In der besten Basketball-Liga der Welt beginnt die Crunchtime. Auch einige deutsche Profis haben es in die K.-o.-Runde geschafft. Die größten Titelchancen besitzt einer, der zuletzt im Nationalteam außen vor war.
Bevor es in der NBA so richtig spannend wird, flog Bundestrainer Alex Mumbrú für eine Stippvisite über den großen Teich. Detroit, Orlando, Oklahoma und New York standen auf seinem Reiseplan, denn der Spanier wollte „mit allen deutschen Spielern sprechen“, die in der besten Basketballliga der Welt ihr Geld verdienen. Mumbrú wollte sich ein Bild davon machen, wie die deutschen NBA-Stars zu einem Start bei der Europameisterschaft im kommenden Sommer in Lettland, Finnland, Polen und Zypern stehen. Anders als viele seiner Vorgänger musste er aber gar nicht so sehr als Bittsteller auftreten, denn die Leistungsdichte in der Nationalmannschaft ist enorm und die Aussicht auf Erfolg auch für NBA-Profis verlockend. Zwei Jahre nach dem überraschenden WM-Triumph kann die DBB-Auswahl mit einem EM-Sieg die Titelvereinigung schaffen.
Ein Kunststück, das Bundestrainer Mumbrú einst mit Spanien gelang. Er weiß, dass für Erfolg körperliche und mentale Frische wichtig ist. Von daher wird der Bundestrainer die ab dem 19. April startenden Play-offs in der NBA zwiegespalten verfolgen. Auf der einen Seite wünscht er den deutschen Profis natürlich ein möglichst erfolgreiches Abschneiden. Auf der anderen Seite wäre ein früheres Saison-Aus für die Ambitionen der Nationalmannschaft sicher nicht hinderlich. Schon im Play-In-Turnier vom 15. bis zum 18. April drohte einigen deutschen Profis das Ende aller Titelträume.
Franz Wagner, Moritz Wagner, Tristan da Silva
Jeder Profi des deutschen Trios bei den Orlando Magics hat einen höchst unterschiedlichen Status. Unumstrittener Leistungsträger ist Franz Wagner, der zusammen mit Paolo Banchero der beste Scorer ist und auch defensiv eine entscheidende Rolle spielt. Er war es auch, der Orlando zu einem souveränen Sieg gegen die Boston Celtics und damit zu Rang sieben in der Eastern Conference geführt hat. Dadurch erhielt sein Team im Play-In durchgehend Heimrecht.
Sein vier Jahre älterer Bruder Moritz Wagner steht zwar nicht so sehr im Rampenlicht, wird aktuell aber dennoch schmerzlich vermisst. Der vielseitig einsetzbare Profi fällt seit seinem Kreuzbandriss im Dezember aus, und plötzlich erkennen auch Kritiker seinen Wert für die Mannschaft. Als sicherer Schütze – auch von der Drei-Punkte-Marke –, fleißiger Teamplayer und auch wortstarker Anführer hat Wagner bis zu seiner schlimmen Verletzung überzeugt. Aber reicht das, damit die Bosse der Franchise die im Vertrag festgehaltene Option auf eine Verlängerung um ein Jahr ziehen? Moritz Wagner will aktuell darüber nicht nachdenken. „Der Rest passiert irgendwie schon, weil es in diesem Business ganz normal ist“, sagte er: „Wenn ich mir darüber den Kopf zerbreche, fehlt mir die Energie für mein Knie und die Heilung.“
Die Verletzungsmisere bei Orlando war ein Glücksfall für Tristan da Silva. Der dritte Deutsche im Kader kam so in seiner Rookie-Saison auf mehr NBA-Minuten als gedacht – und die konnte er für sich nutzten. Der 23-Jährige kam bis Ende März auf sieben Punkte im Schnitt und überzeugte mit seinem abgeklärten und mannschaftsdienlichen Spiel. Da Silva wurde von Magic beim NBA-Draft an 18. Position gezogen, was der Club später mit dem hohen Spielverständnis und der Flexibilität des gebürtigen Müncheners begründeten. Da Silva ist zudem auch lernwillig – vor allem, wenn ihn die Wagner-Brüder beiseite nehmen. „Ich bekomme regelmäßig Feedback, viele Tipps und wertvolle Einblicke. Franz und ich haben eine ähnliche Spielweise und sind in einer ähnlichen Ausgangssituation, was den Austausch besonders hilfreich macht. Moritz nimmt mich unter seine Fittiche und unterstützt mich mit seiner Erfahrung“, sagte da Silva. Auch sein Bruder Oscar da Silva, der in der Basketball-Bundesliga für Bayern München aufläuft, dürfte stolz sein.
Dennis Schröder
Sein Wechsel mitten in der Saison von den Golden State Warriors zu den Detroit Pistons fand der Nationalmannschaftskapitän alles andere als gut. Das Trade-System im nordamerikanischen Profisport, bei dem fast alle Athleten kein Mitspracherecht besitzen, sei für ihn „moderne Sklaverei“, echauffierte sich Schröder. Der ganz große Ärger dürfte mittlerweile aber verraucht sein, denn der 31-Jährige hat sich – zumindest sportlich – gut in seiner neuen Heimat eingelebt. Schröder kommt in Detroit zwar oft nur von der Bank, dann aber meist mit einem spürbaren Input. Auch deswegen zog Detroit erstmals seit 2019 wieder in die Play-offs ein. Das Kellerkind der Vorsaison wird ligaintern wieder ernst genommen, weil der Kader über mehr Qualität auch in der Tiefe besitzt. Schröder ist dafür das beste Beispiel. „Das ist eine Riesensache“, sagte Coach J.B. Bickerstaff über den vor der Saison nicht wirklich erwarteten Play-off-Einzug: „Das ist eine großartige Gelegenheit für das Team, zu sehen, was wir gemeinsam erreichen können.“
Unumstrittener Star des Teams ist der junge Cade Cunningham, der aber auch zu Schröder aufschaut. „Er ist smart und kann etwas mit dem Ball anfangen“, sagte Cunningham über den WM-MVP. Sollten sich die Gegner in den Play-offs wie erwartet noch mehr auf Cunningham konzentrieren, ist Schröder gefragt. Er bringt die Klasse und Erfahrung mit, um in den entscheidenden Momenten Verantwortung in spielerischer Hinsicht zu übernehmen. Kämpfen und verteidigen können viele im Kader der Franchise aus der „Motor City“.
Isaiah Hartenstein
Der Deutsch-Amerikaner besitzt zweifelsohne die größten Titelchancen unter den deutschen NBA-Profis in dieser Saison. Mit den Oklahoma City Thunder schwang sich der 26-Jährige zu einem der Favoriten auf, in der Western Conference waren sie mit Abstand das erfolgreichste Team. Was für ein mögliches Finale besonders Hoffnungen macht: Die Bilanz gegen Teams aus dem Osten lautet 29:1. „Es ist eine gut zusammengestellte Truppe, und es macht einfach Spaß, ihnen zuzugucken“, sagte Franz Wagner von den Orlando Magic. Oklahoma besticht mit einer treffsicheren Offensive um MVP-Kandidat Shai Gilgeous-Alexander, der mit seinem 70. Spiel mit mindestens 20 Punkten hintereinander sogar NBA-Legende Michael Jordan überholen konnte.
Doch noch imposanter ist die Defensivarbeit des gesamten Teams. Hier spielt auch Hartenstein als Bankspieler eine starke Rolle. In der aktuellen Form ist der 19-malige Nationalspieler auch wieder ein Kandidat für die DBB-Auswahl – doch da gibt es ein Problem. Hartenstein will auf jeden Fall bei Olympia 2028 in Los Angeles dabei sein, für die EM in diesem Sommer und die WM 2027 will er eine Startzusage nicht geben. Das bringt ihm reichlich Kritik ein. „Die Tür für Rosinenpickerei“ sei beim Deutschen Basketball-Bund eigentlich zu, sagte zum Beispiel Ex-Nationalspieler Per Günther.
Maximilian Kleber
Der 33-Jährige war Teil des spektakulären Trades um Luka Doncic, doch anders als der Superstar konnte Kleber sein Können bei den Los Angeles Lakers bis zum Ende der Hauptrunde nicht unter Beweis stellen. Nach seinem Fußbruch im Januar kämpfte sich der Abwehr-Allrounder zwar schrittweise heran, doch ob er noch in den Play-offs zum Einsatz kommt, ist fraglich. Dabei könnten die Lakers um die Ausnahmekönner Doncic und LeBron James den deutschen Profi gut gebrauchen, schließlich gibt es auf der Center-Position ein größeres Problem. Ein Titelgewinn der Lakers käme überraschend, die Teams aus Oklahoma und Cleveland traten bislang deutlich stabiler auf.
Doch natürlich können Doncic und James im Alleingang Spiele und damit auch Meisterschaften entscheiden – sofern sie in Topform sind. Doncic scheint zumindest seinen ungeplanten Abschied von seinem Herzensort Dallas inzwischen emotional verkraftet zu haben, auch körperlich ist er wieder deutlich fitter. In gewissen Momenten war sie auch schon zu sehen, die spezielle Magie, die von ihm und LeBron James im Zusammenspiel ausgehen kann. „Luka ist schon seit einiger Zeit mein Lieblingsspieler in der NBA“, sagte der 40-jährige James. Er habe während seiner ruhmreichen Karriere immer auch versucht, „die nächste Generation zu inspirieren, und Luka ist zufällig einer von ihnen, und jetzt sind wir Teamkollegen“. Und bald auch gemeinsam Meister?
Ariel Hukporti
Der Stralsunder ist sicher der unbekannteste deutsche NBA-Profi. Der Center unterschrieb im November einen Zweijahresvertrag bei den New York Knicks, die es in der Eastern Conference sicher in die Play-offs geschafft haben. Der 110-Kilogramm-Hüne Hukporti erfüllte seine Aufgaben als Ersatzspieler weitestgehend überzeugend – bis ihn Ende Februar ein Meniskusriss im linken Knie stoppte. Eine Rückkehr war für Mitte April anvisiert, doch fraglich ist, ob die Knicks ihn für die Crunchtime wirklich wieder in den Profikader hochziehen. Viel hängt von der Personallage ab. Klar ist, dass der 22-Jährige in seinem ersten Jahr in der NBA sehr viel lernen durfte und auch musste. „Ich war zwar als Jugendlicher öfter in Amerika, aber ich hatte hier vorher nie ein richtiges Spiel absolviert“, sagte er. Er habe gemerkt, „wie rasend schnell es zur Sache geht, weniger taktisch, mit viel mehr frei gewählten Offensivaktionen“. Zuvor war Hukporti als sogenannter Weltenbummler unterwegs, der unter anderem in Deutschland, Litauen und Australien gespielt hat. Der Schritt in die NBA ist für den Center groß, zumal die Knicks zu den Topteams zählen und sich durchaus Hoffnungen auf den Titel machen dürfen. Offensiv ist das Team von Tom Thibodeau bärenstark, taktisch lassen die Spielerprofile im Kader einige Varianten zu.