Tierschutzhunde haben es oft schwer, ein neues Zuhause zu finden. Um sie möglichst niederschwellig zu vermitteln, hat sich in Deutschland ein neues Format etabliert: das „Bark Date“.
Guy weiß genau, wie er beim ersten Date gucken muss. Mit seinen braunen Augen blinzelt er die Menschen um sich herum an, neigt den flauschigen Kopf zur Seite. Ist vielleicht jemand dabei, der ihn mitnimmt? Jemand, der ihn in ein neues Rudel integriert? Für Guy wäre es ein Glück, denn der fünfjährige Mischlingshund hatte bisher kein schönes Leben: aufgewachsen auf der Straße, eingesperrt in einer rumänischen Tötungsstation. Gerettet hat ihn eine deutsche Tierschutzorganisation, durch die er in eine private Pflegestelle gekommen ist.
Nun steht Guy auf einer öffentlichen Hundewiese in Bonn. Um seinen Hals hängt ein rotes Tuch mit der Aufschrift „Adopt me“ (Adoptiere mich). Der kleine Mischling, der den umstehenden Menschen nicht mal bis zum Knie reicht, macht beim „Bark Date“ mit. Bei diesen Veranstaltungen präsentieren Tierheime und Tierschutzvereine ihre Schützlinge der Öffentlichkeit – eine Art Speed-Dating mit Hunden.
„Schwarze Hunde haben es schwer“
An diesem Vormittag sind es insgesamt 30 Vierbeiner, die um die Gunst der Interessenten buhlen. Dementsprechend turbulent geht es auf der Hundewiese zu. Ein Rüde ist so aufgeregt, dass er erst mal zehn Minuten bellt. Für den kleinen Guy ist Melanie Hahn vom Verein „Glücksschnauzen ohne Grenzen“ zuständig. „Er ist einfach nur lieb, einfach nur süß“, sagt Hahn, die schon bei mehreren Bark Dates dabei war. Ihre Erkenntnis: „Kleine Hunde vermitteln sich am besten. Große, schwarze Hunde haben es schwer.“ Trotzdem hätten auch solche Tiere durch das niederschwellige Format schon vermittelt werden können. „Im Internet sieht man nur ein Bild“, sagt Hahn. „Hier hingegen merkt man direkt, ob es passt oder nicht.“
Bark Dates sind im deutschsprachigen Raum ein relativ neues Phänomen. Die erste Veranstaltung fand im Dezember 2023 in Köln statt. Ins Leben gerufen hat sie die Kölner Tierärztin Lisa Williamson, die sich selbst regelmäßig um Tierschutzhunde kümmert. „Als ich eine Hündin zur Pflege hatte, habe ich gemerkt, wie schwer es ist, für sie Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt Williamson. Tierheime sind seit der Pandemie noch überfüllter als ohnehin schon; Internetseiten quellen von Annoncen über. So sei die Idee der Bark Dates entstanden.
Seitdem hat sich das Format schnell verbreitet. „Deutschlandweit erreichen uns regelmäßig Anfragen von Ehrenamtlichen, die ein Bark Date an einem neuen Standort durchführen wollen“, sagt Williamson. Auch in Wien gab es im Sommer schon eins; in Zürich soll es dieses Jahr ebenfalls losgehen. „Das ist für uns ein wundervolles Zeichen, dass die Idee ankommt“, sagt die Initiatorin.
In Bonn besuchen Katharina (33) und Tobias (39) zum ersten Mal ein solches „Vierbeiner-Rendezvous“. Sie suchen für ihren Labrador-Chapai-Mix Peanut einen neuen Spielgefährten, weil ihr Zweithund gestorben ist. „Wir haben schon online geschaut, aber da ist der Funke nicht übergesprungen“, sagt Katharina. Auch im Tierheim sei es schwierig gewesen. „Dort gelten utopische Anforderungen bei der Vermittlung“, meint die Hundehalterin. „Wer hat schon einen Garten und ist gleichzeitig den ganzen Tag zu Hause?“
Bei Peanut selbst hält sich das Interesse an diesem Morgen in Grenzen. Am ersten Hund, einem Australian-Shepherd-Mix, geht er einfach vorbei. Beim zweiten nimmt er kurz Blickkontakt auf, zieht dann aber ebenfalls weiter. Herrchen nimmt’s gelassen: „Ist doch schon mal gut, dass er nicht knurrt.“ Bei der nächsten Begegnung, diesmal mit dem Rumänen Nacho, wird kurz geschnüffelt. Doch hier winkt Frauchen ab: „Der ist so groß, dass er einen Schlitten ziehen kann.“ Außerdem kommt er nicht mit Katzen aus und hat noch keine Befehle gelernt. Insofern erinnert das Bark Date dann wirklich an ein echtes Rendezvous: Je länger man sich mit dem Gegenüber beschäftigt, desto mehr kommen die speziellen Eigenschaften zum Vorschein– im Positiven wie im Negativen.
Um Bubu machen die meisten erst mal einen Bogen. Der Rüde aus Sardinien steht mit Maulkorb am Rande der Hundewiese. „Er hat noch nie gebissen, ist aber schnell aufgeregt“, erklärt seine Pflegerin. Und fügt schnell hinzu: „Das wird mal ein toller Hund, wenn man Ahnung hat und mit ihm arbeiten möchte.“ Andersherum bedeutet das: Nicht jeder Interessent oder jede Interessentin findet bei einer solchen Veranstaltung das passende Haustier. Vor allem Personen ohne Hunde-Erfahrung könnten mit traumatisierten oder schlecht erzogenen Tieren überfordert sein.
Manche Tierschützer hegen auch Bedenken gegenüber dem Format. So hält etwa der Deutsche Tierschutzbund die Bark Dates „grundsätzlich für eine schöne Idee“. Aber: „Welche Hunde sich für ein solches Bark Date eignen, muss im Vorfeld gut überlegt werden“, sagt Sprecherin Nadia Wattad. Die neue Umgebung, die fremden Menschen, die vielen Eindrücke: All das sorge für Stress. „Darüber hinaus ersetzen diese Treffen nicht die wirkliche Vermittlung“, sagt Wattad. „Auch muss überprüft werden, ob der Hund potenziell in das neue Zuhause passen würde und ob die Gegebenheiten stimmen.“
Manche Tierschützer haben Bedenken
Ähnlich äußert sich das Bonner Tierheim, das sich gegen eine Teilnahme entschieden hat. „Ausflüge zu einem Bark Date wären für die meisten unserer Hunde eine wahnsinnige Aufregung“, erklärt das Tierheim per E-Mail. Man führe die ersten Vermittlungsgespräche lieber nur mit den jeweiligen Interessenten – so könne man besser abschätzen, welcher Hund zu wem passe.
Die Organisatoren der Bark Dates betonen, dass sie niemandem einfach einen Vierbeiner mit nach Hause geben. Stattdessen erhalten Interessenten vor Ort eine Art „Steckbrief“ mit den wichtigsten Informationen ihres Schützlings, so auch an diesem Vormittag in Bonn. Wollen sie ihn nach einer gewissen Bedenkzeit immer noch adoptieren, werden Folgetermine vereinbart, bei denen sich Hund und Mensch in Ruhe „beschnüffeln“ können. Ein zweites und drittes Date sozusagen.
Die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ ist ebenfalls zwiegespalten. „Ganz persönlich finde ich die Idee erstmal gut, wenn sich Hunde und Menschen außerhalb der Gitterstäbe kennen lernen können“, sagt Sprecher Tobias Udave. „Allerdings ist die Frage, ob jeder Hund das auch mag. Sie haben dabei keine wirkliche Möglichkeit, sich eigenständig zurückzuziehen oder einen Schutzraum aufzusuchen.“ Dazu komme das Verhalten der fremden Menschen: „Wer möchte schon plötzlich mit Zuwendung von bis dahin völlig Unbekannten überschüttet werden?“, fragt Udave. Ein klares Ja oder Nein könne er zu den Bark Dates daher nicht abgeben – es komme immer auf die Situation vor Ort an.
Für den kleinen Guy stellt sich das Bark Date am Ende als voller Erfolg heraus. Gleich acht Anfragen erhält seine Pflegefamilie im Nachgang. „Wir konnten ihn leider nur einmal vermitteln“, sagt eine Vereinssprecherin und lacht. Für Guy habe man sich die besten Kandidaten herausgesucht: ein Rentnerpaar mit großem Garten, direkt am Rande eines Naturschutzgebiets. Bei Nacho hingegen hat’s noch nicht gefunkt. Der Rüde, der so groß ist, dass er einen Schlitten ziehen könnte, sucht weiter nach einem neuen Zuhause.
Insgesamt sieben von 30 Hunden konnten im Anschluss an die Bonner Veranstaltung vermittelt werden, wie die Organisatoren auf Nachfrage mitteilen. Die anderen erhalten bald ihre nächste Chance: Das nächste Bark Date ist schon in Planung.