Saxofonistin Lakecia Benjamin ist als Session-Musikerin etabliert, sie spielt mit Stars wie Stevie Wonder und Alicia Keys. Die Gewinnerin des Deutschen Jazzpreises 2023 und Grammy-nominierte Künstlerin bringt ihre mitreißende Show zu „fill in“.
Lakecia Benjamin, Sie wuchsen im New Yorker Stadtteil Washington Heights auf, auch bekannt als „Little Dominican Republic“. Während Merengue-Rhythmen die Straße dominierten, gab es in Ihrem Zuhause andere musikalische Vorlieben: Ihre Mutter war Michael-Jackson-Fan, Ihre Tante liebte Motown, Ihre Großmutter Gospel. Wie sind Sie zum Jazz gekommen?
In meinem Viertel waren Gewalt und Kriminalität an der Tagesordnung. Um dem zu entkommen, bewarb ich mich an einer Highschool für darstellende Künste. Ich spielte bei Bob Stewart vor, einem Jazzmusiker. Er bescheinigte mir Talent, aber ich hatte keine Ahnung von Jazz! Da er gerade ein Lead-Alto-Sax für das Schulorchester suchte, sagte er, ich solle mir Duke Ellington, Charlie Parker, John Coltrane, Charles Mingus, Kenny Garrett anhören – und dann machte er mich zur Bandleaderin. (lacht)
Es gibt wohl kaum einen Profikünstler, hinter dessen Erfolg nicht Blut, Schweiß und Tränen stecken, stimmt’s?
Definitiv! Ich glaube, wir haben als Gesellschaft ein Wahrnehmungsproblem: Es erfordert Zeit, eine Sache zu meistern. Alles andere ist eine Illusion. Wer nicht liebt, was er tut, wird es nicht weit bringen. Man braucht Disziplin und Durchhaltevermögen.
Sie erlitten 2021 bei einem Autounfall schwere Verletzungen, darunter einen Trommelfellriss und einen gebrochenen Kiefer. Kurz darauf gingen Sie wieder auf Tour.
Das war eine sehr schwere Zeit, aber ich habe mein Vertrauen in Gott gesetzt, den Blick nach vorne gerichtet und war erfüllt von der tiefen Liebe zur Musik und der Kraft ihrer Sprache.
In dieser Zeit entstand Ihr Album „Phoenix“. Ein Stück, das daraus besonders hervorsticht, ist „Amerikkan Skin“, es beginnt mit Sirenen und Schüssen. Wie kam es zu diesem Song?
2020 hatte es die „Black Lives Matter“-Proteste gegeben. 2021 steckten wir mitten in der Coronapandemie. Man hörte Krankenwagen, Leichentransporte, Polizeisirenen, alle waren in Alarmbereitschaft. Das Heulen der Sirenen auf „Amerikkan Skin“ erinnert mich an meinen Autounfall, es steht aber auch für die Tragödien, die andere Menschen erleben. So kann ich mich mit ihnen identifizieren. Die ganze Welt befand sich damals im Ausnahmezustand, auch wenn er für jeden persönlich etwas anderes bedeutete. Musik ist für die Menschen da, sie verbindet uns, ist ein Spiegelbild der Realität. Wenn es keine soziale Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gäbe, gäbe es auch keine Songs darüber.
Wie sehr beunruhigt Sie die aktuelle Realität in den USA?
Ich bin wahnsinnig traurig und enttäuscht. Am meisten beunruhigt mich die Spaltung der Gesellschaft: Freunde reden nicht mehr miteinander, Familien zerbrechen. Das wahre Problem ist der Klassenunterschied, alles andere ist Ablenkung. Die Grenzen des Wachstums werden dauernd verschoben, und davon profitieren nur die Wenigsten. Sind wir wirklich glücklicher, wenn wir ein schickeres iPhone haben? Einen Trost gibt es aber: Schlechte Zeiten bringen gute Musik hervor. (lacht)
Apropos Ausloten der Wachstumsgrenzen: Zum technologischen Wandel gehört auch die Künstliche Intelligenz. Wie denken Sie darüber als Künstlerin?
Spontan würde ich sagen: Lasst die Finger davon! Mir gefällt zwar der Gedanke, dass KI uns das Leben leichter machen kann, aber werden wir dadurch nicht faul und dumm? Ich denke, KI dient in erster Linie dazu, einigen wenigen Menschen sehr viel Geld einzubringen. Außerdem schreitet die Entwicklung so rasant voran, ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Maschine nicht irgendwann über ein eigenes Bewusstsein verfügen wird. Wenn uns KI hilft, Krebs zu heilen: super. Aber in der Kunst, in der Musik, hat KI nichts zu suchen. Wer einen Song schreiben will, sollte lernen, ihn selbst zu komponieren.