Einmal im Jahr wird die Lanxess-Arena in Köln zur Kathedrale des Handballs, wenn beim Endrundenturnier der besten europäischen Vereine der Champion gekürt wird. Am 14. und 15. Juni ist es wieder Zeit für Gänsehaut-Atmosphäre.
Die Füchse Berlin trennen nur noch die zwei Viertelfinalpartien gegen Aalborg Håndbold (24. und 30. April) von der Rückkehr an diesen magischen Ort. Im Mai 2012 bei ihrer Premiere in der Champions League waren die Berliner nach einer bravourösen Saison gleich bis ins Final Four durchgestartet. Am Ende wurden sie hinter dem THW Kiel, Atletico Madrid und AG Kopenhagen Vierte. Diese Erinnerungen spielen für Trainer Jaron Siewert keine Rolle, wie er beim Gespräch mit FORUM sagt. Zum einen lag für den damaligen Nachwuchsspieler die Trainerlaufbahn noch in weiter Ferne, zum anderen ist sein Fokus voll auf die Spiele gegen den dänischen Meister gerichtet. „In der Runde der besten acht Mannschaften Europas entscheiden letztlich Kleinigkeiten über das Weiterkommen“, sagt der 31-Jährige. „Wir können ein erfolgreiches Viertelfinale spielen, wenn wir bei uns bleiben und konzentriert sind“. Die Berliner starteten zwar in den vergangenen Jahren regelmäßig international, gewannen im zweiten europäischen Handball-Wettbewerb, der European League, auch dreimal den Titel. Die Unterschiede zur höherwertigen Champions League sind für Siewert, der den Bundesligisten seit 2020 anleitet, jedoch erkennbar. „Das Messen mit den Top-Teams auf allerhöchstem Niveau hat einen Reifeprozess angestoßen“, analysiert er. „Durch die höhere Spielqualität werden alle besser, auch ein Mathias (Gidsel, Anm. d. Red.) und ein Lasse (Andersson, Anm. d. Red.)“. Etwas Besonderes sind die Spiele in der Königsklasse natürlich für junge Spieler wie Lasse Ludwig, Tim Freihöfer und Matthes Langhoff, der es auf den Punkt bringt. „Diese Mannschaften kannte man vorher nur aus dem Fernsehen. Im Moment sind die Spiele Alltag. Ich denke aber, später im Rückblick wird erst richtig deutlich werden, was wir da erlebt haben“.
Höhere Spielqualität tut allen gut
Die bisherige Bilanz der Füchse in der europäischen Eliteklasse kann sich sehen lassen. Nach 16 Spielen schlagen elf Siege und nur fünf Niederlagen zu Buche. Für lange Zeit in Erinnerung bleiben werden die siegreichen Auftritte bei den Spitzenclubs Paris Saint Germain und KC Veszprem/Ungarn. Die Berliner haben im laufenden Wettbewerb mit 539 die meisten Tore aller Mannschaften geworfen. Mit einer Quote von 73,4 Prozent sind sie auch das effektivste Team. Dazu stehen mit Gidsel und Andersson zwei „Füchse“ auf den ersten beiden Plätzen bei den aus dem Spiel heraus erzielten Toren. Ihre gewachsene Qualität demonstrierten die Füchse jüngst erneut eindrucksvoll bei der Qualifikation fürs Viertelfinale. Nach dem 33:27 Auswärtssieg bei KS Kielce reichte ein 37:37 daheim zum Weiterkommen. In einem temporeichen Rückspiel stemmte sich die Mannschaft erfolgreich gegen die Aufholjagd des äußerst körperlich agierenden polnischen Top-Teams. Welthandballer Gidsel erlebte dabei „das wahrscheinlich härteste und schwerste Spiel meiner Karriere“. Leider verletzten sich Fabian Wiede und Tim Freihöfer. Beide werden jetzt gegen Aalborg fehlen.
Die Dänen konnten die Qualifikationsrunde auslassen, da sie als Zweiter ihrer Vorrundengruppe direkt das Viertelfinale erreicht hatten. „Sie spielen den typischen dänischen Handball“, charakterisiert Lasse Andersson, der wurfstarke Rückraum-Linke, den Stil seiner Landsleute. „Sie agieren sehr variabel, lassen den Ball oft zirkulieren, gehen häufig in 1:1-Situationen und haben zwei starke Torhüter.“ Seit Jahren ist Aalborg Stammgast in der Champions League, stand im vergangenen Jahr zum zweiten Mal nach 2021 im Finale. Das Team aus der 120.000-Einwohner-Stadt im Norden Jütlands vereint aktuelle oder ehemalige Nationalspieler aus Dänemark, Norwegen, Schweden, Portugal und Slowenien sowie vielversprechende Talente. So lässt Torhüter Niklas Landin Jacobsen, wie Mathias Gidsel zweimal als Welthandballer ausgezeichnet, nach elf Jahren in Deutschland seine Karriere in Aalborg ausklingen. Wobei „ausklingen“ angesichts der unveränderten Klasse des 2,01 Meter großen Dänen wohl das falsche Wort ist. Im Februar kehrte der norwegische Superstar Sander Sagosen nach Aalborg zurück, wo er zwischen 2014 und 2017 spielte, und machte seine Ambitionen deutlich. „Ich hoffe sehr, dass ich dazu beitragen kann, dass der Verein sein Ziel erreicht, nicht nur die dänische Meisterschaft, sondern auch die Champions League zu gewinnen.“ Im Sommer wird der deutsche Nationalspieler Juri Knorr die Zahl internationaler Stars weiter erhöhen. Aalborg Håndbold übt aber nicht nur auf die Etablierten eine große Anziehungskraft aus.
Partien fallen in ungünstige Zeit
Mit den Rückraumspielern Mads Hoxer Hangaard (24) und Thomas Sommer Arnoldsen (23) verfügt der Verein über zwei der größten Talente des dänischen Handballs. Beide dürfen sich schon Weltmeister nennen. Die Entwicklung des vor 25 Jahren entstandenen Spitzenclubs wäre nicht möglich ohne die finanzielle Unterstützung des Multimillionärs Eigild B. Christensen, dem rund 60 Prozent gehören. Er formulierte bereits im vergangenen Jahr die gewachsenen Ansprüche. „Alles in allem ist das Ziel für diese Saison, genau wie für die vergangene, dass wir auf nachhaltiger finanzieller Basis in allen Wettbewerben, an denen wir teilnehmen, Titel gewinnen.“ Die Partien gegen Aalborg fallen für die Füchse in eine auch für die deutsche Meisterschaft entscheidende Phase. Dem Spiel beim THW Kiel folgt am Ostersonntag das Duell gegen Hannover Burgdorf. Bei Erfolgen nimmt man den Schwung mit in die Champions League, bei Niederlagen könnte der Club in der Bundesliga und im internationalen Wettbewerb am Ende mit leeren Händen dastehen. Damit hat sich Jaron Siewert auch beschäftigt. „Wenn man den Gedanken zulässt, etwas zu verlieren, hat man schon verloren. Wir sagen aber, wir wollen was erreichen, nach vorn agieren. Wir wollen diese Mentalität entwickeln und ich denke, wir sind dabei auf einem guten Weg.“