Wildtierflüsterer und Wanderguide Wolfgang Schreil gilt im Bayerischen Wald als Unikum. Kinder kennen ihn auch als Woid Woife (Waldwolf) aus TV-Serien bei KiKa, Arte und ARD. Einmal hat er es mit Ostsee-Urlaub versucht – und kam nach drei Tagen genervt zurück.
Diesen Mann zu porträtieren, ist eine kleine Herausforderung. Denn ehe er seine heutige Berufung fand, probierte er im Leben viel aus: Wolfgang Schreil war unter anderem Türsteher, Totengräber, Deutscher Meister im Steineheben sowie Bodybuilder. Heute ist der Hüne aus dem Bayerischen Wald einer der größten Tier- und Naturschützer seiner Heimat. Viel besser als mit dem Tod kennt er sich mit dem Leben aus – vor allem im Arberland rund um Bodenmais, wo er aufwuchs und wo er bis heute wohnt.
Kleine Waldfans kennen Wolfgang Schreil, Spitzname Woid Woife (bayerisch für Waldwolf), auch aus dem Kinderfernsehen. Hier wurde er in der preisgekrönten TV-Serie „Anna und der wilde Wald“ (KiKa und Bayerischer Rundfunk) sowie im Film „Vom Woife und dem Wald“ zum Star, der Tieren viel näher kommt als unsereins. Damit hatte er gleich den nächsten Namen weg: Wildtierflüsterer.
Fotograf, Buchautor und Wanderführer ist Schreil aber auch noch. Viele würden seine Heimatregion arg unterschätzen, wie er findet: „Hätten wir gewusst, wie schön es bei euch ist, wären wir früher gekommen“, höre er oft von Gästen, die den Bayerischen Wald bislang nicht auf dem Zettel hatten. „Urlauber finden bei uns Ruhe und gesunde Luft in einem der letzten Naturparadiese Deutschlands. Wir haben so gut wie keine Kriminalität, dafür einen herzlichen Menschenschlag. In der Tiefe unserer Wälder triffst du manchmal stundenlang keine Menschenseele“, schwärmt der Lokalpatriot, der schon mal drei Tage auf der Lauer liegt, um eine Rötelmaus vor seine Kameralinse zu bekommen. Einmal wollte Wolfgang Schreil mit seiner Frau Urlaub an der Ostsee machen. Doch nach nur drei Tagen kam er zurück, weil er es ohne Wald und Tiere nicht aushielt. Lange Strandspaziergänge und Ostseebrise müssten nun wirklich nicht sein, sagt der Tausendsassa augenzwinkernd. Auch mit Karibik oder Mittelmeer brauche man ihm nicht zu kommen.
Naturbegeisterte können den Wildtierflüsterer nicht nur auf der Fernsehmattscheibe sehen, sondern auch ganz leibhaftig auf seinen geführten Wanderungen rund um den Großen Arber (1.455 Meter). In der eigens konzipierten Woid-Woife-Welt versucht der stämmige Bayer vor allem Familien und Kindern Wald und Tier näherzubringen. Ein Stadt-Land-Gefälle in Sachen Naturwissen könne er dabei nicht ausmachen: „Ich hatte hier schon Berliner, die sich hervorragend auskannten, und andersherum Einheimische, die wenig wussten“, sagt der 49-Jährige. Selbst mancher Pädagoge glänze nicht unbedingt mit Biologie-Wissen. So habe eine Lehrerin ihren Schülern mal erklärt, ein Reh sei „die Frau des Hirsches“.
Doch der Woid Woife hat noch Hoffnung. Denn das Interesse für seine Wanderungen wachse stetig. Gab es früher Monate ohne Touren (unter anderem November und Dezember), starte er diese mittlerweile ganzjährig. „Seit acht Jahren mache ich das in dieser Form. Seit sieben Jahren gibt es häufig sogar Wartelisten für meine Wanderungen“, sagt Wolfgang Schreil, der immer öfter auch Gäste aus dem benachbarten Tschechien bei seinen Ausflügen begrüßt. Einer der Gründe: „Eins meiner Bücher erschien auch auf Tschechisch“, so die Info des Wildhüters aus Bodenmais. Unterwegs ist er beispielsweise unterhalb des Silberbergs, wo ein Natur-Entdeckerpfad auf 1,5 Kilometern zwölf Stationen mit Info-Tafeln verbindet. Kneipp-Becken und Bohlenwege übers Feuchtbiotop gehören dazu.
„Ich bin im Wald passiv und still“
Angefangen habe für ihn alles mit den Waldausflügen seiner Mutter: „Im Wald war ich von klein auf und hab mich hier immer sehr wohl und geborgen gefühlt. Bereits mit vier Jahren stand ich das erste Mal auf unserem Silberberg.“ Überregional wahrgenommen wurde Wolfgang Schreil zunächst über seine Tierfotografie. „Ich bin weder studierter Biologe noch Forstbeamter oder Naturwissenschaftler. Vor allem über meine Bilder konnte ich also Aufmerksamkeit für Wald und Tier erzielen“, sagt der Mann, der mit 15 Jahren seinen ersten eigenen Fotoapparat in den Händen hielt. Er sei ja ansonsten nur ein einfacher Mann und Naturbeobachter, stapelt der Woid Woife tief. Zeitweise lebe er in einem Bauwagen unweit des Großen Arber, für ihn der perfekte Rückzugsort mitten im Wald.
Doch wie schafft er es, einen so kurzen Draht zu Waldtieren herzustellen, dass sie ihm sogar aus der Hand fressen? Es seien vor allem Ruhe und Respekt vor der Natur, die er ausstrahle. „Ich bin im Wald passiv und still, nicht aktiv. Ich zeige den Tieren so, dass ich nichts Böses will, mache also genau das Gegenteil von dem, was die meisten in der Natur tun“, lächelt der sympathische Bayer.
Andere Ecken Deutschlands kenne er nicht besonders gut, wohl aber etliche Naturschützer und Naturfotografen. Dreharbeiten und TV-Talks hätten ihn immerhin schon in Fernsehstudios des Norddeutschen Rundfunks geführt, wo ihn unter anderem Moderatorin Bettina Tietjen interviewte. Das Gespräch mit einem Reporter aus der Region Berlin-Brandenburg sei für ihn gewissermaßen Neuland, lächelt Wolfgang Schreil, der in Bayern eine kleine Berühmtheit ist.
Hobbys hat der Bodenmaiser keine, wie er sagt. „Dazu fehlt mir schlicht die Zeit. Mein Hobby ist mein Beruf.“ Freie Zeit verbringe er am liebsten mit seiner Frau, sagt der Woid Woife. „Wir schauen abends fern oder machen ein Spiel. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich meine Sabine sehe. Ich bin ein glücklicher Mensch und wünsche mir, dass alles so bleibt, wie es ist. Wer lieben darf und geliebt wird, hat es doch gut getroffen“, sagt Wolfgang Schreil, der mit seiner Partnerin seit 28 Jahren verheiratet ist. Sie managt seit Langem seine Termine, ist zu erfahren. Ohne sie wäre er nicht der Woid Woife, der er heute ist.
In der neuen Doku „Vom Woife und dem Glück“ (ARD-Mediathek), die Ende vergangenen Jahres ausgestrahlt wurde, ist auch Ehefrau Sabine zu sehen. Genauso wie Schreils guter Bekannter und Freund, der Komiker Bülent Ceylan. Der erste Film „Vom Woife und dem Wald“ (ARD-Mediathek) wurde laut Wolfgang Schreil 25-mal im Ersten und den dritten Programmen wiederholt. Respekt gebührt dem Mann, der im Interview selbst voller Respekt und Demut gegenüber Mensch und Natur spricht: „Ich gehe immer vom Besten aus. Bei jedem Lebewesen, egal, ob Mensch oder Tier.“ Schreils Mahnung: „Was man liebt, soll man schützen!“