Die Eisbären Berlin gewinnen wieder die Eishockey-Meisterschaft und widmen sie dem verstorbenen Tobias Eder. Der Zusammenhalt im Team ist herausragend, die einseitige Finalserie gegen Köln eine Machtdemonstration.
Inmitten des Party-Trubels fand Marcel Noebels die Muße, das für alle Offensichtliche auszusprechen. „Heute ist das, was hier passiert ist, für einen passiert: Tobi Eder“, sagte der Angreifer der Eisbären Berlin mit stockender Stimme. Die Eisbären hatten soeben mit dem vierten Sieg im Play-Off-Finale um die deutsche Eishockey-Meisterschaft gegen die völlig überforderten Kölner Haie ihren elften Titel unter Dach und Fach gebracht – und dabei dem im Januar an Krebs gestorbenen Tobias Eder gedacht. Die Fans feierten ihn mit „Tobi Eder“-Sprechchören und entrollten ein Banner mit seinem Namen, Verteidiger Marco Nowak lief Ehrenrunden mit einem Eder-Trikot in den Händen, aus den Lautsprecherboxen erklang Eders Lieblingslied „Viva la Vida“ von Coldplay. Für einen besonderen Gänsehaut-Moment sorgte die Pokalübergabe, als Eders Verlobte Ina mit auf dem Eis stand und stellvertretend für ihren viel zu früh gestorbenen Lebensgefährten die Medaille übernahm. Auch Eders Eltern und dessen Bruder Andreas, der in der kommenden Saison von Red Bull München nach Berlin wechselt, waren live in der Arena am Ostbahnhof und sichtlich gerührt von der emotionalen Atmosphäre.
„Diesen Titel haben wir wirklich für Tobi geholt und für seine Familie“, sagte Teamkollege Noebels. „Tobi wird für immer bei uns sein. Er ist Teil dieser Mannschaft.“ Die Todesnachricht im Winter hätte die Mannschaft auch komplett aus der Bahn werfen können, doch sie hat das Team notgedrungen noch enger zusammengeschweißt und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet. „Ich glaube, wir sind unglaublich stolz darauf, dass wir es geschafft haben – auch für ihn. Das ist etwas Besonderes“, betonte Noebels. Kapitän Kai Wissmann schwärmte vom Zusammenhalt innerhalb des Teams, der in diesem Jahr aufgrund der widrigen Umstände außergewöhnlich gewesen sei: „Was wir dieses Jahr zusammen erleben mussten, war schon sehr hart. Zusammen in dem Moment gewesen zu sein, hat uns noch weiter zusammengeschweißt.“ Auch Trainer Serge Aubin war mächtig stolz: „Wir haben so vielen Widerständen in diesem Jahr getrotzt.“
Nur so war eine Rekordsaison möglich, die noch lange in Erinnerung bleiben wird. Der Final-Triumph gegen die Haie mit drei 7:0-Siegen war eine pure Machtdemonstration. Er sorgte für den insgesamt elften Titel für die Eisbären, die zudem zwölf (!) Play-Off-Serien in Folge gewinnen konnten. Das sind in der Deutschen Eishockey Liga jeweils Bestmarken. In der früheren Bundesliga war die Düsseldorfer EG von 1990 bis 1994 insgesamt 14 K.o.-Serien hintereinander ungeschlagen. Ein Rekord, den die Berliner in der kommenden Saison knacken können. Besonderen Anteil an der Meisterschaft hat Leo Pföderl. Der 31-Jährige zog bereits mit seinem Dreierpack beim berauschenden 7:0 im zweiten Spiel gegen die Haie an Patrick Reimer vorbei und darf sich nun Play-Off-Rekordtorjäger in der DEL nennen. Insgesamt hat der Angreifer nun 46 Tore in den K.o.-Spielen erzielt – so viele wie kein anderer DEL-Eishockeyspieler zuvor. Besonders beeindruckend wirkt diese Zahl vor dem Hintergrund, dass Pföderl dafür nur 93 Play-Off-Spiele benötigte. Dass er den früheren Nationalspieler und Olympia-Silbermedaillengewinner Reimer abgelöst hatte, wusste Pföderl unmittelbar nach der Partie gar nicht. Als ihm die Journalisten diese Statistik steckten, reagierte er gelassen: „Irgendwo muss ich ihn ja überholen.“ Denn in zwei anderen Statistiken ist Reimer dem Eisbär-Profi noch weit überlegen: bei den Toren insgesamt und den Scorer-Punkten.
Zwei bärenstarke Goalies
Schon in der Hauptrunde performte der Bayer stark, nicht umsonst wurde er von der DEL zum Spieler des Jahres gekürt. Doch wenn es in die Crunchtime geht, scheint Pföderl nochmal einen Tick stärker zu werden. Woran das liegt? „Keine Ahnung“, antwortete der Stürmer, „ich mache alles wie immer“. Auf die Frage, ob er in der heißen Saisonphase vielleicht zum Teufelskerl wird, antwortete Pföderl cool: „Ich bin immer ein Teufelskerl.“ Doch auch Trainer Aubin bestätigte, dass die Play-Off-Zeit eine Pföderl-Zeit ist. „Dafür lebt er“, sagte der Kanadier und verriet: „Immer wenn ich mit ihm rede, sagt er: Es kommt auf den April an. Hier sind wir wieder. Er hebt sich definitiv auf ein anderes Level – wie letztes Jahr.“
Auch in der Vorsaison lief Pföderl rechtzeitig zur Höchstform auf. Diesmal konnten sich seine Teamkollegen auf den Torinstinkt ihres Goalgetters ebenfalls verlassen. „Wir geben ihm den Puck, und er haut ihn rein“, sagte Sturmkollege Ty Ronning über das Erfolgsrezept: „Er läuft im Moment heiß.“ Dabei ist Ronning selbst ein Phänomen und nicht minder gefährlich als Pföderl. In 28 Spielen hintereinander stand der US-Amerikaner mit einem Tor oder Vorlage auf dem Spielberichtsbogen und sorgte damit ebenfalls für eine Rekordserie. Damit gewann er zudem die Scorerwertung der DEL mit großem Abstand, und er wurde auch zum wertvollsten Spieler der Finalserie gekürt.
Doch es war nicht nur die Offensive, die den Eisbären den Titel sicherte – ganz im Gegenteil! 16 Gegentore in 14 Playoff-Spielen sind eine überragende Bilanz. Dafür waren natürlich auch die Torhüter verantwortlich. Jonas Stettmer kommt in fünf K.o.-Spielen auf einen Gegentorschnitt von 1,68, Jake Hildebrand in neun sogar nur auf 0,67. Stettmer und Hildebrand haben sich als bestes Torhüter-Duo der Liga herauskristallisiert. Während Hildebrand am Ende der Hinrunde etwas schwächelte, vertraute Trainer Aubin auf den acht Jahre jüngeren Stettmer. Der glänzte als Nummer eins, verletzte sich aber zu Beginn der Viertelfinal-Serie gegen die Straubing Tigers. Hildebrand kehrte in die Startformation zurück und hielt wieder überragend.
Es sei „ein Glücksfall, dass wir zwei Goalies haben, die wirklich die Nummer eins sein können“, sagte Aubin, der schon vor den entscheidenden Wochen prophezeit hatte: „Wir brauchen beide.“ Beide wurde gebraucht – und beide haben abgeliefert. Es sei „natürlich ein Wettkampf“ um die Nummer eins im Tor der Eisbären, gab Hildebrand zu, doch: „Es gibt nur einen Platz.“ Und allen Beteiligten ist auch klar, dass der heiße Konkurrenzkampf sich leistungsfördernd ausgewirkt hat und gut für das Team war. „Als Club willst du zwei Torhüter haben, die Spiele gewinnen können, die sich antreiben“, sagte Hildebrand. Privat gibt es zwischen den beiden Goalies keinen Stress. „Grundsätzlich verstehen wir uns super“, sagte Stettmer.
Doch die gute Defensivarbeit ist nicht nur ein Verdienst der Torhüter. Die Abwehrspieler und auch die Angreifer legten eine große Disziplin bei der Rückwärtsbewegung und eine große Leidenschaft bei den Zweikämpfen an den Tag. Zudem machte sich der auch in der dritten und vierten Reihe stark besetzte Kader des Rekordchampions zum Saisonende hin bemerkbar. „Die Qualität der Mitspieler fordert einen jeden Tag heraus“, sagte zum Beispiel Liam Kirk. Ein Profi aus der zweiten Reihe, der aber seine Leistung brachte, wenn er gebraucht wurde. Genau wie Eric Mik, der sich aber nicht als Schattenspieler fühlte: „Wir machen das als Gemeinschaft. Das ist das, was uns so starkmacht.“ So etwas hört Aubin gerne. Der Trainer weiß, dass für eine Meisterschaft mehrere Rädchen ineinandergreifen müssen. „Es sind überall so viele kleine Dinge zu tun auf dem Eis“, sagte Aubin, „jeder gibt sich dem hin.“