Beim „fill in – International Jazz Festival Saar“ in Saarbrücken wird der Oud-Meister Dhafer Youssef zeitgenössischen Jazz mit der traditionellen Musik Tunesiens verbinden.
Die Handwerkstechnik des Blaudrucks, die Parfümkunst aus Südfrankreich, das Spielen auf der arabischen Laute Oud – sie alle gehören zum von der Unesco anerkannten Immateriellen Kulturerbe. Dhafer Youssef gilt als Oud-Meister, hervorragender Sänger und Komponist. Man kann nicht behaupten, dass der Tunesier keine Geduld hätte. An seinem aktuellen Album „Street of Minarets“ hat er fünf Jahre gearbeitet, unterstützt von der Crème de la Crème der Jazz-Welt: Herbie Hancock (Klavier), Nguyên Lê (Gitarre), Rakesh Chaurasia (Bansuri), Ambrose Akinmusire (Trompete), Marcus Miller (E-Bass), Dave Holland (Kontrabass), Vinnie Colaiuta (Schlagzeug) und Adriano Dos Santos Tenorio (Percussion). So sieht eine Traumband aus.
„Street of Minarets“ ist eine Selbstfindungsreise. Sie beginnt mit Youssefs Gesang vor einer wirbelnden elektronischen Klangkulisse. Das Titelstück gibt den Ton an und bereitet den Hörer auf eine Stunde aufregender Musik vor, die sich oft nicht einordnen lässt. Kritiker bezeichnen Youssefs Klänge als eine Mischung aus traditioneller Sufi-Musik, Weltmusik und Jazz-Einflüssen mit arabischer Lyrik. Er selbst sieht sich jedoch nicht als Jazzmusiker. Er sei eher Improvisator. Vielleicht mache er Fusion, aber sicher keine Weltmusik. Was er spielt, hat auf jeden Fall viel mit Improvisation zu tun. Es geht ihm immer darum, ein Risiko einzugehen. Für Dhafer Youssef muss es kreativ sein. Deshalb vermeidet er Klischees. Am meisten hasst er es, wenn Musiker in die Falle des Orientalismus und Exotismus tappen.
Der Künstler spielt bei Auftritten hauptsächlich die Oud, begleitet von seinem internationalen Orchester, das normalerweise aus Klavier, Flöte, Schlagzeug, Kontrabass und E-Bass besteht. Eines der bestimmenden Merkmale seiner Musik ist die ungewöhnliche Gesangstechnik, die er anwendet. Sie wirkt auf Ersthörer oft etwas seltsam.
„Ich komme zwar aus der Tradition, singe aber nicht traditionell“, sagt der 1967 geborene Tunesier, der einer langen Linie von Muezzinen entstammt und schon als kleiner Junge eine Gesangsausbildung erhielt. Später studierte er in Tunis und in Wien. Er habe aber keine Regel und singe auf seine ganz eigene Art, sagt er. Hauptsache dabei sei, dass es homogen ist, dass es gut und richtig klingt, dass es zur Musik passt, zur Improvisation, zur Atmosphäre, zum Thema und vor allem zu ihm. Konkrete Texte singt Dhafer Youssef fast nie und wenn, dann irgendwelche Improvisationen.
Auf seinem älteren Album „Electric Sufi“ gibt es das Stück „Al-Hallaj“. Es bezieht sich auf den gleichnamigen persisch-irakischen Sufi-Meister und Dichter, der im 9. und 10. Jahrhundert in Bagdad wirkte. Er ist berühmt für seinen Ausspruch „Ich bin die (göttliche) Wahrheit“. Seine Schriften haben auch in belletristischen Werken von Friedrich Rückert (deutscher Dichter, Übersetzer und Begründer der deutschen Orientalistik; Quelle: Wikipedia; Anm. d. Red.) Beachtung gefunden. Für Youssef ist Al-Hallaj so wichtig wie Jesus Christus.