefeiert, für die „Bild“-Zeitung ist der junge Goalie „nach René Bielke in den 80er- und 90er-Jahren wieder ein ‚Hexer‘ im Kasten“.
Und Hildebrand? Der US-Amerikaner hatte nach seiner Ankunft in Berlin vor zwei Jahren das akute Torwart-Problem der Eisbären gelöst und war seitdem unumstrittener Führungsspieler. Doch schon im Vorjahr deutete sich an, dass Stettmer mehr als nur ein Back-up sein kann. In seinen 13 Hauptrundenspielen kam er auf einen Gegentorschnitt von 2,28 pro Partie, Hildebrand auf 2,79 in 38 Spielen. Bei der Fangquote kamen beide auf einen ähnlichen Wert. Ein Grund für den leichten Leistungsabfall könnte gewesen sein, dass Hildebrand erstmals Vater geworden war und der Fokus vielleicht nicht zu hundert Prozent auf dem Sportlichen lag. „Ich könnte nicht glücklicher sein, aber natürlich stellt einen das vor Herausforderungen, wenn du das nicht gewohnt bist“, hatte er im Vorjahr gesagt. In der abgelaufenen Hauptrunde setzte sich der leichte Trend pro Stettmer fort. „Als Club willst du zwei Torhüter haben, die Spiele gewinnen können, die sich antreiben“, sagte Hildebrand.
Aubin betont stets, dass er glücklich sei, zwischen zwei so herausragenden DEL-Torhütern wählen zu dürfen. Und deswegen sollten sich beide Torhüter möglichst auch verstehen und die Konkurrenzsituation kein Energiefresser sein. „Grundsätzlich verstehen wir uns super“, sagte Stettmer. Hildebrand ergänzte aber auch, dass es „natürlich ein Wettkampf“ sei, „es gibt nur einen Platz“. Und den hatte Stettmer dem Amerikaner bis zu seiner Verletzung erfolgreich streitig gemacht. „Jonas ist ein super Junge“, sagte Aubin, der den Youngster ansonsten aber nicht gern heraushebt. Er scheint die Fallhöhe nicht zu groß werden zu lassen, denn Aubin weiß: Gerade bei Torhütern sind gewisse Leistungsschwankungen im jungen Alter normal, vor allem wenn im Drei-Tages-Rhythmus absolutes Top-Niveau abgerufen werden muss und jeder Fehler böse bestraft werden kann. Deshalb ist es eher wahrscheinlich, dass beide in den Play-offs noch zum Einsatz kommen.
Fokus auf das Wesentliche
Stettmers Nerven scheinen kein Problem zu sein. Er wirkt nur selten wirklich nervös, auch auf die Ernennung zur vorläufigen neuen Nummer eins der Eisbären reagierte er cool. Er habe bis zum ersten Spiel gegen Straubing ein paar Tage Zeit gehabt, sich mental darauf vorzubereiten, berichtete Stettmer: „Geschlafen habe ich danach gut, deshalb war ich relativ tiefenentspannt.“ Er fokussiert sich auch in der heißen Saisonphase auf das Wesentliche. „Mein Job ist es, den Puck zu halten“, sagte er, „ich habe meine Verteidiger, um mich zu schützen oder die Jungs zu packen.“ Namentlich sind das vor allem Yannick Veilleux, Markus Niemeläinen oder Adam Smith. Er selbst wolle sich aus den Scharmützeln möglichst raushalten, um seine Ruhe und seinen Fokus nicht zu verlieren, verriet Stettmer: „Das sind die Play-offs. Da geht es schon manchmal dreckig zu. Das stört uns nicht. Wenn das Getümmel vor meinem Tor zu viel wird, fahre ich einfach weg. Meine Vorderleute besorgen das dann, nehmen den Gegner auch manchmal in den Schwitzkasten.“
Im Eisstadion am Pulverturm in Straubing ging es auch hitzig zu, Stettmer kennt die Atmosphäre in seiner Geburtsstadt nur zu gut. „Straubing hat es uns nicht leicht gemacht. Wir mussten um jeden Meter fighten, mussten immer da sein“, sagte er. Für ihn sei es „ein komisches Gefühl“ gewesen, am Pulverturm die Eishalle zu betreten. „Bei den Tigers gibt es zwar keine Spieler mehr, die mit mir in Straubing mit dem Eishockey begonnen haben, aber ich sehe unter den Zuschauern oft Gesichter, die ich von früher kenne.“ Auch aus seiner eigenen Familie und seinem Freundeskreis. Dort habe es einen Zwiespalt gegeben, wie Stettmer verriet: „Einerseits gönnen sie es mir und freuen sich, wenn ich gut spiele. Andererseits halten sie zu den Tigers. Das nehme ich ihnen natürlich nicht übel.“
Auf dem Weg zu seinem dritten DEL-Finale und seinem zweiten Titel kann Jonas Stettmer keine Rücksicht auf die Fan-Vorliebe seiner Familie nehmen. Zumal er jetzt als vorläufige Nummer eins noch mal eine andere Verantwortung trägt. Die Berliner Verantwortlichen hoffen, dass diese neue Erfahrung aus dem hochtalentierten Profi einen noch besseren Torhüter macht. Medienberichten zufolge läuft Stettmers Vertrag bei den Eisbären offiziell am Saisonende aus. Doch spätestens jetzt sollte eine Verlängerung des Kontrakts ganz oben auf der To-do-Liste der Club-Bosse stehen.