Der Jazz lebt. Der legendäre Gitarrist, Komponist und Bandleader Django Reinhardt gilt als Vater und Begründer des europäischen Jazz. Ein Blick auf die Geschichte des Jazz Manouche.
Dass der Jazz ein musikalisches Original und bis heute eine kulturelle Domäne Amerikas ist, wer wollte das bestreiten? Aber nicht alles, was klingt und swingt, ist auf den fruchtbaren Feldern jenseits des Atlantiks gewachsen. Auch Good Old Europe kann die kreative Urheberschaft eines Jazz-Stils für sich reklamieren. Um zu den Anfängen der europäischen Jazz-Diktion zu gelangen, sind im Rückspiegel der Historie mehr als 100 Jahre zu überwinden. Die ansteckende, aufwühlende, Glückshormone aktivierende Musik der Sinti und Roma bringt seit den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts die Füße der Enthusiasten rhythmisch zum Wippen, und sie hat im Laufe der langen Jahre nichts von ihrem Reiz und ihrer Popularität verloren.
Früher wurde ihr das Label „Zigeuner-Jazz“ angeheftet. Heute heißt sie – politisch korrekter – „Gypsy Jazz“ oder „Jazz Manouche“. Das klingende Weltkulturerbe hat seine Wurzeln in Belgien und Frankreich, und sein Stil-Vater, Doyen und herausragender Vertreter heißt Django Reinhardt. Die Geschichte beginnt am 23. Januar 1910. Im belgischen Örtchen Liverchies nördlich von Charleroi kommt Jean Reinhardt zur Welt. Seine Eltern (Mutter Tänzerin, Vater Musiker) geben dem Jungen, den bald alle „Django“ nennen, eine hohe Dosis Musiziertalent mit auf den Lebensweg, der ihn in das Geschichtsbuch des Jazz führen wird.
Schon im Kindesalter macht er als versierter Banjo-Spieler von sich reden. Und als er seine erste Gitarre geschenkt bekommt, ist er mit seinem melodiösen Einfallsreichtum und seiner Virtuosität bald der landesweit bewunderte Star in den Tanzsälen des Bal Musette. Django ist 17 Jahre jung, als ein folgenschwerer Unfall ihn beinahe das Leben kostet. Durch einen Brand in seinem Wohnwagen erleidet er schwere Verletzungen, die eigentlich die Fortsetzung einer Gitarristen-Karriere unmöglich machen: Zwei Finger seiner linken Hand, also der Griffhand, bleiben gelähmt.
Von dem schockierenden Befund will sich der junge Musiker aber nicht stoppen lassen. Mit eiserner Disziplin erarbeitet er sich eine Technik, die es ihm ermöglicht, allein mit Zeige- und Mittelfinger all die Single Notes und Akkorde zu greifen, die sein anspruchsvolles Spiel erfordert. Schon nach zwei Jahren hat er sein früheres instrumentelles Topniveau wieder erreicht.
Mit seiner rasant swingenden Band und seiner diabolischen Virtuosität feiert er bald Triumphe in den Konzertsälen von Toulon, Cannes und schließlich auch Paris. Dort gründet er mit dem kongenialen Geigen-Primas Stéphane Grappelli, zwei Rhythmusgitarristen und dem Bassisten Louis Vola das Quintette du Hot Club de France. Djangos Combo, die auf bis dahin einmalige Weise unbändige Energie und tänzerische Leichtigkeit zur Symbiose vereint, erobert die Herzen der Jazzfans im Sturm, zunächst in Frankreich, dann in ganz Europa.
Djangos Combo eroberte die Herzen der Fans im Sturm
Dass sich hier eine aus der Volksmusik destillierte Stilistik zu einem originellen Jazz-Stil ausgewachsen hat, spricht sich in den späten 1930er-Jahren auch im Mutterland des Jazz herum. Amerikanische Jazz-Ikonen suchen und finden Anschluss an Europas bestes Jazz-Ensemble. So ist es Stars wie Duke Ellington, Coleman Hawkins, Barney Bigard, Rex Stewart, Benny Carter, später auch Bebop-König Dizzy Gillespie eine Ehre und Freude, mit der Combo des belgischen Saiten-Zauberers aufzutreten.
Was von Django Reinhardt bleibt, sind nicht nur die vielen auf Schallplatten perpetuierten akustischen Zeugnisse seines überschäumenden Temperaments, seines furiosen solistischen Vermögens, seines melodiösen Erfindungsreichtums und seines unwiderstehlichen Swings. Nein, Frankreichs musikalische Lichtgestalt hat nicht nur als Interpret Maßstäbe gesetzt. Auch als Komponist besetzt und behauptet er seinen Platz in der musikalischen Ewigkeit. „Minor Swing“, „Daphne“, „Mélodie au Crépuscule“, vor allem aber sein Meisterwerk „Nuages“ finden sich im Tresor der Jazz-Standards. Der Meistergitarrist hat aber nicht nur Jazzmelodien komponiert, sondern einmal auch für eine berühmte Komposition Modell gestanden: 1954 setzte ihm einer seiner größten Bewunderer ein klingendes Denkmal: John Lewis, der Gründer und Leiter des Modern Jazz Quartet, komponierte mit „Django“ eine einfühlsame Ballade, die mit ihrem melancholischen Duktus und ihrer herben Schönheit betört und einer der erfolgreichsten Jazz-Evergreens wurde.
Django Reinhardt waren nur 43 Lebensjahre vergönnt. Als sein Ende nahte, hatte er mit der Musik bereits abgeschlossen. Dem Komponisten, Arrangeur und Bandleader André Hodeir gestand er, sein Instrument langweile ihn, er sei es leid, weiter Gitarre zu spielen. Angesichts seiner relativ kurzen Karriere ist der Einfluss dieses wirkmächtigsten aller Gypsy-Jazz-Stilisten immens. Auf der breiten Spur, die der Jazz Manouche in der Jazzhistorie hinterlassen hat, halten seit Djangos Tod immer wieder Generationen von Gitarristen die Gypsy-Tradition hoch. Häns’che Weiss, David Reinhardt, Marc Fosset, Boulou Ferré, Dorado Schmitt, Biréli Lagrène, Stochelo Rosenberg, Babik Reinhardt, Joscho Stephan sind nur einige von den vielen kapitalen Gitarristen, die das Erbe ihres Nestors bis heute mit Verve und ungebrochenem Erfolg kultivieren.
Bemerkenswert ist, dass keiner von Djangos Alumni der Versuchung erliegt, den Jazz Manouche in die Moderne zu führen oder ihn auch nur mit zeitgeistigen Einsprengseln ein wenig zu aktualisieren. Nein, wer sich als Interpret in die Gypsy-Sphären begibt, der tut dies mit tiefem Traditionsbewusstsein und mit einem Hofknicks vor Django Reinhardt.
Dessen bedeutendster Jünger, der aus Saverne stammende Biréli Lagrène, fährt stilistisch zweigleisig: An der Seite von Jaco Pastorius, Didier Lockwood und Jacky Terrasson hat er den Kontemporär-Jazz um wichtige Akzente bereichert. Wenn er im Geiste Djangos die Gypsy-Farbe bedient, musiziert er kompromisslos in deren überlieferter Reinkultur. Die elektrisierend swingende Musik der Sinti und Roma war, ist und bleibt auf dem Jazzmarkt ein Publikumsmagnet. Sich ihr hinzugeben ist kein Griff ins verstaubte Regal der Jazzgeschichte, sondern ein zeitloser Genuss.
Wer’s nicht glaubt, lasse sich beim „fill in – International Jazz Festival Saar“ vom niederländischen Stochelo and Mozes Rosenberg Trio überzeugen: Django lives!