In einem kleinen Ort in Brandenburg wollte Michael Jurk nicht länger tatenlos zuschauen. Der 51-jährige Pfarrer rief die „Bürgerdialoge“ gegen Politikverdrossenheit und für mehr Demokratieverständnis ins Leben.
Gut 50 Kilometer nordwestlich von Berlin liegt auf dem flachem Land das Dorf Paulinenaue, ein kleiner Flecken mit circa 1.300 Einwohnern, umgeben von weiten Feldern, hin und wieder ein bisschen Wald und einem Naturschutzgebiet mit seltener Flora und Fauna. Eine Grundschule, eine Kita, Sportverein und Feuerwehr, ein aktiver Kulturverein und eine rege Kirchengemeinde sind hier starke Halteseile gegen die schleichende Verödung des ländlichen Raums. Neben dem klassizistischen Bahnhofsgebäude fällt vor allem die Dorfkirche auf, ein denkmalgeschützter Bau im Stil des ausgehenden Expressionismus, eingeweiht im Dezember 1932 und schon äußerlich eher untypisch für die Mark Brandenburg. Glatte, hell verputzte Fassaden statt Backsteinmauer oder Felsgestein. Im Innern viel Licht, ganz bescheiden Altar und Kanzel und auffallend: keine fest verankerten Kirchenbänke. Denn als 1961 die Kirche umgestaltet wurde, gab es im Ort noch keinen Versammlungsraum, und so sollte das Kircheninnere auch als Treffpunkt für alle aus dem Ort und Umland dienen. Vielleicht ist gerade dies das Besondere an Paulinenaue.
Das zahlt sich heute aus. An jedem letzten Sonntag des Monats sitzen ein gutes Dutzend Frauen und Männer, Jung und Alt in lockerer Runde beieinander, auf den Tischen stehen Streuselkuchen, Kekse und Kaffee. Mal sind es mehr, mal weniger Besucher, und es hängt wohl von den Themen ab, die jeder für das jeweils nächste Treffen auf ein Blatt Papier schreibt und zusammen gefaltet beim Diskussionsleiter abgibt. Der heißt Michael Jurk, Jahrgang 1974, geboren in Zerbst (Sachsen-Anhalt), seit 2010 offizieller Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde. Gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Kulturvereins Paulinenaue und Prof. Hans Blokland aus Potsdam rief er die „Bürgerdialoge“ ins Leben, eine Gesprächsrunde, die sich für die Entwicklung von Demokratieverständnis und gegen Politikverdrossenheit starkmacht. Die Themen sprechen Fragen und Probleme an, die im Grunde jeden betreffen, erst recht hier draußen auf dem Land, wo es wenig Möglichkeiten gibt, Ansichten und Informationen regelmäßig und offen auszutauschen. Einsamkeit, Zweifel oder Vorurteile waren die Themen der ersten Zusammenkünfte, und so trifft man sich nun seit Jahresanfang an jedem Monatsende. Jeder ist willkommen, auch gerade jene, die mit Kirche und Religion nicht wirklich was am Hut haben.
Fühlt sich aufgehoben in den kirchlichen Kreisen
Michael Jurk ist ein jung gebliebener, lebendiger und manchmal etwas schnell sprechender Mann, den man sich gut auch als Trainer einer Fußballmannschaft der A-Jugend vorstellen könnte. Ganz sicher aber ist, dass er sich bis zum Abschluss seines Theologiestudiums in Berlin und Göttingen niemals hätte vorstellen können, eines Tages als evangelischer Pfarrer ausgerechnet in Paulinenaue zu landen. Sein erster Berufswunsch war Schauspieler, aber daraus wurde nichts. Sein Wunsch schon als Kind, gesehen und wertgeschätzt zu werden, der blieb. Und er fällt auf. Denn auch der staatlich gelenkte Sport suchte schon in Kindergärten nach jungen Talenten. Aus Michael wird bald ein Leistungssportler, sogar zweitbester Turner Sachsen-Anhalts, belohnt mit Medaillen von einem politischen System, dem er sich fügt. Er trägt stolz das Pionierhemd, schätzt das Gemeinschaftsgefühl in der FDJ, bleibt angepasst, wie es die Eltern ihm und seinem Bruder beibringen. Dass sie alle zusammen West-Fernsehen gucken, ist kein Widerspruch. Der Vater, gelernter Elektriker und von zurückhaltendem Wesen, die Mutter, beschäftigt beim Rat des Kreises und ihre Kinder eher emotional verwöhnend, achten stets darauf, dass niemand aneckt im Arbeiter-und Bauernstaat. Michael spielt in einer Band, beteiligt sich an Wettbewerben für Rezitatoren, tritt mit einem Kabarett in der Stadthalle auf. Auf den Mund gefallen ist er nicht.
Aber irgendetwas fehlt. Denn hinter der Fassade der Rampensau Michael steckt der sensible Beobachter, der in den Zeiten vor der Wende registriert, wie sich oppositionelle Pfarrer nicht einschüchtern lassen und wie Menschen vor der Kirche brennende Kerzen aufstellen. Es kommen Zweifel auf an der politischen Entwicklung in der DDR. Entscheidend aber ist, dass er über Bertram, erst Klassenkamerad, dann bester Freund, in engen Kontakt mit dessen religiös geprägter Familie kommt. Ganz anders sind auf einmal Gespräche mit Bertrams Mutter, einer Gemeindepädagogin, und der befreundeten Pfarrerin. Welch Unterschied zwischen den lebhaften, verständnisvollen Gesprächen hier und der Atmosphäre seiner bisherigen Lebenswelt! In diesen kirchlichen Kreisen fühlt sich Michael aufgehoben und wirklich angenommen mit all seinen widerstreitenden Bedürfnissen. Als er mit 17 Jahren erstmals einen Weihnachtsgottesdienst besucht, spürt er, dass es inmitten dieser Welt etwas Jenseitiges geben muss. Rückblickend nennt er dies seine „Entdeckung des Sinns und Geschmacks für das Unendliche“. Dem will er nachgehen, und sein Interesse an der Theologie ist geweckt. In diesem Umfeld lernt er bald seine erste Frau kennen, er heiratet, das Paar bekommt zwei Kinder, und nun wird alles ernster. Das Theologiestudium an der Humboldt-Universität in Berlin ist kein Spaziergang, es reizt ihn die intellektuelle Herausforderung, aber das damit wachsende Überlegenheitsgefühl gegenüber der Weltdeutung der DDR weicht bald der Einsicht, dass das religiöse Denken sich im praktischen Handeln zeigen und beweisen muss. Der künftige Pfarrer hilft und tröstet den Sterbenden nicht allein mit geistlichen Worten, sondern dadurch, für den anderen da zu sein und ihm die Hand zu halten. Nachdem er das zweite theologische Examen in Göttingen abgelegt hat, bewirbt er sich in Berlin und wird zur Erprobung nach Paulinenaue entsandt. Paulinenaue, wo?
Der persönliche Kontakt ist ihm sehr wichtig
Nach Berlin und Göttingen fühlt sich der Wechsel an wie ein Kulturschock, und anfangs quälen ihn Fluchtgedanken. Kann er das, darf er das, einfach kneifen? Aber sehen denn all die Dörfer nicht gleich aus, ist es nicht öde auf dem Land, und wie soll er das schaffen, sieben Gemeinden zu leiten? Gottesdienste, Trauungen, Beerdigungen, Seniorenkreise, Jubiläen. Kinder- und Jugendarbeit und Gemeindekirchenrat, und alle wollen nun etwas von ihm, er ist der neue Pfarrer. Michael Jurk bleibt. Von dem erwartet man, auch mal auf den Tisch zu hauen, auch wenn er erst Mitte 30 ist, und natürlich fürchtet er anfangs, all den Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Er sucht sich Hilfe durch Supervision, bekommt Unterstützung, vor allem von Linda aus einem Nachbardorf, die später seine zweite Frau werden wird und die ihm als gebürtige Brandenburgerin hilft, diesen Menschenschlag in Paulinenaue noch besser zu verstehen. Teilnehmer aus dem Bürgerdialog schätzen, dass er immer da ist und sich um andere kümmert, in schwierigen wie in glücklichen Momenten. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine verurteilt er während des Weihnachtsgottesdienstes mit klaren Worten.
Für einen Gottesmann ist es nicht einfach, da zu wirken, wo der Arbeiter- und Bauernstaat die Unfehlbarkeit der Partei an Gottes Stelle setzte, wo die Menschen den Bezug zur Kirche verloren haben, weil traditionelle Gottesdienste und fromme Predigten oft die Menschen nicht mehr erreichen. Kirchenaustritte also auch in Paulinenaue. Umso wichtiger wird ihm der persönliche Kontakt, das Gefühl, gebraucht zu werden und miteinander sprechen zu können. Mit der Zeit kennt man sich, fasst Vertrauen zueinander gerade in der schnelllebigen Zeit, in der sich traditionelle Bindungen auflösen. Übrig bleibt eine latente Unzufriedenheit, eine diffuse Angst, das Gefühl vieler Menschen gerade auf dem Land, nicht gehört zu werden. Bei der Bundestagswahl 2025 fallen 40,1 Prozent der Erststimmen auf die AfD. Weiß man denn nicht, wen man da wählt? Alles nur Protest? Wohl kaum.
In dem „Bürgerdialog“ geht es bei allen Themen darum, die Wahrheit zu finden und nicht um jeden Preis recht haben zu wollen. Hier darf jeder alles sagen, und keiner muss Angst haben. Und deshalb wird auch niemand ausgeschlossen, auch nicht jene, die AfD-Positionen übernommen haben. Aber kommen die überhaupt? Bei dem Bürgerdialog in Paulinenaue handelt es sich also auch um den Versuch, sich einem Trend entgegenzustemmen. Statt Vorverurteilung Argumente auszutauschen, Verständnis zu wecken statt Misstrauen zu säen, angstfrei miteinander zu reden statt sich hinter Mauern des Misstrauens abzukapseln. Vielleicht, so weiß auch Pfarrer Michael, bleibt man unter sich und erreicht die anderen nicht. Aber einen Versuch ist es wert, und dafür braucht es einen langen Atem. Nicht nur in Paulinenaue.