Gerade ist das Hörspiel „Captain Berlin und die wirklich wahre Geschichte vom Mauerfall“ als Vinylplatte erschienen. Die Geschichte des Superhelden begann 1982 in einem schrägen Video.
Fritz Neumann hat Superkräfte. Er kann fliegen. Er ist unheimlich stark. Er nimmt Dinge wahr, die andere nicht bemerken. Und er schafft es, etwas zu sein, was in Deutschland eigentlich unmöglich ist: ein nationaler Held. Fritz Neumann ist Captain Berlin. Und „eine Wiedergutmachung“, wie Jörg Buttgereit sagt. Der 61-Jährige hat Captain Berlin erfunden. Das war 1982. Da hatte er seinen ersten Auftritt in einem Kurzfilm.
Elf Minuten dauert „Captain Berlin – Retter der Welt“. Der roboterhafte Schurke und Erzfeind Mister Synth entführt in dem Film Captain Berlins heimliche Liebe, Miss Priscilla. Der Scherge des Schurken wurde gespielt von Bela B Felsenheimer, der damals gerade begann, als Musiker mit der Band „Die Ärzte“ Karriere zu machen. „Wir haben zusammen eine Dekorateurslehre gemacht und haben uns auf der Berufsschule kennengelernt“, erzählt Buttgereit.
Bela B spielte einen der Bösen
Er selbst hat einige Horrorfilme gedreht und arbeitet unter anderem als Filmkritiker. Captain Berlin war eigentlich nur ein Gag. Die Karikatur eines Superhelden. „Spiderman-Faschingsmaske, Berlin-Flagge und gelber Bruce-Lee-Trainingsanzug“, beschreibt Buttgereit das Outfit, in das er damals geschlüpft ist. Bis zum zweiten Auftritt dauerte es zwei Jahre. 1984 hieß es in einem Kurzfilm: „Captain Berlin gegen Hyxar“. Diesmal kämpfte der Held der Hauptstadt gegen ein Alien.
Die Filme wurden in Punk-Clubs gezeigt und über – wie es Buttgereit formuliert – „schummrige VHS-Raubkopien“ verbreitet. Inzwischen gibt es diese Frühwerke auf DVD – ebenso wie eine Aufzeichnung von Captain Berlins erstem und einzigem Bühnenauftritt. Bis zu dem gingen aber mehr als zwei Jahrzehnte ins Land.
2006 schrieb Jörg Buttgereit ein Hörspiel für den Westdeutschen Rundfunk: „Captain Berlin vs. Dracula“. Und wieder war Bela B Felsenheimer mit von der Partie. Er sprach Dracula. Drei Jahre später kommt die Geschichte auf die Bühne des Berliner Hebbel-Theaters. Dracula tauscht Buttgereit allerdings gegen Hitler aus. „Das ist relevanter fürs Theater“, erklärt Buttgereit. Zur DVD mit dem Stück gab es ein Booklet mit Infos und Hintergründen. Es war das erste Mal, dass Captain Berlin auf Papier greifbar wurde.
Normalerweise ist das umgekehrt: Superheldinnen und Superhelden machen Karriere, indem sie vom Comic auf die Leinwand kommen. Für Captain Berlin sollte es noch einige Jahre dauern, bis er zur Comic-Figur wurde. Erst 2013 erscheint die Erstausgabe der Captain-Berlin-Serie im Weissblech-Comic-Verlag. „Operation Untergang“ hießt die erste Episode, in der der Beschützer Berlins vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Untergrund erschaffen wird: „ein biologisch manipulierter Mensch, ein deutscher Superheld, der ein Attentat auf den Führer verüben sollte“, wie im Prolog erklärt wird.
Das mit dem Attentat klappt nicht so ganz. Denn Captain Berlin hat nicht nur Superkräfte, er hat auch immer mal wieder Pech. Mal findet er kein freies WC, um sich sein Superheldenkostüm anzuziehen, mal läuft ihm das Kostüm beim Waschen ein. „Eine patriotische Figur wie Captain America wäre hier nicht denkbar gewesen – und ist es heute noch nicht“, sagt Jörg Buttgereit. Auch deshalb betrachtet er seine Figur auch immer mit einem Augenzwinkern.
Aber 2013 „ist Captain Berlin endlich bei sich selbst angekommen: in bunten Bilderheftchen, dem Heimatmedium für Superhelden“, sagt sein Schöpfer. Wobei es nicht einfach gewesen sei, den Verlag zu überzeugen, dass das mit Captain Berlin funktioniert. Vier Jahre hat es gedauert, bis der Verlag bereit war, das Wagnis einzugehen. „Captain Berlin kommt aus der Subkultur und ist es eigentlich immer noch“, erklärt Buttgereit. Ein Massenmedium sind die Hefte nicht geworden. Und die Zeichner, die Jörg Buttgereits Gedanken in Bilder umsetzen, können davon nicht leben, wie er sagt. Dennoch: Vor wenigen Tagen ist das Hörspiel „Captain Berlin und die wirklich wahre Geschichte vom Mauerfall“ in giftgrünem Vinyl gepresst als Platte auf den Markt gekommen. Und Buttgereit hat schon Ideen für das 17. Comicheft.
Manchmal auch super verzweifelt
Die Nummer 16 ist geschrieben, der Zeichner arbeitet daran. Diesmal ist es Schwarwel. Das ist das Pseudonym von Thomas Meitsch. Dass der Verlag ihn für das neuste Abenteuer von Captain Berlin gewinnen konnte, freut Buttgereit besonders. Schwarwel wird nicht nur gerade für seine autobiografische Graphic Novel „Gevatter“ gefeiert und hat unter anderem auch Plattencover für Bela B Felsenheimer und „Die Ärzte“ gestaltet – er kommt aus Leipzig. Und damit ist er der erste Ostdeutsche, der den West-Berliner Superhelden zu Papier bringt. „Captain Berlin war immer eine West-Berliner Geschichte. Deshalb sind wir froh, jetzt einen Ost-Zeichner zu haben“, sagt Buttgereit.
In der neuen Geschichte geht es darum, dass die Erzfeindin von Captain Berlin, Hitlers irgendwie unsterbliche Leibärztin Ilse von Blitzen, eine neue Partei nach altem Muster gegründet hat. „Captain Berlins Super-Roboter erklärt ihm, dass das alles legal sei und man da nichts machen kann“, verrät Buttgereit. Dass Ilse von Blitzen in dieser Geschichte Alice Weidel ähnelt, sei natürlich Zufall.
Wie das Abenteuer ausgeht, verrät der Autor natürlich nicht. Aber in seinen Kämpfen gegen Nazis, den nordkoreanischen Diktator, seinen DDR-Widersacher „Genosse Berlin“, Zombies und Monster aus atomar verseuchten Gebieten in Tschernobyl und Fukushima hat Captain Berlin am Ende immer eine gute Figur gemacht.
Dass die Hefte im Stil der 60er-, 70er- und 80er-Jahre gemacht sind, ist kein Zufall. Man gestalte die Abenteuer von Captain Berlin absichtlich „retro“, erklärt Jörg Buttgereit. „Solche Comics gab es damals in Deutschland nicht. Wir füllen da also im Nachhinein eine Lücke“, sagt er. Das Ganze, ohne den Helden allzu ernst zu nehmen. Wie Superman ist Captain Berlin in seinem bürgerlichen Leben Reporter. Anders als Superman hat er aber Probleme damit, dieses Doppelleben zu organisieren. Der Chefredakteur setzt ihn ebenso unter Druck wie die Hausarbeit, die in seiner Wohnung liegen bleibt, während er mal wieder Berlin und die Welt rettet. Fritz Neumann hat Superkräfte, aber manchmal ist er auch super verzweifelt.