Diskus-Ass Mykolas Alekna hat Leichtathletik-Geschichte geschrieben: In einem beispiellosen und erstklassigen Wettkampf warf der Litauer bei der Verbesserung seines eigenen Weltrekordes als erster Mann über die 75 Meter – der erfolgreiche Umgang mit der Scheibe liegt in seiner Familie.
Ramona“ heißt einer der langlebigsten Evergreens der Schlagergeschichte, avancierte aber spätestens am Palmsonntag zum Mekka der Diskus-Weltelite. Das 500-Einwohner-Örtchen rund 200 Kilometer nordöstlich von Oklahoma City genießt bereits seit mehreren Jahren aufgrund optimaler Bedingungen für extrem weite Würfe mit der flachen Scheibe einen exzellenten Ruf in der Szene. Eine Woche vor Ostern nun entpuppte sich das Steppendorf bei seinem „World Invitational“-Einladungswettbewerb buchstäblich als Rekordschmiede.
Vor allem für Mykolas Alekna erwies sich der rund um Ramona oft ausgesprochen günstig wehende Wind sprichwörtlich als himmlisches Kind. Der berühmte Luftzug von Ramona trug seinen Diskus auf sagenhafte 75,56 Meter – als erster Mann hatte der Litauer damit über die 75-Meter-Marke geworfen. Der erst 22 Jahre alte Olympia-Zweite und Ramona – es passte einfach. Fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor hatte Alekna an gleicher Stelle schon einmal Sportgeschichte geschrieben, als der Balte den bis dahin ältesten Männer-Weltrekord der Leichtathletik knackte: Mit 74,35 Meter warf Alekna 27 Zentimeter weiter als der deutsche Seoul-Olympiasieger Jürgen Schult fast 38 Jahre zuvor in Neubrandenburg. Doch damit nicht genug. Folgendes zeugt ebenfalls von Aleknas besonderer Bindung zu Ramona: Zwölf Monate später löschte der 1,94-Meter-Hüne bei seiner Rückkehr nach „Throw Town“ – in der Einöde von plattem Land und einer Handvoll Sträuchern wirkt der Diskusring wie ein Fremdkörper – seine Bestmarke von 2024 gleich im ersten Versuch mit 74,89 Meter aus, um mit seinem vierten Wurf ein neues Kapitel Diskus-Geschichte zu schreiben.
Frauen-Diskus leichter als der der Männer
Im Normalfall wären Statistiker durch das historische „Double“ des Kraftpaktes aus der litauischen Hauptstadt Vilnius fünf Monate vor der WM in Tokio schon ausreichend beschäftigt gewesen. Doch beim „Ramona Roar“ glänzten noch weitere Werfer: Der australische Olympia-Dritte Matthew Denny übertraf auf der ungeschützten Anlage ohne Tribünen nach Aleknas Einstieg in den Wettbewerb ebenfalls die Rekordweite aus dem Vorjahr. Der deutsche Meister Clemens Prüfer steigerte sich auf Platz vier mit seinem ersten 70-Meter-Wurf (71,01 Meter) und übertraf seine persönliche Bestweite wiederum dank des Windes gleich um fast zwei Meter. „Was so ein ‚bisschen‘ Wind ausmachen kann“, kommentierte der gebürtige Rostocker seine Glanzleistung. Prüfer trug außerdem zum Rekord des ersten Diskus-Wettkampfes mit Würfen über die 70-Meter-Marke von gleich fünf Teilnehmern bei. Zugleich wirbelte der 27-Jährige auch nationale Rankings durcheinander. Denn Prüfer verdrängte durch seinen Hausrekord in der ewigen deutschen Bestenliste kurzerhand London-Olympiasieger und Ex-Weltmeister Robert Harting (70,66 m) von der vierten Position.
Besonderes lag bereits am Tag vor dem 70-Meter-Festival über Ramona: Mit 73,52 Meter hatte 24 Stunden später im Frauen-Wettbewerb die US-Olympiasiegerin Valarie Allman ihr Wurfgerät die beste Weite seit 1989 erzielt. Allmans neuer Landesrekord war erst der zweite Wurf einer Athletin in den vergangenen 36 Jahren über 72 Meter. Zuvor war das Kunststück einzig der Kubanerin Yaimé Pérez gelungen – vor Jahresfrist natürlich ebenfalls in Ramona. Den Frauen-Weltrekord hält weiterhin die Lausitzerin Gabriele Reinsch. Die frühere Hochspringerin und Kugelstoßerin schleuderte ihren Diskus im Juli 1988 in Neubrandenburg auf die seitdem und bis heute unerreichte Weite von 76,80 Meter.
Die Weite der Frauen-Bestmarke gegenüber Aleknas Fabelwürfen der vergangenen zwölf Monate lässt sich einfach erklären. Die Scheibe der Frauen ist bei einem Gewicht von zwei Kilogramm nur halb so schwer wie der Männer-Diskus. Die Auswirkungen des Unterschiedes verdeutlichte Rio-Olympiasieger Christoph Harting mehrere Monate nach seinem Goldwurf an der Copacabana: „Mit dem Ein-Kilogramm-Diskus habe ich schon knapp 89 Meter geworfen.“ Immerhin noch knapp 14 Meter weiter als Alekna in Oklahomas Steppe.
Ex-Dikuswerfer Jürgen Schult erklärte schon 2024 die Windverhältnisse über dem freien Feld von Ramona zum entscheidenden Faktor für den Verlust seines 16 Jahre vor Aleknas Geburt aufgestellten Weltrekordes. „Guter Wind kann schon einmal drei bis sogar fünf Meter bringen“, meinte der Schweriner und bezeichnete die neue Bestmarke als „saustarke Leistung“. Zumal Alekna sich schon seit Jahren einem engmaschigem Dopingkontrollsystem unterwerfen muss. Das war zu Schults Zeiten noch anders. Der letzte Gewinner einer olympischen Goldmedaille aus der 1990 untergegangenen DDR sah sich nach der Wiedervereinigung mit Vorwürfen konfrontiert, Teil des systematischen Dopings gewesen zu sein. Schult soll von 1981 bis 1984 hohe Dosen des verbotenen Turinabol erhalten haben. Allerdings bestreitet der ehemalige Welt- und Europameister bis heute jegliche Einnahme.
Schon der Vater glänzte beim Wurf
Schults beste Zeiten kennt Alekna nur aus den Geschichtsbüchern. Für die Suche nach Vorbildern hatte der Weltrekordler keine Fachliteratur nötig: Rund um Mykolas Aleknas Geburt 2002 war sein Vater Virgiljus zur dominierenden Figur im Diskuswerfen aufgestiegen. Jeweils zweimal gewann Alekna Senior Olympia-Gold (2000 in Sydney sowie 2004 in Athen/Bronze 2008 in Peking) und den WM-Titel (2003 in Paris und 2005 in Helsinki). Ein EM-Triumph (2006 in Göteborg) rundete seine Erfolgssammlung ab.
Alekna junior unterstrich sein Potenzial ab 2020 bereits bei mehreren Titelkämpfen für Nachwuchsathleten nachdrücklich. Der Wahl-Kalifornier siegte nacheinander bei der U20-WM 2020 in Nairobi, der U20-EM ein Jahr später in Tallinn sowie nochmals bei der U23-EM 2023 in Espoo. 2022 avancierte Alekna bei der EM in München mit noch nicht einmal 20 Jahren zum jüngsten Diskus-Champion in der Geschichte der Titelkämpfe. Seine Erfolge haben den breitschultrigen Modellathleten jedoch noch längst nicht satt gemacht. Im Gegenteil: Alekna hat bereits Appetit auf mehr: „Ich denke“, sagte der Weltrekordler nach seiner Show in Ramona, „ich denke, ich kann noch weiter werfen, aber das hebe ich mir auf.“ Die WM in Tokio lässt grüßen – und natürlich auch schon Ramona 2026.