Ein 13-Jähriger bringt eine Klassenkameradin um. Seine Familie steht unter Schock. Die Suche nach dem Motiv wirft ein erschreckend aktuelles Schlaglicht auf das Sozialverhalten junger Menschen. Die britische Netflix-Serie „Adolescence“ macht uns Angst.
Früh morgens stürmt die Polizei in das Haus der Familie Miller und nimmt Jamie, den jungen Sohn (Owen Cooper), fest. Seine Eltern Eddie (Stephen Graham) und Manda (Christine Tremarco) und seine Schwester Lisa (Amélie Pease) sind wie vor den Kopf gestoßen. In ihrer Verzweiflung glauben sie an eine Verwechslung, an einen schlimmen Irrtum. Fassungslos begleitet Eddie seinen Sohn in die Polizeistation. Beim Verhör streitet Jamie die Mordtat energisch ab. Sein Vater, der völlig hilflos neben ihm sitzt, glaubt ihm natürlich. Dann traut er seinen Augen nicht: Die Polizei hat ein Video, das die Überwachungskamera am Tatort aufgenommen hat. Darauf ist ganz eindeutig zu sehen, wie Jamie mit dem Messer mehrmals auf seine Mitschülerin Katie (Emilia Holliday) einsticht. Da gib es keine falsche Spur mehr, keinen erlösenden Ausweg. Nur Entsetzen, Scham, Verzweiflung und Hilflosigkeit.
Die Idee zu „Adolescence“ hatte der britische Schauspieler und Drehbuchautor Stephen Graham, nachdem er von der schrecklichen Bluttat erfuhr, die sich in seiner Heimatstadt Liverpool zugetragen hatte. Ein vierzehnjähriger Junge erstach dort brutal ein zwölfjähriges Mädchen. „Das hat mich wirklich schwer getroffen“, sagte Graham bei der Premiere der Miniserie. „Wie konnte das nur geschehen? Was läuft denn da in unserer Gesellschaft falsch?“ Zusammen mit seinem Freund, dem Drehbuchautor Jack Thorne, versucht Graham nun, diesem Horror-Phänomen auf die Spur zu kommen. Und er hat damit wohl einen Nerv getroffen, der in der westlichen Welt offenbar schon länger blank liegt. „Adolescence“ hat – schon kurz nach dem Start am 13. März – Fernsehgeschichte geschrieben. In über 70 Ländern stand die vierstündige Miniserie auf Platz 1 der Streaming-Plattform Netflix.
Szenen ohne Kameraschnitt
Schon seit längerer Zeit wurde Jamie in der Schule gemobbt, was ihn innerlich vereinsamen ließ. Frustriert flüchtete er sich in die Scheinwelt des Internets und verrannte sich immer mehr in die dort kursierenden Gewaltfantasien und den Hass auf Frauen. Die Eltern – auch das legt die Serie offen – haben sehr oft überhaupt keinen Schimmer, was sich ihre Kids da so reinziehen. Der fatale Auslöser für Jamies Mordtat: Katie diffamierte ihn als „Incel“ – also als unfreiwillig ohne Sex lebenden Hetero-Mann, der einfach nicht in der Lage ist, eine Partnerin zu finden.
Was „Adolescence“ außerdem so packend macht, ist die Kameraführung: Alle Episoden wurden in einem Take gefilmt – ganz ohne Schnitt. Dadurch entsteht ein dramatischer Sog, dem sich der Zuschauer nur schwer entziehen kann. Der atemberaubende Höhepunkt dieses Psychodramas ist die dritte Episode. Jamie wartet in der Jugendstrafanstalt auf seinen Prozess und wird dort von der Psychologin Briony Ariston (Erin Doherty) evaluiert. Sie will herausfinden, was genau Jamie zur Tat trieb und wie er heute dazu steht. Ariston schafft es – nach langem Abtasten und mit einigen Tricks – Jamie aus der Reserve zu locken. Und was er dann offenbart, ist auch für sie schockierend. Bei dieser Psycho-Tour-de-Force umkreist die Kamera die beiden eine ganze Stunde lang. Ein dramaturgisch kluger Schachzug und eine doppelte schauspielerische Meisterleitung.
Überhaupt ist die Besetzung von „Adolescence“ erste Sahne. Allen voran Stephen Graham (auch sehr zu empfehlen: die Mini-Serie „A Thousand Blows“ bei Disney+), der den von Schuld zerrissenen Vater absolut authentisch spielt. Mit viel Empathie, aber ohne jeglichen Gefühlskitsch. Die wohl erschütterndste Szene gehört ihm: In der allerletzten Einstellung nimmt er den Stoffbären seines Sohnes vom Bett, drückt ihn an seine Brust und sagt: „Sorry, ich hätte es besser machen sollen.“ Und wie souverän der erst fünfzehnjährige Owen Cooper hier sein Schauspiel-Debüt abliefert, ist schlicht eine Offenbarung.