Die deutschen Eishockey-Cracks haben sich für das WM-Turnier in Dänemark und Schweden viel vorgenommen: Auch ohne NHL-Superstar Leon Draisaitl strebt das Team von Bundestrainer Harold Kreis beim Olympia-Casting das Halbfinale an.
Gut einen Monat konnte und musste Harold Kreis am Aufgebot für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft für das bevorstehende WM-Turnier in Dänemark und Schweden (ab 9. Mai) puzzeln. Doch selbst bei der Generalprobe am Sonntag in Düsseldorf gegen die USA dürfte der Bundestrainer sein Werk noch immer als unvollendet empfinden – die Besten seiner Besten aus der nordamerikanischen Profiliga NHL werden beim Schaulaufen für die Olympischen Winterspiele 2026 in Italien wieder einmal nicht dabei sein.
Allen voran NHL-Superstar Leon Draisaitl vom kanadischen Traditionsclub Edmonton Oilers fehlt wegen der Play-offs erneut. Neben dem NHL-Torschützenkönig dürften auch Tim Stützle (Ottawa Senators) und Nico Sturm (Florida Panthers) zu lange mit ihren Teams in den Finalrunden der stärksten Liga der Welt gefordert sein, um anschließend für ihr Heimatland im hohen Norden Europas dem Puck nachzujagen.
Viel Arbeit bei der Nominierung für Kreis
John-Jason Peterka ist mit seinen Buffalo Sabres zwar bereits in der NHL-Vorrunde ausgeschieden, kann aber ebenfalls nicht für Deutschland auflaufen: Der beste Stürmer im deutschen Team bei den vergangenen beiden WM-Turnieren befindet sich mitten in Vertragsverhandlungen mit seinem Team – es geht um ein Gesamtsalär im höheren achtstelligen Bereich. In dieser Situation wäre für den Münchener schlichtweg keine bezahlbare Versicherung durch den Deutschen Eishockey-Bund (DEB) zu finden. „Es gibt“, bringt Sportdirektor Christian Künast die Problematik auf den Punkt, „eine klare Aussage seines Agenten: kein Vertrag, negative Tendenz für eine Teilnahme an einer WM.“
Crunchtime in der NHL, Regenerationsbedürfnisse oder eben Versicherungsfragen – die Gründe für die Abwesenheit der stärksten deutschen Spieler beim mit Ausnahme von Olympia wichtigsten Turnier des Jahres sind vielfältig. Ein weiterer Faktor ist fraglos auch die Ignoranz der NHL-Macher gegenüber den Interessen der Nationalteams ihrer Stars aus „Good Old Europe“.
Wie auch immer: Die seit Anfang April in mehreren Stufen laufende WM-Vorbereitung mit Spielen gegen Weltmeister Tschechien, Ex-Champion Slowakei und Österreich brachte Kreis – abgesehen von der umständlichen Offensive – vor allem eine Erkenntnis: Die Defensive des WM-Zweiten von 2023 ist zu anfällig. Seit der misslungenen Titelverteidigung beim Deutschland-Cup im vergangenen Herbst mit zwölf Gegentreffern in den beiden ersten Turnierspielen gegen die Slowakei (2:6) und Dänemark (5:6) hat sich das Abwehrverhalten kaum verbessert.
Hoffnung machte während der nahezu gesamten Vorbereitungsphase die Aussicht auf weitere Verstärkungen: Aus der NHL sind kurz vor dem ersten WM-Bully noch Weltklasse-Verteidiger Moritz Seider (Detroit Red Wings) und Lukas Reichel (Chicago Blackhawks) ebenso eingeplant wie Schweiz-Legionär Dominik Kahun. Nach der Titelentscheidung in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) werden vom Finalisten vor allem Leo Pföderl (Eisbären Berlin) und Moritz Müller (Kölner Haie) von Trainer Kreis sehnlichst erwartet.
Schon seit den Spielen in den letzten April-Tagen gegen Österreich gehört Torwart Philipp Grubauer von den Seattle Kraken zur Mannschaft. Der erfahrene Goalie soll der DEB-Auswahl vor allem Stabilität und Ruhe vermitteln – und gilt deswegen auch als ein „Leuchtturm“.
Grubauer ist heiß auf die WM
Nach einer verkorksten NHL-Saison nominierte sich Grubauer quasi selbst. Er werde sich nach dem letzten Punktspiel sofort in den Flieger setzen und rechtzeitig zum ersten Spiel gegen Österreich zur Verfügung stehen, kündigte der Nationaltorwart bereits in der ersten April-Hälfte an. Nach der Klärung kleinerer Formalitäten mit den Kraken (Versicherung) war Grubauer wie versprochen pünktlich zur Stelle.
Der 33-Jährige ist heiß auf seine sechste Weltmeisterschaft – denn er will beweisen, dass er noch kein Auslaufmodell ist. Seine 13. NHL-Saison war für den Stanley-Cup-Sieger von 2018 die bislang schlechteste. Eine schwache Fangquote von nur 87,5 Prozent, ein Schnitt von fast 3,6 Gegentoren pro Spiel: Grubauer kam überhaupt nicht richtig an, saß immer häufiger nur auf der Bank und wurde sogar zu Seattles AHL-Farmteam geschickt – zum ersten Mal seit zehn Jahren.
„Wenn du nur alle zwei, drei Wochen spielen darfst, ist es, als ob du jedes Mal aus der Sommerpause kommst. Du musst erst mal den Rost abschütteln“, beschrieb Grubauer nach seiner Ankunft beim Nationalteam seine Lage in Seattle. „Es war ein sehr schwieriges Jahr, aber ich kann auch Positives daraus ziehen, weil ich viel über mich selbst gelernt habe. Es kann nicht jede Saison geil sein.“
Die zwischenzeitliche Degradierung zu den Firebirds im kalifornischen Coachella Valley half, wieder in den Rhythmus zu kommen. Nach seiner Rückkehr nach Seattle spielte Grubauer konstanter und regelmäßiger – doch die Play-offs hatten die Kraken schon früh aus den Augen verloren. „Jetzt freue ich mich umso mehr, dass ich bei der WM dabei sein darf. Jetzt geht die neue Saison los“, sagte der Rosenheimer weiter.
Doch ob Grubauer bei der WM die unumstrittene Nummer eins ist, steht noch nicht fest. Im vergangenen Jahr spielte der Goalie in dieser Rolle bis zum Viertelfinal-Aus zwar solide, aber nicht so überragend wie Mathias Niederberger beim Silber-Coup 2023.
Der Münchener Torhüter kurierte längere Zeit eine Verletzung aus den Play-offs aus. Für Düsseldorf rechnet Kreis jedoch fest mit dem Schlussmann. In der Nationalmannschaft war Niederberger nicht nur vor zwei Jahren ein Erfolgsgarant, auch 2021 verhalfen seine Paraden dem DEB-Team ins WM-Halbfinale. „Ich will den anderen Torleuten nicht sagen, was sie machen sollen“, sagte Grubauer zur Torhüter-Situation. „Die sind Profis genug. Aber vielleicht kann ich den einen oder anderen Tipp geben.“ Er wolle „einfach eine Führungsrolle übernehmen“.
Hager erstmals seit 2022 dabei
Den Anspruch verfolgte in der Vorbereitung auch Niederbergers Clubkollege Patrick Hager. Der 36-Jährige war erstmals seit dem Olympia-Turnier 2022 in Peking wieder zur Nationalmannschaft eingeladen worden – und galt vor dem letzten Test gegen die USA als sicherer WM-Kandidat.
Seit seinem DEB-Debüt vor 17 Jahren hat der gebürtige Stuttgarter alle Höhen und Tiefen erlebt: den sportlichen Abstieg bei der WM 2009, der nur deshalb zur Bewährung ausgesetzt wurde, weil Deutschland im darauffolgenden Jahr Ausrichter des WM-Turniers war (und dabei das Halbfinale erreichte), zweistellige Niederlagen in den Folgejahren, die verpasste Qualifikation für Olympia 2014 in Sotschi – und den Aufschwung seit 2015 mit der olympischen Silbermedaille 2018 in Pyeongchang als Höhepunkt, als Hager bester Scorer des deutschen Teams war.
„Ich hatte das Glück, in meiner Karriere unglaubliche Momente erleben zu dürfen“, meint Hager. „Jetzt bin ich in einer Phase, in der ein paar Jahre noch drin sind, aber wahrscheinlich nicht mehr viele.“
Die Vorstellung, nach den zwei Olympia-Turnieren in Fernost 2026 in Mailand noch einmal bei Winterspielen antreten zu können – „vor der Haustür“ quasi, mit allen NHL-Profis und im Alter von dann bald 38 Jahren Teil der wahrscheinlich besten deutschen Mannschaft der Geschichte zu sein, mit Spielern wie Draisaitl, Peterka oder Stützle mit ihrer „extremen Extraklasse“ – das sei ein Traum, sagt der routinierte Center fast euphorisch. „Die Herausforderung ist, einen Slot zu finden, in dem du unverzichtbar bist.“
Aber irgendwo fehlt schließlich immer irgendjemand. Zunächst einmal auch im deutschen WM-Team.