Jerome Müller zieht es in die Berge. Der 28-jährige Handball-Profi aus dem Saarland sucht beim schweizerischen Pokalsieger HC Kriens-Luzern eine neue Herausforderung.
Seit 2015 spielt Jerome mindestens in der 2. Handball-Bundesliga. Nach drei Jahren bei der HG Saarlouis wechselte er im Jahr des Abstiegs aus dem Unterhaus ins Oberhaus, die „stärkste Handballliga der Welt“, zu den Eulen Ludwigshafen. 2020 zog es ihn zum TVB Stuttgart und 2023 zu seinem aktuellen Verein, der HBW Balingen-Weilstetten. Ab Sommer 2025 geht er für den schweizerischen Erstligisten HC Kriens-Luzern auf Torejagd.
Die Quali allein war ein „absolutes Highlight“
„Jerome ist ein toller Mensch, mit dem ich gerne zusammenarbeite und der durch seine Spielfreude unser Angriffsspiel extrem bereichert. Ich respektiere natürlich seinen Wunsch, sich zu verändern und neue Herausforderungen zu suchen, und bin fest überzeugt, dass wir auch weiterhin bis zum Ende der Saison auf seine menschlichen und sportlichen Qualitäten bauen können“, sagt sein aktueller Trainer Matti Flohr über den Linkshänder. Zwar musste er zuletzt wegen einer Adduktorenreizung auf seinen Schützling verzichten, doch gerade noch rechtzeitig vor dem Finalturnier um den DHB-Pokal am vergangenen Wochenende meldete sich Müller fit. Und wie: Mit einer bärenstarken Leistung, sieben Treffern und vier Torvorlagen wurde er zum Spieler des Spiels um Platz 3 gewählt. Das hatte seine HBW als krasser Außenseiter sensationell mit 33:31 gegen die Rhein-Neckar-Löwen gewonnen und sich die Bronzemedaille gesichert. Rekord-Pokalsieger THW Kiel (13 Titel) sicherte sich die Trophäe mit einem 28:23-Sieg über den Bundesliga-Zweiten MT Melsungen, gegen die Müller und Co. trotz eines couragierten Auftritts im Halbfinale mit 27:31 verloren hatten. „Das war unbeschreiblich. Man hat schon im Vorfeld gemerkt, dass das für den ganzen Verein, ganz Balingen etwas ganz Besonderes war“, schwärmt Müller und weiß: „Allein, dass wir uns qualifizieren konnten, war schon ein absolutes Highlight. Wobei man auch zugeben muss, dass wir etwas Losglück hatten. Aber danach fragt heute keiner mehr. Jetzt haben wir sogar Bronze geholt, das ist komplett irre.“ Für das Event in der Kölner Lanxess-Arena hatte sich der Zweitligist nach Siegen über Erstligist HSG Wetzlar (34:32), Drittligist HC Empor Rostock (36:28) und Ligakonkurrent HSC Coburg (38:33) qualifiziert.
Auch wegen des großen Zusammenhalts ist Jerome Müller die HBW Balingen-Weilstetten über die vergangenen zwei Jahre ans Herz gewachsen. „Hier ist alles sehr familiär und bodenständig. Die Halle ist superlaut, das macht mir immer sehr viel Spaß, dort zu spielen“, erzählt er von der berüchtigten Heimspielstätte Mey Generalbau Arena, der sogenannten Hölle Süd: „Die Verantwortlichen schaffen es, ein Umfeld zu kreieren, in dem sich die Spieler wirklich wohl fühlen. Man kann hier sehr befreit Handball spielen, und das hat Spaß gemacht.“
Trotzdem trennen sich im Sommer die Wege. „Mein Vertrag läuft im Sommer aus, und wir wollten uns einfach mal alles anhören, was so reinkommt, und dann eine Entscheidung fällen“, erklärt Müller. Mit „wir“ meint er seine Frau Margarita, mit der er seit Dezember 2024 verheiratet ist. Die Hochzeitsfeier wird allerdings noch nachgeholt. Bevor es Anfang Juni in die Schweiz geht, soll noch eine große Party steigen. „Ich war schon kurz davor, wieder einen Vertrag in Deutschland zu unterschreiben. Dann kam irgendwann noch der Anruf aus Luzern“, berichtet Müller. Das Gesamtpaket war „einfach superattraktiv“, der Verein wolle „wirklich etwas bewegen“. Und zwar über den Hallenneubau und die Teilnahme an der Qualifikation zur European League hinaus: „In den vergangenen Jahren haben die etwas aufgebaut und wollen spätestens mittelfristig den Serienmeister, die Kadetten Schaffhausen, als Nummer eins angreifen“, verrät Müller und gibt zu: „Außerdem ist das einfach ein wunderschöner Fleck Erde da unten.“
Bereits 73 Tore in 20 Einsätzen
Sein Vertrag mit dem HC Kriens-Luzern läuft über zwei Jahre. Bis auf den Torwarttrainer Gorazd Škof, mit dem er schon bei den Eulen in Ludwigshafen zusammengearbeitet hatte, kennt er noch niemanden von seinem neuen Team. Aber klar ist schon jetzt: Als erfahrener Spieler soll Jerome Müller das junge Team mit anführen und freut sich schon auf diese verantwortungsvolle Rolle. Als Co-Kapitän in Balingen sammelt er derzeit erste Erfahrungen mit einer solchen: „Ich habe Bock, das auch in Luzern anzunehmen und zusammen mit den Jungs meine ersten Titel zu feiern“, sagt er. Nach der Premiere vor zwei Jahren wurde die junge Truppe auch im laufenden Jahr schweizerischer Pokalsieger. Eine Titelverteidigung würde Müller daher gut schmecken. „Schweizer Meister waren sie noch nicht“, gibt er auch schon das nächste Ziel aus. Vielleicht schaffen sie es ja schon dieses Jahr, die Kadetten vom Thron zu stoßen. „Ansonsten darf das natürlich gerne in den nächsten ein, zwei Jahren passieren“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Außerdem hofft der 28-Jährige auf die European-League-Qualifikation. Ein paar Auslandsreisen Richtung Spanien, Kroatien, Dänemark, Norwegen oder wohin auch immer mitzuerleben, fände er „sehr interessant und aufregend“.
Bevor er sich dem internationalen Parkett widmen kann, hat er bis zum Saisonende noch einiges vor. Für Jerome Müller persönlich läuft die aktuelle Saison – abgesehen von der jüngsten Zwangspause – „sehr in Ordnung. Ich bin gut reingekommen, hatte im Herbst zwar mit Infekten zu kämpfen, aber seit dem Jahresende habe ich mich super gefühlt und es lief auch ganz gut.“ 73 Tore hat er bei 20 Einsätzen erzielt und bildet mit Rechtsaußen Sascha Pfattheicher – mit 173 Treffern in 26 Spielen bester Torjäger der Liga – eine starke rechte Seite. Auch wegen den beiden könnte die HBW die unverhofft gut laufende Runde noch mit dem Wiederaufstieg in die Bundesliga veredeln. „Nach der guten Hinrunde haben wir in der Mannschaft – eigentlich im ganzen Verein – gespürt: Wir können das noch schaffen, lasst uns angreifen“, erinnert sich Müller. Die „Gallier“ rangieren derzeit auf Platz vier und haben bei einem Spiel mehr nur zwei Punkte Rückstand auf einen Aufstiegsplatz. Doch die zuletzt vier Auswärtsniederlagen in Folge setzten der Stimmung zu. „Wir wollen jetzt erst einmal wieder die Leichtigkeit finden, um damit wieder besser Handball zu spielen und unsere Punkte zu sammeln“, gibt Müller die Marschrichtung für die nächsten Wochen aus und hofft: „Wir wissen, dass der Aufstieg nicht mehr in unserer Hand liegt, aber wenn die Konkurrenten mal die Tür offenstehen lassen, dann wären wir blöd, wenn wir nicht reingehen.“