In Australien wächst ein Ausnahmesprinter heran, der in Zukunft die Prestige-Strecken dominieren könnte. Schon jetzt verblüfft der erst 17-jährige Gout Gout mit Topzeiten.
Alles begann mit einer Prophezeiung. Bei einem Schulrennen trat der im australischen Ipswich geborene Gout Gout unter anderem gegen einen jüngeren, aber bereits national dekorierten Sprinter an. „Ich habe ihn geschlagen, und danach kam eine Trainerin zu mir. Sie meinte: Ich glaube, du kannst etwas Besonderes sein. Einer der Schnellsten in Australien – vielleicht sogar weltweit.“ Dieses Erlebnis habe ihn tief berührt, erzählt Gout Gout. „Seitdem trainiere ich mit Trainerin Sheppard. Wir haben von diesem Moment an alles darauf aufgebaut.“
Bodenhaftung schadet nicht
Die erfahrene Diane Sheppard brachte dem aufstrebenden Athleten nicht nur Lauf- und Atemtechnik bei, sondern auch Demut und Geduld. Wie erfolgreich sie damit war, zeigte sich nach der U20-Weltmeisterschaft, bei der ihr Schützling mit gerade einmal 16 Jahren Silber über 200 Meter holte. „Gout wandte sich zu mir und sagte: Was wir geleistet haben, war ziemlich groß, oder?“, erinnert sich Sheppard. „Ich bejahte – Ja, es war wirklich groß. Aber wir verhalten uns nicht so, oder? Er nickte nur: Nein, tun wir nicht.“ Denn Silber bei einer Junioren-WM ist für jemanden wie Gout Gout erst der Anfang. Und Bodenhaftung schadet sicher nicht – trotz all der Lobeshymnen, die aktuell über ihn gesungen werden.
In den Medien wird Gout Gout bereits als „Wundersprinter“ gefeiert. Der Vergleich mit Usain Bolt liegt auf der Hand – ein Etikett, das andere Talente schon überfordert hat. Damit umzugehen, dürfte nun Gout Gouts größte Herausforderung sein. Doch der Teenager nimmt es gelassen: „Es ist ziemlich cool. Usain Bolt ist wahrscheinlich der größte Athlet aller Zeiten. Es ist ein tolles Gefühl, mit ihm verglichen zu werden“, sagt er. „Aber ich bin Gout Gout – und ich will meinen Namen genauso groß machen. Vielleicht sagen dann eines Tages jüngere Athleten: Du wirst der nächste Gout Gout.“
Ganz so verwegen, wie es klingt, ist das gar nicht. Über 100 und 200 Meter ist Gout Gout heute bereits schneller als Bolt in diesem Alter. Doch es sind nicht nur seine Zeiten, die den Vergleich mit dem Jamaikaner rechtfertigen. Auch Gouts raumgreifenden Schritte, seine Eleganz und die einnehmende Ausstrahlung erinnern an den Rekordhalter. „Er sieht aus wie mein junges Ich“, urteilte Bolt – und das will etwas heißen. Schließlich hält er mit 9,58 Sekunden über 100 Meter und 19,19 Sekunden über 200 Meter auch acht Jahre nach seinem Rücktritt noch immer beide Weltrekorde. Experten trauen Gout Gout zu, diese Marken in erreichbare Nähe zu bringen.
Einen Vorgeschmack darauf lieferte er Mitte April bei den australischen Meisterschaften in Perth: Über 100 Meter knackte er gleich zweimal die magische Zehn-Sekunden-Marke – ein Meilenstein, an dem viele Sprinter zeitlebens scheitern. Im Vor- wie im Endlauf blieb die Uhr bei 9,99 Sekunden stehen. Wegen zu starken Rückenwinds wurden die Zeiten zwar nicht offiziell anerkannt – dennoch war es ein Signal an die Weltelite. „Ich könnte nicht glücklicher sein“, sagte Gout, erkannte aber direkt Verbesserungspotenzial: „Der Start war nicht perfekt, aber ich habe mich auf das Wesentliche konzentriert.“ Übrigens: Auch Usain Bolt hatte bekanntlich Anlaufschwierigkeiten aus dem Startblock – und wurde dennoch zur Sprintlegende.
Auch über 200 Meter glänzte Gout Gout: In 19,84 Sekunden sicherte er sich den Titel und unterbot Bolts damalige Bestmarke von 19,93 Sekunden aus dem Jahr 2004. Nur der US-Amerikaner Erriyon Knighton war im U20-Bereich jemals schneller (19,49). Knighton hat bei den Erwachsenen bereits WM-Medaillen gesammelt – genau das wird nun auch Gout Gout zugetraut. Der Hype um den jungen Australier kennt spätestens seit den nationalen Meisterschaften keine Grenzen mehr. Medien weltweit stürzen sich auf das Phänomen. „Der Geist ist aus der Flasche“, sagte Trainerin Sheppard. Und selbst die wegen Rückenwinds nicht anerkannte 200-Meter-Zeit kommentierte sie mit Humor: „Er ist so schnell, dass er seinen eigenen Wind erzeugt.“ Der britische „Guardian“ schrieb: „Die Wahrheit lässt sich nicht wegblasen.“ Für Insider steht fest: Hier wächst ein kommender Superstar heran.
Der Kopf muss mitspielen
Schon jetzt gehört Gout Gout zur Weltspitze – gerade einmal 50 Männer in der Geschichte waren je schneller über 200 Meter. „Ein seltenes Talent, das Förderung und Schutz braucht“, sagt Sebastian Coe, Präsident des Weltverbandes World Athletics. Der frühere Weltklasse-Läufer weiß: Die Leichtathletik braucht dringend ein neues Gesicht. Auch Australien setzt große Hoffnungen in ihn – besonders mit Blick auf die Olympischen Spiele 2032 in Brisbane. Schon 2024 in Paris feierte das Land die größte Leichtathletik-Ausbeute seit Melbourne 1956.
Rund 5.000 Zuschauer verfolgten in Perth den Finaltag – viele nur, um Gout Gout live zu erleben. Und sie wurden nicht enttäuscht. „Niemand hat geatmet“, beschrieb eine Zuschauerin beim Sender Nine die Atmosphäre während seines 200-Meter-Laufs. Ein anderer meinte: „Wenn Gout Gout in sieben Jahren Olympia-Gold holt, können wir sagen: Damals waren wir dabei, als er seinen ersten Titel bei den Erwachsenen gewonnen hat.“ Und wie geht er mit der steigenden Erwartungshaltung um? Äußerlich ganz cool: „Unter Druck entstehen Diamanten – und ich glaube, ich bin gerade besser als ein Diamant“, sagte er. Doch auch Bescheidenheit klingt durch: „Ich bin ein Kind, das erwachsene Zeiten läuft.“
Eine Zeit übrigens, die bei Olympia in Paris im 200-Meter-Finale für Rang vier gereicht hätte. Schon bei der Weltmeisterschaft im kommenden September in Tokio traut man dem 17-Jährigen eine Medaille zu. Gout Gout ist über 1,80 Meter groß, muskulös und körperlich nahezu ideal gebaut für den Sprint. Und er genießt jeden Wettkampf. Druck gibt es von Trainerin Sheppard keinen – ihr Ziel ist langfristige Entwicklung. „Ich erinnere ihn immer daran, dass es um die Reise geht, um Erfahrungen, die ihn als Sportler und Mensch prägen“, sagt sie. „Es geht um Ziele – aber niemals darum, sich darüber zu definieren.“
Die Sportwelt schaut gespannt auf das „Projekt Gout Gout“. „Es macht Spaß, über sein Potenzial nachzudenken“, sagte Sprint-Legende Michael Johnson. Gleichzeitig warnte er: „Großes Potenzial bedeutet auch großes Risiko.“ Beim zweiwöchigen Trainingslager in Florida absolvierte Gout Gout gemeinsame Einheiten mit Olympiasieger Noah Lyles. Vom zehn Jahre älteren US-Amerikaner, der wie Bolt mit Selbstvertrauen glänzt, konnte Gout Gout einiges mitnehmen. „Ich habe gelernt, ich selbst zu sein und meinem Prozess zu vertrauen“, sagt er. „Man kann alles auf der Welt machen – aber wenn der Kopf nicht mitspielt, wird es schwer.“
Sollte Gout Gout seinen ersten großen Titel holen, wird es für seinen Vater Bona schwerer, eine Herzensangelegenheit durchzusetzen: Er möchte den Namen seines Sohnes offiziell in „Guot“ ändern lassen. Als die Familie aus dem Südsudan nach Australien floh, unterlief den Behörden ein Fehler. Aus „Guot“ wurde „Gout“ – ein Begriff, der im Englischen ausgerechnet „Gicht“ bedeutet. „Wenn ich sehe, dass ihn alle Gout Gout nennen, bin ich nicht glücklich“, sagte der Vater. Er wolle das „wieder in Ordnung bringen“. Doch ob das gelingen wird? Immerhin ist „Gout Gout“ längst zur Marke geworden. Auch Adidas hat das erkannt und sich mit einem Sponsoringvertrag bereits ein Stück vom künftigen Ruhm gesichert.